Alba Berlin : Reggie Redding: „Ich habe geweint wie ein Baby“

Alba Berlins Profi Reggie Redding spricht im Interview über Heimweh, Basketball als einzige Alternative und das schwierigste Spiel seiner Karriere nach dem Tod seiner Großeltern.

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Reggie Redding, 26, spielt das zweite Jahr im Trikot von Alba Berlin. Zuvor stand er bei den Tigers Tübingen und Etha Engomis auf Zypern unter Vertrag. In der abgelaufenen Spielzeit kam der Shooting Guard bei der Wahl zum „Wertvollsten Spieler“ der Bundesliga auf den zweiten Platz. Redding ist in Philadelphia geboren und aufgewachsen, dort besuchte er auch das Villanova-College.
Reggie Redding, 26, spielt das zweite Jahr im Trikot von Alba Berlin. Zuvor stand er bei den Tigers Tübingen und Etha Engomis auf...Foto: imago

Reggie Redding, wegen eines Trauerfalls waren Sie gerade zehn Tage in Ihrer Heimatstadt Philadelphia. Wollten Sie überhaupt zurück nach Berlin?

Es ist mir schwergefallen. Nach der Beerdigung meiner Großmutter sollte ich Samstag ins Flugzeug steigen. Aber dann ist Samstagfrüh auch mein Großvater gestorben. Ich bin für ein Begräbnis nach Hause gefahren, am Ende wurden es zwei.

Eine schlimme Woche.

Meine Großmutter war krank. Als sie starb, war es keine große Überraschung. Aber der Tod meines Großvaters kam völlig unerwartet, aus dem Nichts. Er war eine Vaterfigur für mich, ich bin bei ihm aufgewachsen. Er hat keins meiner Spiele verpasst, seit ich elf Jahre alt bin. Am Abend vor seinem Tod haben wir noch alle beisammen gesessen und ein bisschen Weihnachten gefeiert, meinetwegen. Ich war an Weihnachten fünf Jahre lang nicht zu Hause. Da ging es ihm noch gut, und am nächsten Morgen ... es war ein Schock.

Ein trauriger Anlass für einen Besuch in der Heimat. Als Basketballprofi sind Sie ohnehin selten zu Hause.

Ich finde es jedes Mal sehr traurig, wenn ich abreise. Diesmal war es noch härter.

Auf dem Basketballfeld wirken Sie wie ein fröhlicher Mensch. Bei Twitter schreiben Sie aber manchmal eher wie jemand, den etwas bedrückt. Zum Beispiel: „Ihr versteht nicht, wie sehr ich mich alleine langweile“. Oder: „Ich fühle mich so weit entfernt von allen, die ich kenne“. Oder: „Verdammt, ich vermisse 4th Street so sehr“.

Ich bin mir sicher, viele amerikanische Profis, die in Europa spielen, fühlen sich so. Und 4th Street ist die Straße, in der ich aufgewachsen bin. Ich vermisse es einfach, ein Kind zu sein. Wenn man älter wird, verändern sich viele Dinge.

Und was ist mit der Langeweile?

Auch zu Hause langweile ich mich manchmal. Aber dann habe ich Leute um mich herum, mit denen ich mich gemeinsam langweilen kann.

Kann der Profibasketball bisweilen eine recht einsame Welt sein?

Auf jeden Fall. Viele Leute verstehen das nicht. Manche Zeiten sind einfach hart. Wenn man bei seiner Familie sein will, oder an den Feiertagen. Wie jetzt gerade.

Als Sie im vergangenen August zum Trainingsstart nach Berlin kamen, haben Sie bei Twitter geschrieben. „I did not miss this overseas boredom“. Wie muss man sich diese „Übersee-Langeweile“ vorstellen?

Wenn ich in Philadelphia bin, habe ich immer Freunde um mich herum. Im Sommer zu Hause bin ich niemals allein.

Und wie ist das in Berlin?

Man kommt vom Training – in ein leeres Apartment. Man kommt von einem Spiel – in ein leeres Apartment. Man surft im Internet, guckt ein bisschen fern. Man wacht auf: immer das Gleiche. Es ist einfach eine Mühle. Aber das ist der Preis dafür, dass man Profibasketballer ist.

Berlin ist nicht gerade der schlechteste Ort, um Spaß zu haben und sich abzulenken. Warum gehen Sie nicht vor die Tür?


Ich bin ziemlich faul (lacht). Ich bin also selbst schuld. Berlin ist eine tolle Stadt, es gibt viel zu tun und anzuschauen. Ich müsste an unseren freien Tagen nur mal meinen Hintern hochkriegen, anstatt auf der Couch zu sitzen. Mach ich aber nicht.

Unternehmen Sie etwas mit Mitspielern?

Letzte Saison habe ich im selben Haus wie Cliff Hammonds und seine Familie gewohnt. Er hat mehrere Abende pro Woche angerufen: „Reggie, hast Du schon was gegessen? Komm rüber und schnapp Dir einen Teller!“ Cliffs Tür steht immer offen, ich liebe diesen Kerl! Aber jetzt wohne ich woanders, Jamel McLean wird von Cliffs Frau bekocht.

Sie sind jetzt das vierte Jahr in Deutschland, die zweite Saison bei Alba. Ihre Karriere läuft gut, das Team ist erfolgreich. Fühlen Sie sich ein bisschen zu Hause? Oder als jemand auf der Durchreise?

