2. Fußball-Bundesliga : 1. FC Union Berlin: Zwischen Anspruch und Knäckebrot

Union Berlin startet mit dem Ziel in die Rückrunde, den ersten Aufstieg in die Bundesliga zu schaffen. Das ist neu, denn Tiefstapelei gehörte lange zur DNA des Vereins.

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Das neue alte Gesicht des Klubs. Union holte Sebastian Polter (links) für rund 1,6 Millionen Euro von den Queens Park Rangers zurück. Mit ihm soll es jetzt nach oben gehen.
Das neue alte Gesicht des Klubs. Union holte Sebastian Polter (links) für rund 1,6 Millionen Euro von den Queens Park Rangers...Foto: imago/Matthias Koch

Der Rasen macht noch Probleme. Will nicht recht anwachsen, das neuverlegte Grün. Und so haben die Fußballer des 1. FC Union Berlin in den vergangenen Tagen etwas häufiger als üblich auf ihm trainiert. „Um das Laufverhalten des Balles zu spüren“, wie Trainer Jens Keller sagt.

Beim Berliner Zweitligisten wollen sie nichts dem Zufall überlassen, wenn am heutigen Freitag der VfL Bochum (18.30 Uhr) im Stadion An der Alten Försterei zu Gast ist. Wäre ja noch schöner, wenn ausgerechnet ein schnöder Grashalm oder sonst eine Unebenheit den ambitionierten Zielen gleich zum Rückrunden- Auftakt im Wege steht.

Abgesehen vom Rasen ist beim 1. FC Union in den vergangenen Wochen und Monaten sehr viel zusammengewachsen, um im Sprachbild zu bleiben. Trainerteam und Mannschaft sind zu einer Einheit geworden, und auch die Spieler untereinander gelten als verschworener Haufen. Rein statistisch betrachtet war die vergangene Hinrunde die erfolgreichste der Vereinsgeschichte. Noch nie holte Union so viele Punkte (28) in der Zweiten Liga, als Vierter liegt man nur vier Punkte hinter einem direkten Aufstiegsplatz.

Und was sagt Keller? „Wir haben eine ordentliche bis gute Vorrunde gespielt.“ Ein Satz, so trocken und nüchtern wie ein Stück Knäckebrot. Und er taugt doch, um das neue Anspruchsdenken beim 1. FC Union zu verdeutlichen. Gut ist nicht mehr gut genug. Gefühlt war das über Jahrzehnte anders. Union galt immer als der ewige Außenseiter, Tiefstapelei gehörte zur DNA des Vereins. Im Klub und im Umfeld war jeder zufrieden, wenn entweder die Klasse gehalten oder der finanzielle Bankrott abgewendet werden konnte. Stolz war man nicht auf sportliche Erfolge, sondern auf die Ausrichtung des Klubs. Unangepasst, alternativ und manchmal auch unbequem. In dieser Nische ließ es sich ganz gut leben, auch ohne Pokale und Titel. Diese Mentalität hatte etwas Liebenswertes, sportlichem Erfolg war sie aber nicht zuträglich.

So haben Kellers Worte zur Zielstellung für die Rückrunde etwas Programmatisches. „Es ist normal und logisch, dass wir besser sein möchten als in der Hinserie.“ Sollte das gelingen, würde Union mit einiger Wahrscheinlichkeit wohl zum ersten Mal in die Bundesliga aufsteigen. Das ist das erklärte Ziel.

Es ist eine unaufgeregte, aber optimistische Stimmung, die in diesen grauen Januartagen das Areal rund um die Alte Försterei erfüllt. Mitarbeiter, Spieler und Fans glauben an den Aufstieg, sein neues Selbstbewusstsein trägt der Klub offensiv zur Schau. Zum Beispiel auf dem Transfermarkt. Viele Jahre verpflichtete Union nur ablösefreie Spieler. Diesen Winter holten die Verantwortlichen Sebastian Polter für rund 1,6 Millionen Euro von Queens Park Rangers zurück. Nie haben die Berliner mehr Geld für einen Spieler ausgegeben. Auch Polters Gehalt dürfte rekordverdächtig sein.

Polter ist das Gesicht des neuen 1. FC Union

Schnell wurde der Angreifer zur personifizierten Aufstiegshoffnung. In der Saison 2014/15 hatte er leihweise schon einmal für Union gespielt und 14 Tore geschossen. Seine robuste Spielweise, sein Einsatzwillen und sein Kampfgeist machten ihn schnell zum Liebling des Publikums. Aber Polter zierte sich vor anderthalb Jahren, als es darum ging, endgültig nach Köpenick zu wechseln. Insgeheim glaubte er wohl nicht daran, dass Union sehr bald in der Bundesliga spielen könnte. Heute sagt er: „Union ist konstanter geworden und näher an der Bundesliga dran. Der Glaube ist jetzt größer.“ Bis 2020 läuft sein Vertrag, Polter ist fest davon überzeugt, dass Union bis dahin in der Bundesliga spielt.

Der Angreifer ist das Gesicht des neuen 1. FC Union. Für die, die den alten Look ausmachten, ist immer weniger Platz. Sören Brandy, zu seinen besten Zeiten auch ein Liebling der Kurve, wurde im Winter zu Arminia Bielefeld geschickt, und auch das war ein Transfer mit einer gewissen Aussagekraft. Bielefeld spielt in der gleichen Liga wie Union, bewegt sich als Abstiegskandidat aber in ganz anderen Sphären. Sollen die doch den Brandy haben. Christopher Quiring, der unangefochtene Favorit der Fans, der ultimative Unioner, dessen Vereinsliebe in Form von Tattoos sogar unter die Haut ging, wechselte zu Hansa Rostock. Die sportliche Entwicklung des Vereins hatte ihn einfach überrollt. Spielzeit bekam er zuletzt von Keller kaum noch. Collin Quaner, Unions erfolgreichster Torschütze der Hinrunde, spielt nun für Huddersfield Town in Englands zweiter Liga. Sportlich mag das vielleicht ein wenig schmerzen, aber Quaner wäre in den kommenden Monaten vermutlich nur Ersatz gewesen, jetzt, da Polter zurück ist.

Unions Mannschaft ist über den Winter stärker geworden, nicht nur wegen Polter. Die monatelang fehlenden Benjamin Kessel und Maximilian Thiel werden bald wieder einsatzbereit sein, auch wenn das Spiel gegen Bochum für beide noch zu früh kommt. Stephan Fürstner fehlt gesperrt. Verletzungen waren während der Hinrunde ohnehin kein Thema. Unter Keller ist die Mannschaft fit und gesund. Das hängt immer auch mit Glück zusammen, aber nicht nur. Das Trainerteam hatte bisher ein gutes Gespür dafür, wie weit es die Spieler belasten kann.

Wenn alles wie gewünscht läuft, könnte es ein historisches Halbjahr werden für den 1. FC Union Berlin. Die Bundesliga ist greifbarer und realistischer als je zuvor. Einzig dem Rasen dürfte das Unbehagen bereiten. Eine große Feier im Stadion würde sein Erscheinungsbild stärker ramponieren als das Winterwetter dieser Tage.

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