Zum Tod von Eduard Schewardnadse : Ein Georgier für die Perestrojka

Mit Gorbatschow gab er den Weg zur deutschen Einheit frei, doch sein Clan plünderte Georgien, als er Staatspräsident wurde. Eduard Schewardnadses politisches Leben war voller Widersprüche.

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Freunde, Partner: Eduard Schewardnadse und sein deutscher Kollege Hans-Dietrich Genscher (rechts) Foto: dpa
Freunde, Partner: Eduard Schewardnadse und sein deutscher Kollege Hans-Dietrich Genscher (rechts)Foto: dpa

Ein würdiger, ja idealer Repräsentant des georgischen Volkes und ein hochbegabter Politiker - so würdigt Altpräsident Michail Gorbatschow seinen langjährigen Vertrauten und Außenminister. Doch Eduard Ambrosowitsch Schewardnadse gerecht zu werden, der am Montag in Tiflis starb, ist nicht einfach. Selbst seine offiziellen Biographen kommen an den vielen Widersprüchen nicht vorbei, in die der Georgier in seinem fast 87-jährigen Leben verstrickte.

Er pries die Demokratie und fälschte Wahlen

Neben Gorbatschow Sinnbild der Perestroika, bemühte Schewardnadse sich als Außenminister der Sowjetunion um Entspannung, was ihm im Westen Achtung, in Deutschland wegen seines Engagements für die Wiedervereinigung sogar Verehrung einträgt. Zu Hause im Südkaukasus dagegen gilt er den einen als Schwächling und Russenknecht, anderen als Diktator und Verderber, der öffentlich Wasser predigte, um heimlich Wein zu trinken. Denn die Familie des Kämpfers gegen Korruption und Vetternwirtschaft, wie Schewardnadse  sich gern selbst sah, riss die Kontrolle über nahezu alle  profitablen Unternehmen an sich, als er 1992 Staatschef wurde.  In flammenden Reden pries er Demokratie, was ihn nicht hinderte, regelmäßig die Wahlergebnisse zu fälschen. Die letzte Fälschung im November 2003 besiegelte sein politisches Aus.

Die Wandlung des Karrierekommunisten

Die „Revolution der Rosen“, die sein Regime wegfegte, war nicht zufällig die erste auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR. Opposition und Medien konnten in Georgien frei arbeiten. Anders als Russlands Präsident Putin widersteht Schewardnadse Versuchungen, sich politische Gegner durch Zensur oder mit fadenscheinigen wirtschaftlichen Vorwänden vom Halse zu schaffen. Obwohl sie ihn sehr viel härter angingen als den Amtsbruder in Moskau. Die Wandlung des Karrierekommunisten Schewardnadse bleibt respektabel, so sehr sie von Interesse geleitet war.

Kampf gegen Korruption

Schewardnadse, am 25. Januar 1928 geboren, gehört zu jener Generation, die im Schlagschatten jenes anderen Georgiers aufwuchs, der den meisten Georgiern, aller Untaten zum Trotz, nach wie vor als größter Sohn ihres Volkes gilt: Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, alias Stalin. Erst im Jugendverband Komsomol, tritt Schewardnadse 1948 der KP bei. Und obwohl Russisch für ihn eine Fremdsprache blieb, mit der zeitlebens zu kämpfen hatte, macht er rasch Karriere im Sowjetreich. Schon 1952 sitzt er als Abgeordneter im Parlament der Sowjetrepublik Georgien. 1965 wird er dort Minister für öffentliche Arbeiten, drei Jahre später Innenminister und General der Polizei - mit knapp vierzig der jüngste unionsweit. Zur ersten Dienstbesprechung lässt Schewardnadse seine Untergebenen mit hochgekrempelten Manschetten stramm stehen. Wer mit einer teuren Uhr – damals nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich – ertappt wird, muss das gute Stück abliefern.

Beobachter am Politbüro-Tisch

Gegen Korruption, die sich nicht mit kommunistischer Moral verträgt, wie Schewardnadse findet, werde er künftig kompromisslos vorgehen. Ohne Ansehen der Person, wie 1972 auch Georgiens KP-Chef erfahren muss. Kaum zu dessen Nachfolger gewählt, eröffnet Schewardnadse eine zweite Front: Gegen antisowjetische Elemente. Hunderte werden verhaftet. Darunter auch Swiad Gamsachurdija,, der später Georgiens erster, demokratisch gewählter Präsident wird. Moskau dankt es Schewardnadse mit einem Platz im Politbüro der KPdSU, der eigentlichen Regierung der Sowjetunion. Zwar sitzt Schewardnadse dort zunächst nur als Kandidat mit am Tisch. Ohne Stimmrecht, wodurch er konkurrierende Seilschaften und ihre Erfolgschancen in aller Ruhe analysieren kann für den Tag, wenn seine ganz große Chance kommt.

Keine Fremdsprache außer Russisch

1985 ist es soweit. Andrej Gromyko, seit mehr als 20 Jahren UdSSR-Außenminister, muss einen Hut nehmen. Weder von Alter her noch vom Konzept passt der Kalte Krieger zur Perestroika, der Frischzellen-Kur, die Michail Gorbatschow, der gerade ernannte Generalsekretär, dem kranken Sowjetimperium verpassen will. Dass Gorbatschow statt eines weltläufigen Karrierediplomaten den drögen Quereinsteiger aus den kaukasischen Bergen ernennt, registriert das Moskauer Establishment zunächst mit Kopfschütteln. „Schewy“, wie US-Außenminister James Baker ihn später nennen wird, beherrscht außer Russisch, das er noch immer mit Akzent und Fehlern spricht, keine Fremdsprachen und ist außenpolitisch ein unbeschriebenes Blatt. Genau das aber macht den außen- und sicherheitspolitischen Kurswechsel glaubwürdiger, den Schewardnadse verkaufen soll.

