Wut und Terror : Der Hassende hält alle anderen für blind

Hass und Gewalt scheinen allmählich ein Massenphänomen zu werden. Dabei sollten sich die Hassenden fragen: Liegt man wirklich richtig, immer?

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Harald Martenstein. Foto: picture alliance / dpa
Harald Martenstein.Foto: picture alliance / dpa

Neue Trends, die aktuelle Herbstmode, was gibt es denn da so? Ich würde sagen, der wichtigste neue Trend ist der Hass. Und die Gewalt natürlich! In Deutschland wird in einer so heftigen Weise und so zahlreich gehasst, wie ich es seit Jahrzehnten nicht erlebt habe – zuletzt vielleicht Ende der 60er Jahre, als sich die APO und die Gegner der APO gehasst haben. Da war ich noch klein, aber man hat’s auch als Kind gespürt.

Klar, in den Jahren dazwischen gab es in Deutschland auch immer mal wieder Hass. Es gab Morde, es gab Terror. Es war nie ein Paradies. Aber heute scheinen Hass und Gewalt allmählich ein Massenphänomen zu werden.

Leute, die hassen, haben alle etwas gemeinsam. Sie halten es für unmöglich, dass sie sich irren. Sie sind felsenfest davon überzeugt, dass sie für das Richtige stehen. Natürlich gibt es zu vielen Fragen ein „Richtig“ und ein „Falsch“, jeder hat so seine Vorstellungen davon. Und wenn es um eine Frage geht, die man für sehr wichtig hält, für existenziell, die ganze Menschheit betreffend, oder das eigene Land betreffend, dann kann einem schon der Gedanke kommen, dem anderen auf den Kopf zu hauen oder sein Haus anzuzünden. Es geht ja ums Ganze.

Der Hassende hält die anderen für blind

Eine Bedrohung für die Nation muss abgewendet werden, der einzig wahre Glaube muss durchgesetzt werden, das Glück der Menschheit steht auf dem Spiel, und so weiter. Nehmen Sie die rechten Schläger und Brandstifter, nehmen Sie den „Islamischen Staat“, nehmen Sie Nordkorea, das sind völlig verschiedene Phänomene, aber es steckt doch immer das Gleiche dahinter. Man sagt, Hass sei blind. Aber der Hassende ist der genau entgegengesetzten Meinung, er hält die anderen für blind. Nur er sieht die Wahrheit, davon ist er überzeugt.

Vielleicht bin ich naiv, vielleicht irre ich mich wieder einmal. Aber ich glaube, dass jemand, der in seinem Kopf ein winziges Eckchen für den Zweifel offen lässt, und sei es vielleicht nur ein Prozent, nicht wirklich hassen kann. Wenn ich die Möglichkeit nicht völlig ausschließe, dass die verhassten Ansichten und die verhassten Taten des anderen am Ende, und sei es nur in einem Teilbereich, eventuell nicht ganz falsch sein könnten, dann ist es doch unmöglich, in dem anderen nicht den Mitmenschen zu sehen.

Eine Hasstherapie müsste damit beginnen, dass man die eigene Lebensgeschichte erforscht. Hat man immer richtig gelegen, wirklich immer? Gibt es nichts, wirklich nichts, das man im Nachhinein bereut? War man selber wirklich nie, in keiner Sekunde, auf der anderen Seite, bei den Blinden, den Gefährlichen, den Dummen? Wenn Sie mich fragen, welcher Text unbedingt Schulstoff sein muss, dann wäre meine Antwort: das Gedicht „Lob des Zweifels“ von Bert Brecht.

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