100. Geburtstag von Rudolf Harbig : Durch die Zeit geeilt

Rudolf Harbig war der weltbeste Mittelstreckenläufer. Er hielt die Weltrekorde über 400, 800 und 1000 Meter. 1944 starb er im Zweiten Weltkrieg. Heute wäre er 100 geworden.

Gustav Schwenk
Erst kam er, dann nichts und dann die Konkurrenz. Harbig 1939 bei seinem Sieg über 800 Meter bei den Deutschen Meisterschaften im Berliner Olympiastadion.
Erst kam er, dann nichts und dann die Konkurrenz. Harbig 1939 bei seinem Sieg über 800 Meter bei den Deutschen Meisterschaften im...Foto: picture-alliance / dpa

Weder vorher noch nachher hat der Weltrekord eines deutschen Leichtathleten die Welt in solches Erstaunen versetzt wie dieser. Nicht zuletzt den Athleten selbst. Als Rudolf Harbig am 15. Juli 1939 in Mailand nach 800 Metern über die Ziellinie gelaufen war, hielt ihm der damalige Reichstrainer Woldemar Gerschler, seine Stoppuhr vor Augen. Sie war bei 1:46,6 Minuten stehen geblieben. Mit ungläubigem Gesichtsausdruck sagte Harbig: „Die Uhr ist defekt.“ Doch schon bald bestätigte der Stadionsprecher: „Silencio. Record Mondiale!“ Gerschler hat die Uhr nie mehr benutzt. 1945 wurde sie beim Luftangriff auf Dresden zerstört.

Zu dieser Zeit war der bedeutsamste deutsche Mittelstreckenläufer schon ein knappes Jahr tot. Wie 15 der 60 Leichtathleten, die Deutschland bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin vertreten hatten, kam er im Zweiten Weltkrieg ums Leben, Harbig starb bei einem Gefecht am 5. März 1944 in der Ukraine. Die Kriegsgräberfürsorge bestätigte jüngst erst wieder: „Unsere Mitarbeiter haben bis heute keine Grablage gefunden.“

An diesem Freitag wäre der Dresdner Rudolf Harbig 100 Jahre alt geworden.

Um die Erinnerung an ihn aufrechtzuerhalten, ehrt der Deutsche Leichtathletik-Verband seit 1950 jedes Jahr einen in Leistung und Auftreten vorbildlichen Athleten mit dem „Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis“.

Mit dem Superlativ einmalig muss man vorsichtig umgehen. Doch auf Rudolf Harbig trifft er gleich mehrmals zu. Nur der in bescheidenen Familienverhältnissen aufgewachsene Sachse verbesserte den 800-Meter-Weltrekord gleich um 1,8 Sekunden. Und zwar nur eine Woche, nachdem er in Berlin bei einem seiner sechs 800-Meter-Siege bei deutschen Meisterschaften erstmals unter 1:50 Minuten geblieben war. Nach ihm hielt niemand mehr gleichzeitig die Weltrekorde über 400 und 800 Meter. Außer ihm findet man im dicken Weltrekordbuch des Weltverbandes IAAF, das zu großen Teilen vom früheren Tagesspiegel-Redakteur Ekkehard zur Megede zusammengestellt wurde, niemand, der die Weltrekorde über 400, 800 und 1000 Meter gemeinsam eroberte.

Das Ereignis in der großen Karriere eines Mannes, der 1936 in Berlin der deutschen 4-mal-400-Meter-Staffel die olympische Bronzemedaille gerettet hatte, 1938 in Paris über 800 Meter und als Schlussmann der 4-mal-400-Meter-Staffel Europameister geworden war, blieb der anschließend 16 Jahre gültige 800-Meter-Weltrekord. Um in der vor über 200 Jahren von Napoleon erbauten Mailänder Arena Civica den gefürchteten Endspurt seines deutschen Rivalen zu brechen, hatte der als Lokalmatador von den 15 000 Zuschauern favorisierte Olympiazweite Mario Lanzi ein für die damalige Zeit unerhörtes Tempo vorgelegt.

Vergeblich. Auf der Zielgeraden nahm ihm Harbig 2,4 Sekunden ab. Nachrichtenagenturen verbreiteten die Zeit auch in Worten eins–vier–sechs–sechs, um glaubhaft zu sein. Mehrere Jahrzehnte später bekannte Marcel Hansenne, der 1948 in 1:48,3 Minuten auf Platz zwei der damaligen „Ewigen Weltbestenliste“ vorgestoßen war, während seiner späteren Tätigkeit als Chefreporter der „L'Équipe“: „Ich werde heute noch rot, weil ich 1939 einen Augenblick geglaubt hatte, die Fabelzeit sei faschistische Propaganda.“ War sie aber ebenso wenig wie wenig später Harbigs Weltrekord über 400 Meter in Frankfurt am Main (46,0 Sekunden) nur drei Wochen vor Kriegsausbruch.

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