50+1-Regelung : In welchen Rechtsformen organisieren sich die Bundesliga-Vereine?

Die Fußball-Bundesliga ist mittlerweile ein Wettbewerb der Rechtsformen. Doch warum organisieren sich die Vereine als GmbH, AG oder GmbH & Co KGaA?

Moritz Förster
Fußball an der Börse: Borussia Dortmund ist der einzige deutsche Bundesliga-Verein, der an der Börse gehandelt wird.
Fußball an der Börse: Borussia Dortmund ist der einzige deutsche Bundesliga-Verein, der an der Börse gehandelt wird.Foto: dpa

Die Bundesliga ist nicht mehr ein Wettbewerb der Vereine, sondern auch einer der Rechtsformen. Es starten Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH), Aktiengesellschaften (AG) oder auch Kommanditgesellschaften auf Aktien (GmbH & Co KGaA). Mit dem FC Ingolstadt ist eine GmbH aufgestiegen. Warum organisieren sich die Vereine als Kapitalgesellschaften und wann übergab welcher Erstligist den Profifußballbetrieb einer Kapitalgesellschaft – ein Überblick:

Wenn Fußballvereine ihre Lizenzspielerabteilung in eine Kapitalgesellschaft ausgliedern, kann dies mehrere Gründe haben: Sollte die Profiabteilung insolvent gehen, haftet beispielsweise nicht der Stammverein, der Breitensport kann wie gewohnt fortgeführt werden. Zudem lässt sich durch den Verkauf von Unternehmensanteilen Eigenkapital auf dem Kapitalmarkt beschaffen.

 

24. Oktober 1998

Der DFB Kapitalgesellschaften erlaubt die Teilnahme an der Bundesliga, vorausgesetzt ein eingetragener Verein mit Fußballabteilung besitzt mindestens die Hälfte der Stimmanteile plus einen weiteren Stimmanteil (50+1 Regel). Sportlichen Interessen des Vereins sollen dadurch Vorrang vor dem wirtschaftlichen Interessen der Investoren behalten. Ausgenommen von diesen Regelungen sind die Werksclub aus Leverkusen und Wolfsburg. Inzwischen wurde die 50+1 Regelung aufgeweicht: Wenn sich ein Investor nachhaltig über 20 Jahre in einem Verein engagiert hat, darf er dort die Mehrheit der Stimmen übernehmen. Zuvor galt diese Regelung ausschließlich für die Jahre vor 1999.

 

Aufgrund der 50 + 1 Regeln bestimmt die Mitgliederversammlung als höchstes Vereinsgremium auch über die Geschicke der Kapitalgesellschaft. Für Investoren bedeutet dies im Gegenzug, dass sie – anders als zum Beispiel in England – nicht nach eigenem Gutdünken über einen Bundesligisten bestimmen können.

 

Sechs Bundesligisten schicken ihre Teams als Kommanditgesellschaft auf Aktien (GmbH & Co. KGaA) ins Rennen. Die Geschäftsführung wird dabei vom haftenden Komplementär bestimmt – dieser ist ausnahmslos eine GmbH im Vereinsbesitz. Dadurch behält der Verein das Kommando, selbst wenn er wie zum Beispiel der BVB oder Hannover 96 nicht mehr die Mehrheit der Unternehmensanteile hält.

 Bei einer Aktiengesellschaft (AG) bestimmt hingegen der Aufsichtsrat, der im wesentlichen von den Aktionären gewählt wird, einen Vorstand – daher muss der Verein nach derzeitigen DFB-Statuten die Mehrheit der Aktien in der eigenen Hand behalten. Mit dem FC Bayern, Eintracht Frankfurt und dem HSV sind drei Bundesligisten Eigentum einer Aktiengesellschaft.

 Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) bietet sich für Vereine an, die gezielt einen Hauptsponsor einbinden (wie Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim und Ingolstadt) oder wie Borussia Mönchengladbach schlichtweg den wirtschaftlichen Bereich aus ihrem Breitensport ausgliedern möchten – für den Kapitalmarkt ist die GmbH eher ungeeignet. Fünf Bundesligisten werden von einer GmbH organisiert. Veranstaltet wird die Fußball-Bundesliga übrigens ebenfalls von einer Kapitalgesellschaft – der vom DFB mit der Organisation der beiden Bundesligen beauftrage Ligaverband hat zu diesem Zweck die DFL Deutsche Fußball Liga GmbH ins Leben gerufen. Eigentümer der DFL ist zu 100 Prozent der Ligaverband.

Wann übergab welcher Erstligist den Profifußballbetrieb einer Kapitalgesellschaft – ein Überblick.

 

1999: Der Werksclub wird Werkseigentum...