Kein Zwang - das gilt nur nach außen

 Fortan gilt, dass „Sozialismus, gute Nachbarschaft und gegenseitige Achtung nicht mit Bajonetten erzwungen werden können“. Das gilt allerdings nur nach außen: Inzwischen zum Politbüro-Vollmitglied aufgestiegen, rührt Schewardnadse keinen Finger, als sein Nachfolger in Tiflis im April 1989 eine friedliche Demonstration für die Unabhängigkeit Georgiens mit Giftgas und Stechspaten auflösen lässt. Bilanz: 20 Tote, vor allem Frauen, und über 3 000 Verletzte.  Das ist für Georgien der Grund des definitiven Bruchs mit Moskau. Souveränitätserklärungen anderer Sowjetrepubliken folgen.

Deutschenliebe, ein populärer Irrtum über den Pragmatiker

Vor allem deshalb verzichtet die Sowjetunion 1990 bei den Zwei-plus-vier-Verhandlungen auf alles, was die schnelle Wiedervereinigung Deutschlands behindern könnte. Anders als Gorbatschow, der noch immer glaubt, den Sozialismus durch Reformen retten zu könnten, bläst Schewardnadse zum geordneten Rückzug aus dem Ostblock – Moskaus äußerem Cordon sanitaire -  um wenigsten den zweiten, inneren, halten zu können: Die Republiken der Union. Dass Kohl und Außenminister Genscher die Kompromissbereitschaft des Pragmatikers Schewardnadse mit Liebe zu Deutschland erklären, gehört zu den populärsten gesamtdeutschen Irrtümern, aber es nutzt seiner Heimat: Während die Nachbarn - Armenien und Aserbaidschan – fast völlig ausgeblendet werden, ist Georgien fortan das Interesse deutscher Medien sicher. Genscher erklärte denn auch am Montag seine "tiefe Trauer" über den Tod des Mannes, der ihm "was ich früher für unmöglich gehalten hätte, für mich zum persönlichen Freund" wurde. Er danke auch dem "guten Freund Deutschlands".

Der Zerfall Georgiens

Der Staatsrat des inzwischen unabhängigen Georgiens holt Schewardnadse im Januar 1992 als Krisenmanager zurück. Seine Ernennung zum amtierenden Präsidenten im März heizt den Bürgerkrieg, den er eigentlich verhindern soll, erst richtig an. Am Ende stehen mehr als 10 000 Toten und eine halben Million Flüchtlinge. Anhänger des wegen Misswirtschaft gestürzten Präsidenten Gamsachurdija liefern den Regierungstruppen blutige Gefechte. Autonomien wie Südossetien und Abchasien spalten sich ab. Auch in Adscharien hat das Zentrum de facto nichts mehr zu sagen.

Überleben im Mercedes

Moskau hilft Schewardnadse zwar 1993, mit Gamsachurdija fertig zu werden, unterstützt aber gleichzeitig die Separatisten, die knapp ein Drittel des gesamten Staatsgebiets kontrollieren - eine Retourkutsche für Schewardnadses außenpolitische Gratwanderung, der auf gleiche Nähe zu Russland und dem Westen, vor allem auf dessen Führungsmacht in Washington setzt. Zwar tritt Georgien, rohstoffarm und von russischen Energielieferungen abhängig 1994 der von Moskau dominierten UdSSR-Nachfolgegemeinschaft GUS bei, nicht jedoch deren Verteidigungsbündnis. Spätestens 2005, so Schewardnadse damals, werde er bei der Nato anklopfen. Gleichzeitig treibt er den Bau einer Pipeline über Georgien voran, mit der ein Konsortium westlicher Firmen das Öl aus Aserbaidschan exportiert - statt zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Das bringt ihm bei den Wahlen 1995 über 70 Prozent und den Beinamen "weißer Fuchs". Beides sind Achtungserfolge. Lieben indes werden die Georgier ihn nie, wie mehrere Anschläge beweisen, denen Schewarnadse immer knapp entkommt. Das letzte Attentat im Februar 1998 überlebt er dank eines gepanzerten Mercedes, eines Geschenks aus Deutschland.

Rücktritt bei Kerzenlicht

Bei den Wahlen 2000 siegt er erneut souverän. Doch Opposition und internationale Beobachter sprechen inzwischen von Fälschungen und Versagen. Zu Recht: Zögerliche und inkonsequente Reformen sind schuld an katastrophalen Wirtschaftsdaten, Korruption und Vetternwirtschaft erreichen Rekordhöhe und schrecken Investoren ab. Die Folge: Massenelend, das Hunderttausende zwingt, sich in Russland zu Tiefstpreisen als Gastarbeiter anzubieten. Und bei den Parlamentswahlen 2003 für die Opposition zu stimmen.

Dass Schewardnadse dennoch wagt, die Ergebnisse ein weiteres Mal zu frisieren, zeigt, dass er seine Gegner offenbar so unterschätzt, wie er die Einflussmöglichkeiten Russlands überschätzt, für das er bei allem Wenn und Aber das geringste aller möglichen Übel ist. Doch Moskaus damaliger Außenamtschef Igor Iwanow, kann, als er am 23. November spätabends einfliegt, Oppositionsführer Michail Saakaschwili nur noch zu Sicherheitsgarantien für Schewardnadse  bewegen. Der "weiße Fuchs" unterschreibt bei Kerzenlicht die vorbereitete Rücktrittserklärung. "Für Georgien“, dröhnt Saakaschwili unter tosendem Beifall der Massen, seien „dreißig Jahre Schewardnadse genug“. Seine Fans meinen noch heute, es seien nicht die schlechtesten gewesen.

 

 

 

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