Sport : Als der Westen mit dem Osten den Doppelpass probte

Das Hertha-Idol Hanne Sobek und das kurze Kapitel des Gesamtberliner Fußballs im Kalten Krieg

René Wiese

Berlin - Mitte der Fünfzigerjahre war Fußball-Berlin in gesamtdeutscher Aufregung. Anlass war die Planung einer gemeinsamen Auswahl aus West- und Ost-Berliner Kickern, die bereits als politisches Modell für ein zukünftiges Zusammengehen der geteilten Stadthälften gehandelt wurde. Im Herbst 1950 war der Fußball Berlins aufgrund der politischen Teilung zunächst tragisch auseinandergebrochen. Hertha-Idol Hanne Sobek, der 1930 die Hertha-Elf zum ersten deutschen Meistertitel geführt hatte, musste kurz nach seinem Debüt als Trainer der Berliner Stadtauswahl den Zerfall dieser über Jahrzehnte gewachsenen Fußballstruktur mitansehen. Jedoch ließen sich die Fußballer in Ost und West nicht so leicht von der politischen Logik des Kalten Krieges ins Abseits manövrieren: Bereits Ende des Jahres 1953 kam es trotz der politischen Spannungen nach der Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni zu ersten Wieder-Annäherungen zwischen den beiden Fußballverbänden der geteilten Stadt. Sie vereinbarten so genannte „Aussöhnungsspiele“ zwischen den mittlerweile in Ost- und West-Berlin gebildeten Stadtauswahl-Mannschaften.

Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1953 ging tatsächlich die erste „Aussöhnungs“-Begegnung im Walter-Ulbricht-Stadion vor 55 000 Zuschauern mit einem Sieg (3:2) für die Ost-Berliner über die Bühne. Den Durchbruch brachte ein Jahr später das Rückspiel am 26. Dezember 1954 im West-Berliner Poststadion in Moabit: Vor 35 000 Zuschauern trennten sich die Teams aus Ost- und West-Berlin nach einem sehr guten Spiel mit 3:3. Die sportliche Meisterleistung befeuerte in Ost und West die Vision einer Gesamtberliner Auswahl. „Der VBB braucht nur einzuschlagen!“ Mit dieser Schlagzeile reichte die ostdeutsche „Neue Fußball-Woche“ bereits die ausgestreckte Hand über die innerdeutsche Grenze hinweg. Das „Sport-Echo“ sekundierte: „Der Berliner Fußball ist gemeinsam viel stärker.“ Und der West-Berliner Trainer Sobek vollzog bereits im Geiste die ideale gesamtdeutsche Aufstellung: „Die Mischung von beiden Mannschaften, der Kurzpass unserer Vertretung und der Steilpass der Ost-Berliner, das ergibt das Richtige.“

Nach mehreren Besprechungen verabschiedeten der VBB (Fußball-Verband West) und der Ost-Berliner „Fachausschuss Fußball Groß-Berlin“ am 14. März 1955 ein sensationelles Kommuniqué, das ankündigte, erstmalig seit 1950 wieder eine Gesamtberliner Mannschaft auf den Rasen zu schicken. Ein Spiel gegen die Stadtauswahl von Prag sollte die Zuschauer im Walter-Ulbricht-Stadion am 11. Mai 1955 auf die Etappenankunft der Friedensfahrt einstimmen. Ein weiteres Gesamtberliner Spiel sollte später im Charlottenburger Olympiastadion folgen. Als gemeinsames Trainergespann wurden Hanne Sobek und sein Ost-Berliner Kollege Kurt Vorkauf bestellt. Aus einem paritätisch besetzten Aufgebot der 20 besten Kicker wählten sie in zwei Übungsspielen eine schlagkräftige Truppe aus. Hierbei dominierten sportliche Kriterien, nicht politische Befindlichkeiten. So kam Hanne Sobek nach dem Besuch einiger traditioneller „Osterspiele“ in Ost-Berlin zu der freimütig geäußerten Überzeugung, dass die Dynamo-Stürmer „den besten Angriff Gesamtberlins“ bildeten.

Am 11. Mai 1955 konnte - endlich! - eine aus sieben Ost- und vier West-Berlinern bestehende Mannschaft vor 70 000 Zuschauern im Walter-Ulbricht-Stadion gegen Prag auflaufen. Zwar wurden die Erwartungen der gespannt ins Stadion geströmten Zuschauer aus Ost und West nicht vollständig erfüllt: Die Stadtauswahl gewann nach mäßiger Leistung nur äußerst knapp mit 1:0. Die gesamtdeutsche Begeisterung kannte jedoch – im wahrsten Sinne des Wortes – keine Grenzen! Fußball-Berlin war mit einem Schlag als gesamtdeutsches Vorbild in aller Munde. VBB-Geschäftsführer Bredlow erklärte stolz: „Hier in Berlin können wir zugleich den Nationalen Olympischen Komitees der DDR und der Bundesrepublik ein schönes Beispiel geben, dass eine gedeihliche Zusammenarbeit dem Sport nur nutzen kann. Eine solche Zusammenarbeit ist immer dann möglich, wenn beiderseits der gute Wille vorhanden ist.“

Doch mit eben diesem guten Willen war es sehr bald schlagartig vorbei. Anlass war ein zäher Verhandlungspoker der DDR-Funktionäre um die richtige Ost/West-Mischung des gemeinsamen Kaders beim geplanten zweiten Spiel im Olympiastadion. Der Osten forderte plötzlich ein Verhältnis von acht zu drei zu eigenen Gunsten. Der VBB reagierte geschockt und lehnte eine solche Aufstellung ab. Die Hintergründe dieses Tauziehens lassen sich heute durch einen Blick in die Aktenbestände des ZK der SED erkennen. Das inszenierte Scheitern der Verhandlung ging auf ein Machtwort von „Spielverderber“ Walter Ulbricht Anfang November 1955 zurück. Der SED-Chef hatte erkannt, dass ein Gesamtberliner Fußball unwillkürlich dem „Klassenfeind“ nützen würde: Denn das bevorstehende Spiel im Olympiastadion versprach enorme Einnahmen für den West-Berliner Sport. Eine Päppelung der verhassten Frontstadt, des „Pfahls im Fleisch der DDR“, wollten die Einheitssozialisten jedoch auf keinen Fall betreiben. In klaren Worten verfügte Ulbricht am 2. November im ZK der SED, „dass wir nicht besonders daran interessiert sind, die West-Berliner Vereine durch Vergleichskämpfe mit ihnen zu finanzieren“. Das Engagement des VBB und Sobeks war somit zum Scheitern verurteilt. Die Gesamtberliner Stadtauswahl, die wenige Monate zuvor als hoffnungsvoller Vorbote einer gesamtdeutschen Entwicklung gegolten hatte, wurde nun zum Exempel der unüberwindlichen politischen Barrieren. Das kurze Kapitel der Gesamtberliner Stadtelf im Kalten Krieg war endgültig zugeschlagen.

Der Autor ist Sporthistoriker. Diese und andere Episoden des deutsch-deutschen Fußballs im Kalten Krieg präsentiert die Ausstellung „Doppelpässe – Wie die Deutschen die Mauer umspielten“, die vom Zentrum deutsche Sportgeschichte in Kooperation mit der Agentur exhibeo erarbeitet und von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wurde. Die Schau wurde gerade verlängert und wird noch bis zum 24. September im Prenzlauer Berg Museum, Prenzlauer Allee, 227/228 gezeigt. Der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten Di.–So. 10–18 Uhr, Do. 10–20 Uhr. Internet: www.doppelpaesse.de

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