Kaum, dass der DFB durch eine Satzungsänderung den Bundesliga-Spielbetrieb auch für Kapitalgesellschaften frei gegeben hatte, machte Bayer 04 Leverkusen seinem Ruf als „Werksclub“ alle Ehren. Pünktlich am 1. April 1999 wurde die Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH ins Handelsregister eingetragen. Alleiniger Gesellschafter ist die Bayer AG. Eigentlich muss ein Verein die Stimmhoheit behalten – für Werksclubs ist allerdings eine Klausel in den Statuten eingebaut.

 

1999: Börsenspielverein Borussia...

Im November 1999 stimmten die Mitglieder von Borussia Dortmund für die vom umtriebigen Führungsduo mit Manager Michael Meier und Präsident Gerd Niebaum forcierte Ausgliederung der Lizenzspielerabteilungen in die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA. Der in der Fußball-Branche deutschlandweit bislang einmalige Börsengang erfolgte Ende Oktober 2000. Bis 2009 rutschte der Kurs von anfangs elf Euro auf 84 Cent ab, auch aufgrund des sportlichen Höhenflugs stieg er 2014 auf über fünf Euro. Als strategische Investoren sind Signal Iduna (5,43%), Puma (5,0%)und Evonik (14,78%) an Bord. Fußballliebhaber Bernd Geske gehört immerhin 8,80 Prozent des Dortmunder Fußball Unternehmens.

 

1999: Eins, zwei, drei – der Verein ist meins...

Ein Fußball-Kapitalist der ersten Stunde war Martin Kind, heutzutage Präsident von Hannover 96 sowie treibende Kraft hinter der Ausgliederung der Profimannschaft in die Hannover 96 GmbH & Co. KGaA im Dezember 1999. 84 Prozent dieser Gesellschaft übernahmen damals die Hannover 96 Sales & Services GmbH & Co. KG (kurz: S&S) – die wiederum Eigentum von sieben Gesellschaftern ist – darunter neben Martin Kind auch der Drogerist Dirk Roßmann und der Textil-Unternehmer Detlev Meyer. Prekär: Die restlichen 16 Prozent kauften Kind & Co. für nur 3,5 Millionen Euro im Herbst 2014 – publik wurde dieser Deal aber erst einige Monate später. Kein Wunder, dass Martin Kind seit Jahren vehement gegen die 50+1 Regel argumentiert: Alles haben, aber nix zu sagen – ist auch nicht so schön. Das soll sich demnächst aber ändern: 2018 hat er angekündigt, auch die Stimmrechte zu übernehmen.

 

2000: Wenn Freunde Geschäftspartner werden...

Am 1. Juli 2000 wurde in Deutschlands Börsenstandort und Finanzmetropole die Eintracht Frankfurt Fußball AG gegründet. Damals als strategischer Partner mit an Bord: der amerikanische Vermarktungsriese Octagon. Doch nur rund eineinhalb Jahre später zog sich Octagon, Verluste in Millionenhöhe billigend, zurück. Das Loch in der Bilanz der Eintracht Frankfurt Fußball AG stopften im aller letzten Moment kurz vor dem Entzug der Lizenz die Freunde der Eintracht Frankfurt AG, die für 28,5 Prozent der AG-Anteile des damaligen Zweitligsten 4,5 Millionen Euro hinblätterten. Ein Schnäppchen im Nachhinein.

 

2001: Vorwärts in die Vergangenheit...

Es gab eine Zeit, da hieß der heutige Verein für Leibesübungen Wolfsburg – kurz VfL – noch „Verein für Leibesübungen Volkswagenwerk“. Seit dem 23. Mai 2001 ist der VfL Wolfsburg seiner einstigen Bestimmung wieder ein gutes Stück näher gekommen. VW übernahm zunächst 90 Prozent der in der VfL Wolfsburg Fußball GmbH ausgegliederten Lizenzspielerabteilung. Seit November 2007 ist der Automobilkonzern alleiniger Gesellschafter. Prekär: VW-Chef Martin Winterkorn sitzt auch noch im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG.

 

2002: Der FCB und die drei großen A...

„Ich bin nur der Präsident der Schachspieler“, scherzte Franz Beckenbauer einst. Denn während die Schachabteilung noch vom eingetragenen Verein organisiert wird, ist die Profi-Fußballabteilung seit Februar 2002 in der FC Bayern München AG ausgegliedert. Adidas, die Allianz und Audi halten jeweils 8,33 Prozent der AG. Während Adidas 2002 noch 77 Millionen Euro zahlte, musste Audi zwischen 2010 und 2011 90 Millionen Euro aufbringen und die Allianz im Februar 2014 ganze 110 Millionen Euro zahlen.

 

2002: Wenn Alte Damen zu Investitionsobjekten werden...

