Politik : Zehn Jahre Stillstand

In die Sicherheitstechnik ist wegen der Atomausstiegspolitik kaum noch investiert worden

 Dagmar Dehmer

Berlin - Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat eine rasche Überprüfung der Sicherheitsstandards in allen 17 deutschen Atomkraftwerken angekündigt. Es dürfe bei der Sicherheit keine Kompromisse geben. „Alles andere hat sich dem unterzuordnen“, sagte sie am Wochenende.    Sie kündigte an, am Dienstag zunächst mit den Ministerpräsidenten der Länder über die Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke zu beraten. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) will mehr über den Zustand der Kühlsysteme erfahren. Alles, was man von der Katastrophe in Japan lernen könne, „werden wir lernen“.

Im Zuge der Laufzeitverlängerung im vergangenen Herbst war mit den Atomkonzernen vereinbart worden, dass sie Kosten bis zu einer halben Milliarde Euro pro Meiler für eine Nachrüstung aufzubringen haben. Was darüber hinaus geht, dürfen sie von ihren Beiträgen für den mit der Regierung vereinbarten Energie- und Klimafonds abziehen. Bund und Länder einigten sich auf eine Liste von möglichen Nachrüstungen, die jedoch für die alten Atomkraftwerke, die gerade um acht Jahre verlängert worden sind, wohl gar nicht mehr in Angriff genommen werden müssten, weil sie in der Priorität als mittelfristig gelten.

Sechs der 17 deutschen Atomkraftwerke sind Siedewasserreaktoren, die mit denen in Fukushima durchaus vergleichbar sind. Als besonders problematisch gelten die Siedewasserreaktoren der Baureihe 69 in Brunsbüttel, Isar 1, Philippsburg 1 sowie Krümmel. Die beiden Siedewasseranlagen in Gundremmingen (B und C) sind neueren Datums. Eine Schwachstellenanalyse aus dem Oktober 2010, die federführend vom Chef des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Universität für Bodenkultur in Wien erstellt worden ist, nennt eine Vielzahl von Schwachstellen, die auch durch eine Nachrüstung nicht zu beheben wären, weil sie konstruktionsbedingt seien. Professor Wolfgang Kromp und seine Mitautoren bemängeln beispielsweise zu viele Schweißnähte am Reaktordruckbehälter. Dieses innere Gefäß, das bei den beiden havarierten Atomkraftwerken in Fukushima zumindest bis Sonntagnachmittag standgehalten hatte, ist der wichtigste Schutz vor Strahlung. Er wird umgeben von einem Sicherheitsbehälter, aus dem der Dampf abgeführt wird, der von dort über die Turbinen geleitet wird, um Strom zu erzeugen. Die Gebäudehülle ist bei der Baureihe 69 kein Schutz. Sie ist weder auf Flugzeugabstürze noch auf Angriffe von außen ausgelegt.

Doch die größten Bedenken haben Kerntechniker seit Jahren eher wegen der Komponenten, die nicht direkt mit der Radioaktivität in Berührung kommen. Bei den älteren Anlagen, nicht nur der Baureihe 69, gibt es zwar inzwischen auch vier Notstromdiesel, die dann anspringen sollen, wenn eine Notkühlung erforderlich ist. Doch diese vier Diesel sind nicht wie bei neueren Anlagen zweisträngig geführt, sondern einsträngig. Das bedeutet: Alle vier Notstromdiesel hängen letztlich an einer Stromleitung. Wie problematisch der Ausfall dieser Allerweltskomponenten bei einem Atomkraftwerk sein kann, zeigt gerade die Krise in Japan.

Dass auch ein Trafobrand kein triviales Ereignis ist, wenn er bei einem Atomkraftwerk stattfindet, hat der Zwischenfall in Krümmel gezeigt, der dazu führte, dass die Anlage seit Jahren keinen Strom mehr liefert. Durch den Trafobrand gab es Probleme mit der Stromversorgung des Kraftwerks selbst. Der Rauch des Brandes zog in die Hauptwarte des Meilers, von wo aus die Anlage von Hand gesteuert werden musste. Dort wiederum kam es zu Missverständnissen, die zunächst zu einigen Fehlentscheidungen führten. Schließlich öffnete ein Mitarbeiter ein Druckentlastungsventil und ermöglichte es so, die Anlage wieder in einen ungefährlichen Zustand zu überführen. Für Notfälle wie diesen gibt es keine Nachrüstung.

Wegen der Atomausstiegspolitik sind speziell die alten Anlagen zehn Jahre lang nur noch minimal sicherheitstechnisch nachgerüstet worden. Mit dem Argument der „Verhältnismäßigkeit“ ließ sich das jederzeit rechtfertigen. Und es sieht ganz danach aus, dass die acht Jahre Laufzeitverlängerung erneut als nicht ausreichend lang betrachtet werden, um noch einmal viele Millionen Euro in die Sicherheitstechnik zu investieren.

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