Ich bin kein Fremder hier, ich fühle mich wohl. Es war leicht für mich, in Berlin anzukommen. Ich bin glücklich hier, ich liebe meine Mitspieler. Ich habe nicht so viel Heimweh wie in anderen Städten.

Ihr erster Job als Profi im Alter von 21 Jahren war auf Zypern. Sie wollten schon nach ein paar Tagen hinschmeißen.

Nicht nach ein paar Tagen – sondern sofort! Ein Taxifahrer hat mich vom Flughafen abgeholt, bei McDonald’s vorbeigefahren und mir den Schlüssel für meine Wohnung gegeben. Das war’s. Ich kannte niemanden. Ich habe den Fernseher angemacht und kein Wort verstanden. Mein Telefon hat nicht funktioniert. Ich habe mich hingesetzt und geweint wie ein Baby. Ungefähr eine halbe Stunde lang (grinst). Ich wollte einfach nach Hause.

Und dann?

Bin ich wieder zum Leben erwacht. Ich habe mir gesagt: Ich muss mich durchbeißen. Das hier ist das, was ich will. Es gibt nichts zu Hause, zu dem ich zurückkehren kann. Zwei Tage später habe ich einen Mitbewohner bekommen – Anthony King, der jetzt in Quakenbrück spielt. Er hat sich um mich gekümmert. Er hat wahrscheinlich meine Karriere gerettet.

Was hätten Sie ohne Basketball gemacht?

Darum bin ich ja geblieben: Ich hatte keine Ahnung, was die Alternative sein könnte.

Was bedeutet Basketball für Sie?

So ziemlich alles. Basketball hat mir ein College-Stipendium verschafft, ich konnte eine gute High School besuchen. Die meisten meiner besten Freunde habe ich durch Basketball kennengelernt. Ich habe viel von der Welt gesehen. Und Basketball hat mich davon abgehalten, einen falschen Weg einzuschlagen. Das war vielleicht das Wichtigste.

Haben Sie sich bewusst für Basketball und gegen die schiefe Bahn entschieden?

Nicht wirklich. Ich spiele schon, seit ich sehr klein bin. Es gab einfach nie etwas anderes, ich kannte nichts außer Basketball. Also bin ich dabei geblieben. Als junger Spieler träumst du natürlich von der NBA. Du willst dieses Leben, du willst ein NBA-Superstar werden. Also spielst du.

Wo wären Sie heute ohne Basketball?

Wer weiß? Wer weiß?

Die meisten Deutschen wissen über Philadelphia vermutlich nur, dass die Unabhängigkeitserklärung der USA dort unterzeichnet wurde. Und dass „Rocky“ im Film irgendeine riesige Treppe hochsprintet.

Und Will Smith.

Und Will Smith. Aber wie sind Sie aufgewachsen? Sie stammen aus keiner sehr guten Gegend.

Es hat mir geholfen, dass ich aus Philadelphia komme. Wir haben immer gesagt: „Ich versuche, aus der Hood rauszukommen.“ Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich nichts ändern. Ich würde im selben Haus, in derselben Gegend, in derselben Straße aufwachsen wollen.

Sie wollten raus. Trotzdem haben Sie Heimweh und wollen zurück, so oft es geht?

Verrückt, oder? Sogar wenn irgendwelche gefährlichen Sachen abgehen, fühle ich mich dort am meisten zu Hause.

Können Sie es genießen, Städte wie Moskau, Athen oder Rom zu sehen? Oder sind das nur weitere Stationen in der Mühle?

Manchmal bin ich einfach zu müde, es sind so viele Reisen. Aber ich versuche, das wertzuschätzen. Es gibt so viele Leute, die gerne reisen würden und keine Chance dazu haben. Ich glaube, meine aktuelle Situation kann mir dabei helfen.

Inwiefern?

Ich habe einfach erfahren, dass man sich auf nichts verlassen kann. Ich habe großes Glück und sollte dankbar sein. Ich kann für einen Klub wie Alba spielen, auf hohem Niveau.

Nach der zweiten Beerdigung sind Sie am Samstag wieder in Berlin gelandet und haben am Sonntag gegen Frankfurt gleich wieder gespielt. Wie geht so etwas?

Das Begräbnis meines Opas war Freitagmittag, ich konnte mich gerade noch verabschieden, umziehen und meine Sachen holen, dann saß ich im Flugzeug. Nach der Landung in Tegel bin ich direkt zum Training gefahren. Dann habe ich mich ausgeschlafen, dann kam schon das Spiel.

Wie lief es aus Ihrer Sicht?

Ich hatte so viele verschiedene Gefühle, ich war müde, mein Körper fühlte sich falsch an. Die Frankfurter waren gut, sie wollten uns richtig zerfetzen. Aber wir haben einen Weg gefunden – wie immer. Ich selbst habe mich aber schwergetan. Weil alles noch so nah war, so frisch. Es war das schwierigste Spiel meiner Karriere.

Weihnachten fällt für Sie weitgehend aus. Am 25. Dezember werden Sie erst trainieren und dann mit dem Bus nach Bamberg fahren, wo Sie am zweiten Feiertag spielen. Kann Ihnen dieses Programm auch helfen, sich von der Trauer abzulenken?

Ja. Wenn ich zu Hause sitze, rast mein Verstand mit 1000 Meilen pro Minute herum, in alle Richtungen. Aber Basketball ist eine Sache, bei der ich frei sein kann. Bei der ich tun kann, was ich liebe.

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