Als Fußball-Profi in Afrika : Von Berlin-Neukölln in den Sudan

Fußball-Profi in Europa werden, das wollen viele Afrikaner. Der Berliner Dennis France geht den umgekehrten Weg - von Deutschland in den Sudan.

Ilja Behnisch
Jenseits von Neukölln. Dennis France trainiert mit Jugendlichen im Sudan.
Jenseits von Neukölln. Dennis France trainiert mit Jugendlichen im Sudan.Foto: facebook.com/official.dfrance DF44 Support

Dennis France rückt seinen weißen Plastikstuhl zurück. In den schmaler werdenden Schatten hinein, den die Wand in seinem Rücken noch zu werfen vermag. Es ist kurz vor zwölf in Khartum, der Hauptstadt des Sudans. Das Thermometer ist längst über die 40-Grad-Marke geklettert. Und mitten in diesem 6,5 Millionen Einwohner fassenden Brutofen sitzt Dennis France aus Berlin-Neukölln, 21 Jahre jung und deutscher Fußballer. Und spricht in die Laptop-Kamera darüber, wie er als erster Europäer Profi im sudanesischen Fußball werden wollte.

Es ist die Geschichte eines Träumers im Zweikampf gegen die Realität. Und eines ungewöhnlichen Weges. Tausende junge Afrikaner suchen jedes Jahr ihr Glück in Europa, einige von ihnen sind Fußballer, die vom großen Geld in der Bundesliga oder Premier League träumen. Doch Dennis France ist den umgekehrten Weg gegangen: aus Berlin in den Sudan.

„Zehn Jahre ist es her“, erinnert sich France, wie er den ersten Sudanesen seines Lebens kennenlernte, den Vater einer Klassenkameradin. France, Sohn eines Franzosen, ist gefesselt von der Kultur, Wärme und Fröhlichkeit, fühlt sich wohl in seiner Nähe und der seiner Freunde. Er will den Sudan mit eigenen Augen sehen und selbst erleben. Im Dezember 2012, kurz nach seinem 19. Geburtstag, ist es so weit. Für sechs Monate will er das Land seiner Sehnsucht erkunden, seine eigenen Eindrücke mit den Erzählungen abgleichen, die ihn all die Jahre durch seinen Alltag in Berlin begleitet haben. Das Verlangen ist größer als die Ängste und Zweifel der deutschen Freunde und der Eltern, in deren Vorstellung der Sudan ein vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg zerfetztes Land ist. Der ostafrikanische Wüstenstaat gilt unter der langen Herrschaft von Diktator Omar al Baschir als eines der ärmsten Länder des Kontinents.

Tatsächlich, sagt France, „haben die Menschen vollkommen falsche Vorstellungen vom Leben hier“. Natürlich seien die Umstände in Khartum „nicht so, als würde man am Wannsee leben – eher so wie in Neukölln“. Aber von Armut oder gar Chaos könne keine Rede sein. France jedenfalls fühlt sich sofort heimisch. Erst recht, als der Vater des Freundes, bei dem er untergekommen ist, ihm anbietet, in seiner Fußball-Akademie zu trainieren. France, der in Berlin für den Frohnauer SC in der A-Jugend-Verbandsliga kickte, zieht die Blicke auf sich. Nicht nur, weil er anders aussieht, sondern auch fußballerisch heraussticht. Sie nennen ihn Kroos. Oder Schweinsteiger. Weil er der Deutsche ist, klar. Aber auch, weil sie seine strategischen Fähigkeiten bewundern. Der sudanesische Fußball lebe von seiner Athletik, so France. So einen wie ihn, der das Spiel mit seinen Pässen ordnet, der dem Geschehen Rhythmus und Struktur verleiht, findet man hingegen eher selten, sagt Mohammed Atabani, einer von Frances Freunden im Sudan. Und so lädt ihn der gerade in die sudanesische Premier League aufgestiegene Klub Al-Merrikh El-Fasher Anfang 2013 zum Probetraining ein. Der Sudan ist eine der ältesten Fußballnationen Afrikas, vom Ölreichtum profitierende Spitzenklubs wie Al-Merreikh Omdurman zahlen Stars bis zu 600 000 Dollar netto, berichtete der deutsche Trainer Otto Pfister einmal.

Im Sudan sei es nicht wie am Wannsee, sagt der 21-Jährige, eher so wie in Neukölln

France überzeugt beim Aufsteiger und darf bleiben. Es ist der Startschuss einer schwierigen Zeit. Die Verantwortlichen des Klubs geben ihm nicht den versprochenen Vertrag, sondern halten ihn hin, Tag für Tag, Woche für Woche. Stecken ihm heimlich Geld zu, 2000 Dollar auf einen Schlag. Davon lässt es sich im Sudan ein paar Monate aushalten. Bis ein anderer Verein France zum Training einlädt. Er nimmt an. „Ein Riesenfehler“, sagt er heute. Von einem Tag auf den anderen gilt er als Söldner und Verräter, als nicht vertrauenswürdig. Der Profi-Vertrag rückt in weite Ferne. Zudem läuft das Touristen-Visum aus. France kehrt zurück nach Deutschland. Vorerst. Denn schon sieben Monate später setzt er sich erneut in ein Flugzeug Richtung Khartum. Mittelsmänner stellen ihm einen Vertrag in Aussicht, Monatsgehalt: 2000 Euro. Dafür nimmt France gern in Kauf, dass der Verein in der 400 Kilometer nördlich von Khartum entfernten Provinz spielt.

