Alba gegen Roter Stern Belgrad : Sasa Obradovic: "Einige erwarten, dass ich Alba verlieren lasse"

Roter Stern Belgrad, der Inbegriff serbischer Basketball-Leidenschaft: Alba-Coach Sasa Obradovic lernte dort, laut und erfolgreich zu sein. Nun trifft er das erste Mal auf seinen Heimatverein.

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Ausdrucksstark: Albas Trainer Sasa Obradovic treibt sein Team pausenlos an der Seitenlinie an.
Ausdrucksstark: Albas Trainer Sasa Obradovic treibt sein Team pausenlos an der Seitenlinie an.Foto: afp

Wer Sasa Obradovic nur von der Seitenlinie kennt, wie er dort schreit und tobt, der glaubt kaum, wie leise dieser Basketball-Trainer abseits des Feldes sprechen kann. Der Serbe nuschelt dann oft schwer auseinanderzuhaltende englische Wörter vor sich hin. Seine Augen, die so wütend funkeln können, blicken dann Halt suchend zu Boden. Am Montag ist der Coach in der Trainingshalle von Alba Berlin besonders leise, seine Spieler müssen dicht im Kreis an ihn herantreten, um ihn zu verstehen. Vielleicht ist es die Ehrfurcht vor der kommenden Aufgabe, die Obradovics Volumen drosselt, möglich, dass er sich dafür schon in Selbstbeherrschung übt, vielleicht ist er auch nur heiser vom letzten durchgeschrienen Spiel. Jedenfalls murmelt er: „Das wird eine neue Erfahrung für die meisten von euch.“ Flüstert: „Das wird ein verrücktes Spiel.“

Obradovic weiß, wovon er spricht, er ist mit dem Wahnsinn aufgewachsen und nun kehrt er zurück. Zum ersten Mal in seiner Trainerkarriere tritt er gegen seine alte Liebe an, die ihn zu dem Spieler und Coach gemacht hat, der er heute ist: Roter Stern Belgrad. Ein Inbegriff serbischer Basketballleidenschaft, die Obradovic zu Höchstleistungen getrieben hat und heute dafür sorgt, dass er Alba Berlin zum Erfolg treibt.

Es ist keines dieser Spiele gegen einen Ex-Klub, bei dem Trainer sagen, es sei schon irgendwie etwas Besonderes. Als ein serbischer Reporter Obradovic noch in der Vorrunde fragte, auf welchen Verein er auf keinen Fall treffen wollte, antwortete er damals: Roter Stern. Als wäre das nicht genug, feiert er bei dem Euroleague-Spiel am Donnerstag seinen 46. Geburtstag in seiner Heimatstadt, trifft seine Mutter und Schwester, die dort leben. „Das ist zu viel für einen Tag“, murmelt Obradovic, als er vor der Halle auf seine Gefühlslage angesprochen wird. „Einige erwarten, dass ich Alba verlieren lasse, aber dafür geht es für beide um zu viel.“ Belgrad will nach vier Niederlagen den ersten Sieg, Alba den dritten Sieg.

Sasa Obradovic: "Ich feuere sie sonst an, wenn ich dort bin"

Obradovic ist in Belgrad groß geworden, als Spieler und Fan von Roter Stern. Letzteres ist er bis heute. „Ich feuere sie sonst an, wenn ich dort bin“, sagt er. Wie seine serbischen Assistenztrainer. „Das wird hart für sie“, raunt der Center Marko Banic, der als Kroate die Mentalität auf dem Balkan kennt. „Die Zuschauer in Belgrad sind Fanatiker, mit die lautesten in Europa. Da schreien Großväter und Enkel um die Wette. Aber die Derbys gegen Partisan können hässlich werden.“

Roter Stern, einst der Klub der serbischen Kommunisten, und Partisan, früher der Verein der jugoslawischen Armee, leben ihre Rivalität in vielen Sportarten aus, was nicht selten mit Verletzten und Spielabbrüchen endet. „Die Leute leben für Sport, und Basketball steht mittlerweile fast vor Fußball“, sagt Obradovic. „Sie bereiten Choreografien vor und haben die besten Gesänge.“ In der Euroleague hat Roter Stern die meisten Zuschauer, 14 000 im Schnitt, auch wenn in der kleineren Pionir-Halle „die Akustik noch besser“ sei. Dort hat sich Obradovic 1994 mit einer Meisterschaft verabschiedet, bevor der Spielmacher zu Alba wechselte. „Ich weiß, was ich den Fans dort bedeute“, sagt Obradovic, sie wählten ihn einst zum Stern der Sterne, ein Ehrentitel. Auch sonst sind die Bande eng. „Wir sind privat alle Freunde, der Manager, der Sportdirektor, wir sehen uns jeden Sommer.“ Obradovic muss sich daher in Acht nehmen. In Serbien gibt es schon mal einen Handschlag zu viel vor dem Spiel oder Blumen, um den alten Kumpel aus dem Takt zu bringen. „Ich kann nicht coachen wie sonst, ich muss meine Emotionen kontrollieren“, sagt Obradovic, der Fans wegen. „Wenn ich aggressiv werde, werden sie aggressiver.“

Seinen Spielern sei eine gesunde Härte gestattet. Die Erfahrung, vor dieser Kulisse zu spielen, da müssten sie alle durch, so wie er einst. „Das macht dich härter.“ Die Roter-Stern-Fußballer seien auch schon verprügelt worden. „Du musst kämpfen und gewinnen, oder die Fans werden hart zu dir.“ So hat Obradovic gelernt zu schreien und zu siegen. Am Donnerstag lernt er, am Spielfeldrand zu schweigen.

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