Zukunft der Arbeit : DGB-Chef warnt: Crowdworking gefährdet Arbeitnehmerrechte

Rainer Hoffmann stellt fünf Forderungen für einen faireren Umgang in einer digitalisierten Wirtschaft. Sonst droht uns ein Prekariat der Scheinselbstständigen. Ein Gastbeitrag.

Reiner Hoffmann
Reiner Hoffmann, Vorsitzender DGB-Bundesvorstand, bei der Maikundgebung der Gewerkschaften mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles.
Reiner Hoffmann, Vorsitzender DGB-Bundesvorstand, bei der Maikundgebung der Gewerkschaften mit Bundesarbeitsministerin Andrea...Foto: Ina Fassbender/dpa

Die Digitalisierung ist ein Megatrend unserer Zeit und verändert die Arbeitswelt grundlegend. Für Optimisten steht fest: Sie erleichtert unsere Arbeit, verschafft uns flexiblere Arbeitszeiten, schont die Umwelt, macht uns gesünder und hilft uns, Beteiligungsrechte auszubauen. Für Pessimisten ist klar: Die digitale Transformation verführt zu totaler Überwachung der Mitarbeiter, verdrängt massenhaft Arbeitsplätze, entwertet Qualifikationen, macht uns krank und fördert neue prekäre Beschäftigungsformen.

Diese Diskrepanz zeigt deutlich: Wenn sich Arbeit verändert, wird die Diskussion sehr schnell schwarz-weiß. Als Gewerkschafter sind wir Realisten: Wir sind nicht naiv und sehen die Risiken. Wir erkennen aber auch die Chancen und wollen gestalten.

Fünf Aspekte sind in dieser Diskussion besonders wichtig. Erstens wünschen sich zahlreiche Beschäftigte mehr Wahlfreiheit beim Arbeitszeitumfang. Teilzeitbeschäftigte wollen oft mehr, Vollzeitbeschäftigte weniger arbeiten: Ein Berufseinsteiger hat andere Bedürfnisse als der Vater von zwei kleinen Kindern; eine in Teilzeit arbeitende Mutter will ihre Stundenzahl erhöhen, wenn sie ihr Kind gut betreut weiß. Bisher haben vor allem Arbeitgeber Flexibilität von ihren Beschäftigten gefordert. Wir brauchen einen fairen Kompromiss, der die Souveränität der Beschäftigten garantiert: Wer mobil arbeitet, muss ein Rückkehrrecht auf den betrieblichen Arbeitsplatz haben. Ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit muss fixiert werden, und Arbeitnehmer in befristeter Teilzeit müssen einen Anspruch auf Rückkehr in die Vollzeit bekommen. Wir fordern zusätzliche Mitbestimmungsrechte beim Outsourcing oder bei Zielvereinbarungen. Wir wollen, dass erreichbare Ziele vereinbart werden.

Zweitens müssen wir auch die neuen Arbeitsformen fair gestalten: Unternehmen der Sharing Economy boomen. Über Airbnb ein Zimmer buchen, bei Uber ein Auto bestellen oder mit Helpling Reinigungshilfen suchen, gehört zum Alltag. Bei dieser Form des Crowdworking werden Arbeitsaufträge über Internet-Plattformen durch die „crowd“ abgearbeitet. Was aber bei den Vermittlungs- und Auktionsplattformen als flexible Zuverdienstmöglichkeit angepriesen wird, gerät schnell zur prekären Vollzeitbeschäftigung. Das soziale Risiko ist hoch, denn gesetzlicher Mindestlohn, Zuschläge für Nacht- oder Feiertagsarbeit, Überstundenzuschläge, Sozialversicherung, Arbeitslosengeld, Urlaubsgeld und viele andere Rechte gelten für Crowdworker nicht, weil sie formal selbstständig sind. Neben fairer Entlohnung wollen wir faire Standards durchsetzen. Die Plattformen müssen transparenter werden mit klaren Kriterien zu Entgelt, Zahlungsmoral und realistischen Aufgabenstellungen.

Drittens müssen wir eine Strategie entwickeln, wie man notwendige, neue Kompetenzen erwirbt: Die neuen Arbeitsformen umfassen immer komplexere Tätigkeitsfelder. Wir brauchen eine neue Kultur des Lernens und der Weiterbildung, die ermutigend ist, Spaß macht, Lust auf Veränderungen erzeugt und eine Perspektive auf ein besseres Leben vermittelt.

Viertens wollen wir kollektive Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten stärken: Für den digitalen Wandel unserer Wirtschaft sind Beteiligung und Mitbestimmung entscheidend, um beschäftigungsorientierte Innovationen zu entwickeln und umzusetzen – deshalb brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Mitbestimmung.

Fünftens müssen Datensicherheit und Datenschutz neu gedacht werden: Vertrauen ist die Grundlage für Veränderung. Die Digitalisierung der Arbeitswelt kann nur gelingen, wenn Datensicherheit und Datenschutz für Betriebe und Beschäftigte bestehen. Big Data und die Schnittstellen von Mensch und Maschine bergen immer größere Möglichkeiten zu Leistungs- und Verhaltenskontrollen. Wir wollen keine gläsernen Beschäftigten – deshalb brauchen wir ein eigenständiges Arbeitnehmerdatenschutzgesetz und eine europäische Datenschutzverordnung, die die nationalen Standards verbessert.

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