Was Anfang 2014 passierte, hatte sein Vorspiel 2002, als Hertha BSC den Spielbetrieb der Profis, Amateure und der A-Jugend in die Hertha BSC GmbH & Co KGaA auslagerte. Zwölf Jahre später mag sich der ein oder andere Hertha-Fan gedacht haben: „Hilfe, die Heuschrecken kommen!“, wohingegen Fußball-Ökonomen wohl eher etwas verdutzt waren – propagieren sie doch die These, dass Investoren aufgrund des hohen sportlichen Wettbewerbs zwischen den Vereinen im Fußball keine Rendite erzielen können. Diesem Glauben zum Trotz sollen dem amerikanischen Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberst & Co. (KKR) bei Hertha BSC Berlin Anfang des Jahres 9,7 Prozent der Anteile rund 18 Millionen Euro wert gewesen sein.

 

2002: Köln gehört Köln...

Bereits im März 2002 hat der 1. FC Köln die Verantwortung für seine Profi-Kicker und diverse Juniorenmannschaften der 1. FC Köln GmbH & Co. KGaA übergeben. Auch wenn die sportliche Bilanz der GmbH & Co. KGaA mit vier Abstiegen seitdem etwas turbulent ausfällt: Dem ein oder anderen Vereinsmitglied mag angesichts der Haftungsbeschränkung etwas wohler zu Mute sein. Einen Investor hat der 1. FC Köln unterdessen noch nicht mit an Bord.

 

2003: Die Fohlengesellschaft...

Seit dem 1. Januar 2003 leitet die Borussia VfL Mönchengladbach GmbH die Profi-Fußball-Abteilung. Alleiniger Gesellschafter ist der eingetragene Verein. Ein Gang an den Kapitalmarkt war und ist nicht geplant.

 

2003: Die Fußball, Handball, Tischtennis und Schach GmbH & Co. KGaA...

Der SV Werder Bremen setzt seit dem 27. Mai 2003 auf die SV Werder Bremen GmbH & Co. KGaA. Im Gegensatz zum FC Bayern haben die Werderaner der Kapitalgesellschaft neben den Profi-Kickern auch höherklassige Mannschaften im Tischtennis, Handball und – Franz Beckenbauer horcht auf – im Schach anvertraut.

 

2005: Hoppenheim...

2011 wurde die 50+1-Regel im Streit mit Martin Kind etwas aufgeweicht: Seitdem dürfen Investoren, die sich seit mehr als 20 Jahren im Verein engagiert haben, auch dessen Stimmrechte übernehmen. Erster Profiteur: Dietmar Hopp. Der Präsident der Kraichgauer bestimmt als erste Privatperson alleine über die Geschicke eines Bundesligisten. Seit 2005 – damals kickte die TSG noch in der Regionalliga – gehören ihm zwar 96 Prozent der TSG Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH , zunächst aber nur 49 Prozent der Stimmrechte.

 

2006: Die Patrizier...

Etwas Angst hatte wohl der FC Augsburg nach dem Aufstieg in Liga zwei. Lieber mit beschränkter Haftung, mögen sich die Schwaben gedacht haben, und übergaben die Lizenzspielermannschaft 2006 in die Hände der FC Augsburg 1907 GmbH & Co KGaA, die allerdings zu 100 Prozent in Händen des Vereins ist.

 

2007: VW gegen Audi gegen Quattro...

Wenn der Aufsteiger FC Ingolstadt in der kommenden Saison auf den FC Bayern München und den VfL Wolfsburg trifft, hat das einen Beigeschmack. Besitzer oder mit-Eigentümer dieser drei Fußballabteilungen ist VW oder die VW-Tochter Audi. Die Anteile an der FC Ingolstadt 04 Fußball GmbH hat die Audi Quattro 2013 vom Vorstandsvorsitzenden Peter Jackwerth übernommen. 19,94 Prozent gehören nun dem Automobilkonzern. Jackwerth selbst ist seit der Fuison zweier Ingolstädter Fußballvereine zum FC Ingolstadt im Jahr 2004 die treibende Kraft. Als die Profi-Fußballabteilung 2007 in eine GmbH ausgegliedert wurde, hielt der Unternehmer anfangs 49 Prozent.

 

2014: Der Dino häutet sich

Alles, aber bitte, bitte nicht noch so eine Katastrophen-Saison inklusive fast-Abstieg, dachten sich 86,9 Prozent der HSV-Vereinsmitglieder und stimmten im Mai für die Ausgliederung der Profis in die HSV Fußball AG. Erste Investoren: Klaus-Michael Kühne und Helmut Bohnhorst. Der Verkaufspreis der HSV-Aktien lag allerdings deutlich unter dem von der Wirtschafstberatung KPMG ermittelten Unternehmenswert.

  

Die letzten Mohikaner oder nostalgische Basisdemokraten? Mit dem FSV Mainz 05, dem FC Schalke 04, dem VfB Stuttgart und dem Aufsteiger SV Darmstadt organisieren noch vier eingetragene Vereine den Erstliga-Spielbetrieb im Rahmen ihrer Vereinstätigkeit

 

 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben