Zwei Jahre nach dem Selbstmord : Leid ohne Ende für die überlebenden NSU-Opfer

Auch zwei Jahre nach Enttarnung des NSU leiden die Angehörigen der Opfer unter den Folgen des Terrors. Nirgendwo treten die Qualen der Familien und das Versagen der Behörden so deutlich zutage wie im Prozess.

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Kreuzworträtsel in der Pause. Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des NSU-Trios, bleibt auch ein halbes Jahr nach Prozessbeginn unfassbar. Foto: Stephan Jansen/dpa
Kreuzworträtsel in der Pause. Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des NSU-Trios, bleibt auch ein halbes Jahr nach Prozessbeginn...Foto: dpa

Pinar Kilic redet laut. Sie blickt zur Anklagebank, wo Beate Zschäpe sitzt, dann ruft sie in die Stille hinein: „Muss ich vor dieser Frau sprechen?“. Die Witwe ist als Zeugin geladen, eine unscheinbar wirkende Frau, 51 Jahre alt, Verkäuferin. Aber das Reden fällt ihr schwer, in diesem bunkerartigen Gerichtssaal A 101, in dem sich alle Augen auf sie richten. Schon ihren Wohnort will sie nicht verraten. Der Vorsitzende Richter des 6. Strafsenats am Oberlandesgericht, Manfred Götzl, reagiert gereizt, „ich erwarte höfliche Antworten“.

Der NSU-Prozess änderte sich am 11. Juli

Es ist der 22. Tag im NSU-Prozess, es geht um den Mord an Habil Kilic. Was die Ankläger und Verteidiger morgens noch nicht ahnen: Dieser 11. Juli wird den Prozess verändern. Denn nie zuvor, auch nicht in den Untersuchungsausschüssen des Bundestags und dreier Landtage, wurde so schmerzhaft deutlich, was die Terrorzelle angerichtet hat. Was bei den Hinterbliebenen der zehn Ermordeten zusammengebrochen ist und auch den Menschen, die von den drei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen betroffen waren.

Vor zwei Jahren begingen Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt Suizid

Zwei Jahre ist es her, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 Selbstmord begingen, die Terrorzelle NSU bekannt wurde und das Land erschütterte. Der Prozess zur Aufarbeitung ihrer Morde erweist sich als eine nicht enden wollende Tour durch die Abgründe rechter Gewalt. Mit einer Hauptangeklagten, die schweigt; mit Nebenklägern, die nicht wissen wohin mit ihrem Schmerz; mit einem Vorsitzenden, der nur langsam bemerkt, dass Förmlichkeit angesichts dieses Grauens nicht immer weiterhilft.

Richter Götzl mag es sachlich, fragt selbst akribisch und präzise. Das passt zur technischen Sprache, in der die Bundesanwaltschaft ihre Vorwürfe formuliert hat. Zum Mord an Habil Kilic heißt es auf Seite 14 der Anklage, die NSU-Mitglieder Mundlos und Böhnhardt hätten zwischen 10.35 und 10.50 Uhr den Frischmarkt seiner Familie in der Bad-Schachener-Straße 14 in München betreten. Sie „schossen dem hinter dem Kassentresen stehenden 38-jährigen türkischen Gemüsehändler Habil Kilic mit der Pistole Ceska 83 seitlich in den Kopf“, er habe einen „Gesichtsdurchschuss“ erlitten. Ein zweiter Kopfschuss habe ihn von hinten getroffen. Kilic sei noch am Tatort gestorben.

Richter Götzl fragt immer weiter

Dass Pinar Kilic den Tod ihres Mannes bis heute nicht verkraftet hat, dass der Auftritt vor Gericht sie überfordert, scheint dem Richter nicht bewusst zu sein. Erst als Götzl merkt, dass die Witwe in ihrer Verzweiflung bald nicht mehr ansprechbar sein wird, darf sich ihr Anwalt neben sie setzen. Er legt eine Hand auf ihre Schulter. Götzl fragt die Frau, ob sie Angst hatte nach dem Mord an ihrem Mann.

„Natürlich habe ich Angst gehabt, wenn jemand ermordet wird.“

Ob sie eine Erklärung gesucht habe, wie es kommen konnte, dass ihr Mann ermordet wurde?

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