Zukunft der katholischen Kirche : Marx gibt den Franziskus

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz will sich an den Bedürfnissen der Armen orientieren. Doch was folgt daraus für die Kirche? Wann ändert die Institution endlich ihren Umgang mit Geschiedenen und all jenen, die nicht in die Lehre passen?

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So viele Gäste sind schon lange nicht mehr zum jährlichen Michaels-Empfang der Deutschen Bischofskonferenz gekommen. Am Dienstagabend sind 700 Vertreter aus Politik und Gesellschaft der Einladung in die Katholische Akademie in Berlin gefolgt, darunter die Bundeskanzlerin, die Minister Schäuble, de Maizière, Gröhe, Nahles, die Fraktionschefs von CDU/CSU und SPD und viele Staatssekretäre und Abgeordnete. Das ist der MarxEffekt: Im März haben die katholischen Bischöfe den Münchner Kardinal Reinhard Marx zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz gewählt, am Dienstag wandte er sich zum ersten Mal mit einer programmatischen Rede an eine größere politische Öffentlichkeit. Viele wollten sehen, wie sich der Neue so schlägt.

Marx gab den Franziskus. „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“, hat der Papst in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ (Freude des Evangeliums) verkündet. Diesen Leitsatz deklinierte Marx mit Blick auf die vor ihm sitzenden Politiker durch.

"Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee", sagt Papst Franziskus

„Was nutzt ein großes Parteiprogramm, was nutzt eine große theologische Idee, wenn sie sich nicht bewährt in der Wirklichkeit?“, fragte Marx. Aber was ist „die“ Wirklichkeit? Für Marx jedenfalls nicht „der Mainstream der Meinungsumfragen“. Der Schlüssel zur Wahrnehmung der Wirklichkeit seien „die Armen, die Grenzen, die Wunden, die Schwachen, die Verfolgten, die Enthaupteten“.

Die Situation der Armen müsse Maßstab kirchlichen Handelns sein und – das folgt indirekt aus der Rede – politischen Handelns, in der Flüchtlingspolitik ebenso wie in der Debatte um die Sterbehilfe. Aber auch bei der Bekämpfung des „Islamischen Staates“ im Irak: „Die Situation der Menschen im Irak und in Syrien treibt auch die Kirche an. Das gilt auch für die Frage des Waffeneinsatzes“, sagte Marx. Bisher waren die Bischöfe dagegen, die Kurden mit Waffen auszustatten. Das ändert sich nun offenbar.

Marx versteht sich aufs Predigen. Er spricht frei, klar und kraftvoll. Selbstkritisch nahm er sogar die eigene Institution ins Visier: Die Wahrnehmung der Wirklichkeit befreie auch in der Kirche „vom falschen Idealismus“. Denn die Kirche throne nicht wunderbar isoliert über den Wolken.

Wie groß die Kluft zwischen der katholischen Lehre und dem Leben selbst vieler Katholiken ist, das haben Umfragen längst bestätigt. Besonders wenn es um Fragen von Ehe und Sexualmoral geht. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz mahnte den Bezug zur Realität an und gleichzeitig werden Erzieherinnen in katholischen Kindergärten entlassen, weil sie geschieden sind und neu geheiratet haben. Wie geht das zusammen?, schimpften denn auch Katholiken am Dienstagabend.

Kardinal Marx will näher an die Wirklichkeit - doch die Erzieherin im katholischen Kindergarten verliert ihren Job, wenn sie sich scheiden lässt

Seit Monaten ringen sie in der Bischofskonferenz um eine Reform des kirchlichen Arbeitsrechts – bisher vergeblich. Auch daran, dass wieder verheiratete Geschiedene von den Sakramenten ausgeschlossen sind, hat sich nach wie vor nichts geändert. Denn es gibt eben immer noch viele im Klerus, für die die Reinheit der Lehre über allem steht.

Im Oktober kommen die Bischöfe der Weltkirche und einige Laien auf Einladung von Papst Franziskus in Rom zu einer außerordentlichen Synode zusammen. Es soll um Ehe, Familie und Sexualmoral gehen. Im Vorfeld haben Bischöfe weltweit zusammengetragen, was das Volk Gottes über diese Themen so denkt. Viele Katholiken erhoffen sich deshalb von der Synode einen Realitätsschub. Äußerungen von Franziskus nähren die Hoffnung. Doch Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der römischen Glaubenskongregation, hat mehrmals klargestellt: „Abstriche an der kirchlichen Doktrin wird es nicht geben.“

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