Zu wenig ambulante Hilfe für Todkranke : Jeder Zweite stirbt im Krankenhaus

Nur sechs Prozent der Menschen möchten ihr Leben im Krankenhaus beenden, tatsächlich stirbt fast jeder Zweite im Klinikbett. Am höchsten ist der Anteil in Berlin.

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Wenn es ans Sterben geht, möchten die meisten zuhause sein. Doch in Deutschland ist das nur jedem Fünften vergönnt.
Wenn es ans Sterben geht, möchten die meisten zuhause sein. Doch in Deutschland ist das nur jedem Fünften vergönnt.Foto: dpa

Im Krankenhaus oder im Pflegeheim sterben zu müssen, ist für die meisten Menschen in Deutschland eine Horrorvorstellung. 76 Prozent wünschen sich, dass sie der Tod in der vertrauten Umgebung zu Hause ereilt. Tatsächlich ist dies im Alter aber nur jedem Fünften vergönnt. Obwohl lediglich sechs Prozent der Menschen im Krankenhaus sterben möchten, machen 45,7 Prozent der über 64-Jährigen ihren letzten Atemzug in einem Klinikbett. In Berlin sind es – einsamer Rekord unter allen Bundesländern – sogar 48,8 Prozent. Und für 31 Prozent endet das Leben dort, wo nur zwei Prozent sterben wollen: im Pflegeheim.

Kluft zwischen Sterbewunsch und -wirklichkeit

Wie groß die Kluft zwischen Sterbewunsch und -wirklichkeit hierzulande ist, lässt sich – detailgenau und auf einzelne Regionen heruntergebrochen – in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung nachlesen, die am Montag vorgestellt wurde. Und weil der Hauptgrund für das Sterben in ungewollter Umgebung das Fehlen ambulanter Strukturen für die Todkranken ist, passt der Befund auch zielgenau in die politische Woche.

An diesem Donnerstag nämlich will der Bundestag ein Hospiz- und Palliativgesetz beschließen, das eine bessere Betreuung sterbender Menschen ermöglichen soll. Und einen Tag später geht es im Parlament um Sterbehilfe. Die Abgeordneten entscheiden darüber, ob und in welcher Form „geschäftsmäßige“ Suizidbeihilfe unter Strafe gestellt wird.

Den Zusammenhang zwischen beidem hat am Montag noch mal Bundespräsident Joachim Gauck betont. Eine Stärkung der Palliativ- und Hospizversorgung sei eine angemessene Antwort auf den möglichen Wunsch nach Sterbehilfe, sagte Gauck bei einer Veranstaltung zur Sterbebegleitung in Schloss Bellevue. Damit nehme man den Menschen „einen Teil der Angst, aus der sonst in vielen Fällen der Ruf nach Sterbehilfe erwächst“.

Palliativmedizin nur für 30 Prozent der Sterbenden

Der Erhebung zufolge klaffen diesbezüglich allerdings noch gewaltige Lücken. So erhielten im vergangenen Jahr immer noch nur knapp 30 Prozent der Sterbenden palliativmedizinische Hilfe. Dies weise auf eine erhebliche Unterversorgung hin, so Lukas Radbruch von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Schließlich benötigten fast 90 Prozent aller Menschen am Lebensende die Hilfe von Schmerzmedizinern, um nicht unnötige Qualen zu erleiden.

Derzeit fehlten etwa in einem Viertel aller Kreise in Deutschland spezialisierte Palliativmediziner, heißt es in der Studie. Für ein würdevolles Sterben zu Hause müsse die ambulante Palliativversorgung vor allem in ländlichen Gebieten weiter ausgebaut werden. Zudem müssten etliche Bundesländer bei der Versorgung aufschließen. Wäre etwa das Angebot in allen Ländern vergleichbar organisiert wie in Baden-Württemberg, so der Befund, müssten „jährlich rund 37 000 Menschen weniger im Krankenhaus sterben“.

Nur vier Länder sind gut aufgestellt

Vergleichsweise gut mit ambulanten Palliativmediziner ausgestattet sind außerdem Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Hessen komme auf mehr als doppelt so viele Ärzte mit palliativmedizinischer Zusatzqualifikation wie Thüringen, rechnen die Autoren vor. Und je mehr ambulante Palliativmediziner, desto weniger Sterbefälle in den Kliniken. Während in Baden-Württemberg: 41,4 Prozent der über 64-Jährigen ihr Leben im Klinikum beenden, sind es in Nordrhein-Westfalen 48,7 Prozent. Trauriger Spitzenreiter ist übrigens Gelsenkirchen, dort sind es 56,1 Prozent.

Im Ländervergleich wird NRW nur noch von Berlin geschlagen. In keinem anderen Bundesland sterben gemessen an der Bevölkerungszahl mehr ältere Menschen im Krankenhaus. Das korrespondiert mit der niedrigen Zahl von ambulant tätigen Ärzten mit palliativmedizinischer Zusatzqualifikation. Berlin kommt hier pro 100 000 Einwohner auf gerade mal 3,2 Mediziner. Das reicht nur für den 14. Platz. Niedersachsen hat mit 8,2 mehr als doppelt so viele solcher Ärzte, im Bundesdurchschnitt sind es 4,8.

Nur in Brandenburg gibt es noch weniger Hospizdienste als in Berlin

Auch bei den ambulant und stationär tätigen Palliativmedizinern ist Berlin mit 8,7 pro 100 000 Einwohner abgeschlagen. Im Schnitt sind es deutschlandweit 10,8. an der Spitze liegt Hessen mit 15,4. Und bei den ambulanten Hospizdiensten belegt Berlin mit 9,4 auf eine Million Einwohner ebenfalls den vorletzten Platz. Der Schnitt beträgt 15,6. Baden-Württemberg hat 28,2.

Schlimmer ist die Situation nur in Brandenburg, wo es für eine Million Menschen nur 8,6 Hospizdiensten gibt. Der Studie zufolge würde jeder Zehnte seinen angekündigten Tod gerne im Hospiz erwarten – tatsächlich bekommen dort nur drei Prozent einen Platz.

Der Studie zufolge gibt es in Berlin derzeit etwas mehr als 200 Betten in stationären Hospizen und 72 Betten auf Palliativstationen. Hinzu kommen neun ambulante Hospizdienste und fünf Teams, die auf die ambulante Versorgung Todkranker spezialisiert sind. 32 Berliner Ärzte sind ambulant tätige Palliativmediziner. Brandenburg ist hier besser aufgestellt. Auf die nur 2,45 Millionen Bewohner kommen 52 Palliativmediziner, neun ambulante Hospizdienste und vier spezialisierte Palliativ-Teams. In Hospizen stehen 85 Betten bereit, auf Palliativstationen sind es 54.

Linke: Geplante Verbesserung reicht nicht aus

Der Ausbau der ambulanten Versorgung müsse Vorrang erhalten, forderte Brigitte Mohn vom Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Es werde „deutlich, dass die 200 Millionen Euro, die das Hospiz- und Palliativgesetz vorsieht, für eine bedarfsgerechte Versorgung in allen Regionen des Landes bei weitem nicht ausreichen“, sagte die Linken-Abgeordnete Birgit Wöllert. Und auch die Stiftung Patientenschutz nannte die geplanten Verbesserungen nicht ausreichend. Der Bundestag müsse die Zeit bis zur Abstimmung dringend noch zur Nachbesserung nutzen.

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