Doch auch dieses Mal entpuppen sich die gemachten Versprechungen als haltlos. Zwar unterschreibt France tatsächlich einen Vertrag, doch nicht bei einem Erstligisten, sondern beim zweitklassigen Al-Shamali Athletic Club. Auch von den 2000 Euro Gehalt kann keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. France muss mit wenigen Euro pro Monat über die Runden kommen, haust in einem heruntergekommenen Wohnheim und streunt durch die Straßen Atbaras. Dass er gebettelt habe, weist er von sich. Es ist eher eine Art Bittstellen. Ein Imbissverkäufer etwa schenkt ihm regelmäßig Sandwiches. Er mag Fußball, er mag France, den sie Kroos und Schweinsteiger nennen. Und der sich in diesen Monaten weiter von diesen Idolen entfernte, als er sich ihnen jemals annähern wird. Er nimmt ab, 30 Kilogramm, erkrankt und bleibt sich dennoch treu.

Denn Dennis France ist nicht nur Fußballer mit einem außergewöhnlichen Traum, er ist vor allem ein außergewöhnlicher Mensch. Naiv? Unbedingt. Das sagt er selbst. Aber eben auch großherzig, korrekt, ehrgeizig, ansteckend fröhlich, loyal und ehrlich. Das sagen die, die ihn kennen. Wie Clay Woitschätzke, selbst Fußballer in der fünften Liga. Er kennt France seit frühester Kindheit und sagt, man solle ihn nach der Geschichte mit der streunenden Katze fragen.

Die Geschichte geht so: Während France also Anfang 2014 im Norden Sudans feststeckt und selbst kaum weiß, wovon er satt werden soll, läuft ihm eines Abends eine vollkommen verhuschte Katze in die Arme. France nimmt sich ihrer an und füttert sie mit dem Wenigen, was er sich noch leisten konnte oder erbettelt hat. Dann erst isst auch er, was übrig geblieben ist. Das sei der Dennis, den er kenne, meint sein Kumpel Clay. Als man France darauf anspricht, lacht er nur kurz nickend auf. Normal, scheint er sagen zu wollen, und zugleich zu spüren, dass es alles andere als das ist. Und deshalb sagt er dazu lieber gar nichts mehr.

Als er auf der Straße ein Katze findet, füttert er sie durch mit dem, was er sich erbettelt hat

Seine eigene Situation in Atbara ist alles andere als normal, das weiß auch er. So prekär seine täglichen Lebensumstände sind; er spart sich das Geld für ein Busticket nach Khartum zusammen. Kurz darauf sitzt er dank der Hilfe seiner Mutter im Flugzeug nach Deutschland.

Er zieht zu ihr an den Stadtrand Berlins und beginnt einen Job als Nachtwächter in einem Fitness-Studio. Er kommt mit dem Berliner Oberligisten FC Strausberg überein, doch der Trainer weiß nichts anzufangen mit France. Er endet in der zweiten Mannschaft, in der Kreisklasse. Viel zu wenig für einen Spieler mit seinen Qualitäten, findet Kemal Yilanci, Ko-Trainer des BSV Hürtürkel. Dem Verein, zu dem France im Januar 2015 wechselt, um der Sackgasse Strausberg zu entkommen. Wegen Verletzungen spielt er nur zwei Mal in der Oberliga-Rückrunde. Die nötige Qualität habe France für ihn aber zweifelsfrei, sagt Yilanci, mit etwas Glück sei auch die Regionalliga drin. „Ein super Charakter, kein Durchschnittsspieler.“

Und kein Durchschnittsmensch. Denn obwohl France im Sudan am Hungertuch nagte, dem Traum eines anständigen Profi-Vertrages bereits zwei Mal erfolglos hinterherjagte, und obwohl er in Berlin einen Job und einen Verein hat, zieht es ihn in diesem Sommer erneut in den Sudan, seiner Sehnsucht hinterher.

Und so sitzt er da, inmitten des Brutofens von Khartum, sucht den Schatten und zugleich eine Antwort auf die Frage, warum er all das auf sich nimmt. Dann erzählt er von der Anerkennung, die natürlich ein Motor sei. Vor allem aber erzählt er davon, dass er es zu etwas bringen wolle. Für seine Familie. Für seine Mutter, der er so viel zu verdanken habe. Für die Kinder im Sudan. Ihnen wolle er Perspektiven schaffen und Chancen eröffnen. Chancen, die er in seiner Jugend vielleicht vermisst hat, wie sein Kumpel Clay mutmaßt. Die ihm erst fehlten, als er den Sudan als Sehnsuchtsort für sich entdeckt hatte, möchte man anfügen.

Ein Ort, der offenbar zum Träumen verführt. Denn France hat viel vor. Zuerst den Profivertrag im Sudan, klar. Erste Liga, Zweite Liga? Egal. Hauptsache, es läuft sauber ab und die gemachten Zusagen werden auch eingehalten. Doch diesmal wird es klappen, er wähnt sich gerüstet. Und dann will er eine Fitness-Trainer-Lizenz machen. Damit er seine eigene Sport-Akademie eröffnen kann, in der er den Kindern des Sudans einen Platz bieten kann, an ihren eigenen Träumen zu arbeiten. So wie er es getan hat.

Am Ende des Gesprächs ist auch der letzte Schatten verschwunden. Aber wenn man den Menschen glauben darf, die ihm in seinem bisherigen Leben begegnet sind, wirft Dennis France längst selbst einen Schatten. Ob in Khartum oder sonstwo in der Welt.

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