100 Tage vor der Fußball-WM : Bundestrainer Löw erhöht Druck auf Nationalspieler

100 Tage vor dem Beginn der Fußball-WM schlägt Joachim Löw wegen vieler verletzter Nationalspieler Alarm. Nur einem seiner Sorgenkinder gewährt er Zeit.

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Wer braucht hier wen? Sami Khedira (r.) schleppte bei der EM 2012 seinen Nebenmann Bastian Schweinsteiger mit durch und genießt trotz langer Verletzung einen Bonus.
Wer braucht hier wen? Sami Khedira (r.) schleppte bei der EM 2012 seinen Nebenmann Bastian Schweinsteiger mit durch und genießt...Foto: Imago

Joachim Löw hört die Zeit ticken. Und weil sich der Bundestrainer nicht so sicher ist, dass das auch für seine Nationalspieler gilt, richtet er einen kleinen Weckruf an sein Personal. „Die Zeit tickt“, sagt also Löw und will das durchaus als kleine Warnung verstanden wissen: „Denn nur derjenige, der das auch hört, wird eine Chance haben.“

In einhundert Tagen wird in Brasilien die Weltmeisterschaft angepfiffen. Und wenn Deutschland am Mittwoch in Stuttgart auf Chile trifft (20.45 Uhr/ARD), wird der Bundestrainer auf einige Stammspieler verzichten müssen. Als da wären die Langzeitverletzten Sami Khedira und Ilkay Gündogan sowie die frischen Ausfaller Thomas Müller sowie Sven und Lars Bender – der Leverkusener reiste am Montag wegen einer Muskelverhärtung wieder ab. Zudem weisen einige Spieler aufgrund kleinerer Verletzungen körperliche Rückstände auf wie Mario Gomez, Marco Reus, Mats Hummels, Julian Draxler und Benedikt Höwedes. Diese Spieler berief Löw ebenso wenig für das Testspiel gegen die Südamerikaner wie jene, die derzeit ein Formtief durchlaufen.

„Die nächsten zwei Monate werden für uns sehr wichtig“, sagt Löw, der seine Kaderspieler ab sofort permanent „überwachen“ will. Jeder Spieler, der mit zur Endrunde will, müsse jetzt schon alles investieren und seinen Lebensrhythmus so organisieren, dass er Mitte Mai zu Beginn des Trainingslagers körperlich und mental in bester Verfassung ist. „Wir brauchen bei der WM einen Kader, der höchst belastbar ist“, sagt Löw und macht dabei ein ernstes Gesicht. „Auf dem Papier haben wir eine Top-Mannschaft mit Top-Niveau, aber die Realität sieht momentan nicht so schön aus.“

Umso erfreuter sei der Bundestrainer über das Genesungstempo bei Sami Khedira. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid, der sich im Herbst im Länderspiel gegen Italien einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, ist einer der Spieler, auf die Löw nur höchst ungern verzichten würde. Anders als bei jedem anderen Spieler ist Löw bei ihm bereit, von seiner Maßgabe abzuweichen, wonach er nur total fitte Spieler mit nach Brasilien nehmen werde. Denn diesen Spielertyp kann Löw im Moment nicht ersetzen. Weit und breit ist niemand da, der Khediras Spiel kopieren könnte. „Es gibt Spieler, die einen Mehrwert für die Mannschaft haben, auch wenn sie vielleicht nur bei 80 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit sind, allein aufgrund ihrer Persönlichkeit“, sagt Löw.

In den vergangenen Tagen hat der Bundestrainer regelmäßig mit Khedira telefoniert, inzwischen befindet sich der 26-Jährige im Lauftraining. Nach Auskunft seines Vereinstrainers Carlo Ancelotti bestünde die reelle Chance, dass Khedira noch im März in das Mannschaftstraining einsteigt. In seinem Fall wird Löw die Tür bis zum letzten Moment offen halten. Aber Löw sagt auch: „Das ist die Ausnahme, nicht die Regel.“

Der Bundestrainer weiß natürlich, dass ein Ausfall Khediras die Nationalmannschaft in ihrem Herzen träfe. Das liegt einmal an seiner Spielposition als Sechser, aber auch an seiner zentralen Stellung im Mannschaftsgefüge. Khedira war wegen seiner physischen Präsenz nicht nur ein Schlüsselspieler für die deutsche Elf, sondern ein anerkannter Leader. Für Löw ist Khedira die optimale Besetzung für jene Position, die für die Symmetrie und Statik des Systems zuständig ist. Für diese Position ist Khedira idealtypisch. Er ist technisch beschlagen, mental robust und hat ein ausgeprägtes Gespür für Gefahr. Vor allen Dingen aber besitzt er einen seltenen Eifer. Allein bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren schleppte er den angeschlagenen Bastian Schweinsteiger an seiner Seite mit durchs Turnier und war ein wichtiger Ansprechpartner für Löw.

Sehr viel vager sind die Aussichten bei Ilkay Gündogan, was seine Spielfähigkeit anbelangt. „Bei ihm bin ich irgendwie überfragt“, sagt Löw. Der Dortmunder leidet seit Monaten unter einer Nervenentzündung im Rücken. Mal gebe es von ihm positive Nachrichten, mal negative, sagt der Bundestrainer: „Wir müssen schauen, aber ich hoffe immer noch auf ihn.“

Vor einem Jahr wähnte sich das deutscheTeam im strategisch so wichtigen defensiven Mittelfeld, dem Scharnier zwischen Abwehr und Angriff, in einer personellen Luxussituation. Heute ist es die größte Baustelle. Neben Khedira und Gündogan ist längst nicht sicher, ob Schweinsteiger jene Fitness erreichen wird, die ihn wertvoll für die Mannschaft macht.

Für das Spiel gegen Chile hat Joachim Löw sich für die naheliegende Alternative entschieden. Wie beim FC Bayern unter Trainer Pep Guardiola wird Philipp Lahm die Khedira-Position einnehmen. An seiner Seite wird Schweinsteiger auflaufen, der seit der EM 2012 weiß, was die Glocke geschlagen hat.

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