Zitat im TV-Duell : Schulz und der Mystiker

Der islamische Mystiker Dschalal ad-Din Rumi inspirierte Martin Schulz bei der Integrationspolitik im TV-Duell. Auch Erdogan bedient sich öfters bei ihm. Ein Porträt.

Valentin Feneberg
Foto: Reuters

Nicht nur der Häme Maybrit Illners war Martin Schulz kurz ausgesetzt, als er im TV-Duell beim Thema Integration und Islam ein Zitat eines islamischen Mystikers einleitete mit der ungelenken Formulierung, er habe im Vorfeld der Sendung „ein paar Sachen nachgelesen“. Auch in den sozialen Netzwerken machte man sich lustig über das etwas hölzern wirkende Heranziehen eines mittelalterlichen Gelehrten als Beleg für die Integrationsfähigkeit des Islam. „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, an dem treffen wir uns“, lautete der Spruch, den der SPD-Kanzlerkandidat zitierte.

Das Zitat stammt vom Dichter Dschalal ad-Din Rumi, kurz: Rumi (1207-1273), der wegen seiner persischen Herkunft häufig als Schiit bezeichnet wird, wie auch von Martin Schulz. Rumi ist genau genommen ein Vertreter des Sufismus, der mystischen Strömung im Islam, die bekannt ist für ihre friedliche und tolerante Auslegung des Koran und sich auf die spirituellen Aspekte der Liebe zu Gott konzentriert.

Grund für die große Berühmtheit Rumis schon zu Lebzeiten war seine Fähigkeit, die Lehren des Sufismus poetisch zu deuten, sie in Dichtung zu verwandeln. Sein Hauptwerk, die „Matnavi“ (zu Deutsch etwa: „Spirituelle Doppelverse“) umfasst knapp 26 000 Verse und beleuchtet in Form von Erzählungen, Anekdoten und Koraninterpretationen das Kernthema des Sufismus, die mystische Liebe.

Seine zweite Lebenshälfte verbrachte der Dichter in der heutigen Türkei, in der Stadt Konya. Dort lebte und lehrte er etwa dreißig Jahre lang, bis zu seinem Tod. Rumis Mausoleum gilt als Wahrzeichen Konyas und ist bis heute ein Wallfahrtsort für seine Anhänger. Dass es bereits in den Zwanziger Jahren, im Zuge der Säkularisierung der Türkei unter Kemal Atatürk, in ein Museum umgewandelt wurde, tat dem Zustrom der Gläubigen keinen Abbruch. Auch Rumis Dichtung erfreut sich in der Türkei noch heute großer Beliebtheit, über die Grenzen politischer Feindschaften hinweg: Präsident Erdogan zitiert den Dichter ebenso wie der Prediger Fethullah Gülen; das Rumi-Forum in Düsseldorf ist Teil seiner Bewegung.

Um auf das von Schulz verwendete Zitat zu stoßen, muss man kein Islamwissenschaftler sein: Es wird häufig im Bereich der kulturellen Bildung eingesetzt, wenn es um Diversität und Pluralismus geht. Ob der SPD-Kandidat sich noch weiter in die „Matnavi“ vertieft hat, ließ er offen. Ein Kapitel darin trägt den Titel „Die Großen dieser Welt“. Valentin Feneberg

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