Sport : „Am Ende ist alles nur ein Spiel“

„Über sich selber zu reden ist nicht so einfach“ „Bei meinen Eltern finde ich Ruhe, so soll es sein“ Mario Götze über sein Image als Popstar, das Leben in der Welt des Profifußballs und die Verantwortung gegenüber der eigenen Begabung.

Mario Götze, 19, wurde in Memmingen geboren und kam erst als Sechsjähriger nach Dortmund, weil sein Vater dort eine Stelle als Hochschullehrer antrat. Mit 17 machte er sein erstes Bundesligaspiel, mit 18 sein erstes Länderspiel. Mit Borussia Dortmund wurde der Mittelfeldspieler zweimal in Folge Deutscher Meister. Foto: AFP Foto: AFP
Mario Götze, 19, wurde in Memmingen geboren und kam erst als Sechsjähriger nach Dortmund, weil sein Vater dort eine Stelle als...Foto: AFP

Herr Götze, seit kurzem sind Sie in einem globalen Werbespot eines großen Sportartikel-Herstellers zu sehen. Es liegt viele Jahre zurück, dass ein deutscher Fußballer derart gefragt war. Was sagt uns das?

Dass der deutsche Fußball an Wertschätzung gewonnen hat.

Und was sagt das über Sie?

Dass ich ein Teil davon bin.

So bescheiden? Nehmen Sie solche Termine eigentlich gern wahr, oder machen Sie das nur, weil es zum Geschäft gehört?

Was heißt Geschäft? Ich betrachte solche Dinge eher situationsbedingt. Es gibt Termine, die man gern macht, weil der Auftrag interessant ist. Und der Auftrag ist interessant, wenn es Spaß macht und der Inhalt stimmt. Manchmal sind solche Termine aber auch nervig.

Hören wir da eine gewisse Abneigung heraus, was den geschäftlichen Teil Ihres Berufes anbelangt? Sie gelten inzwischen fast als eine Art Popstar unter den Fußballern, als einer, der sich verkleiden muss, wenn er mal unbehelligt vor die Tür treten möchte.

Popstar gefällt mir nicht, und ich will auch keiner sein. Ich halte das alles für ein bisschen hoch gegriffen. Die Aufmerksamkeit, ja der Rummel um mich ist bisher nur national. Deswegen ist es noch relativ entspannt. Was ich mal angemerkt habe, war lediglich, dass man in Dortmund nicht weggehen kann, wenn man bei Borussia Dortmund spielt.

In der öffentlichen Wahrnehmung genießen Sie eine beachtliche Stellung. Sie gelten als einer der besten deutschen Fußballer überhaupt, vor allem beim jüngeren Publikum genießen Sie Popstar-Status. Gucken Sie zu anderen Popstars, wie diese mit ihrer Popularität in der Öffentlichkeit umgehen?

Oh, das ist schwierig. Da ist ja eine ziemlich große Distanz zwischen dem – sagen wir mal – Sänger und sich selbst. Man weiß ja nie, wie sehr ihre Popularität in ihr Leben hineinragt, was sie so alles anstellen müssen, um einigermaßen in Ruhe zu leben.

Aber Sie sind doch nicht so naiv und sagen: Ich lasse das jetzt mal alles auf mich zukommen und gucke dann, wie ich damit zurechtkomme?

Natürlich nicht. Ich glaube, das kommt so ein bisschen mit der Erfahrung. Bei mir ist es ja noch nicht so lange her, dass das Ganze losgegangen ist. Und ganz so schlimm ist es auch noch nicht geworden. Aber die Situationen werden vielleicht kommen, die ich dann bewältigen muss.

Trotz Ihrer Jugend wird Ihnen eine gewisse Ignoranz diesen Aufgeregtheiten gegenüber nachgesagt. Ist das eine natürliche Gabe oder anerzogen?

Schon ein wenig antrainiert. Klar, am Anfang sagt man dann doch noch oft ja, wenn man eigentlich hätte nein sagen sollen. Aber das lernt man mit der Zeit. Das sind die unausgesprochen Mechanismen, die man sich in dieser Branche aneignet.

Wie wichtig ist dabei Ihr Vater, der ja aus einer ganz anderen Ecke kommt, aus dem universitären, dem intellektuellen Bereich.

Na ja, er ist immer schon sehr bedacht darauf, dass man seine eigene Normalität beibehält. Ich glaube, das ist auch das Wichtigste. Und das versucht er innerhalb der Familie zu vermitteln.

Also wenn Sie nach Hause kommen, sind Sie nicht der Star, der Super-Mario vom BVB, sondern einfach nur Sohn? Genießen Sie denn gar keine Privilegien daheim?

Ja, vielleicht das, dass ich das größere Zimmer bekommen habe. Aber sonst? Alles ganz normal, alles ganz entspannt. Ich wohne ja noch bei meinen Eltern, und dort finde ich Ruhe, so soll es sein.

Gibt es im Elternhaus noch diesen Keller, wo Sie mit Ihrem Bruder immer Fußball gespielt haben?

Ja, den gibt es noch. Mit Kunstrasen, zwei kleinen Toren, so ungefähr vier mal vier Meter.

Kann Ihr Vater kicken?

Nein, nicht wirklich.

Mit wie viel Jahren waren Sie besser als er?

Also es ging ja damit los, dass mein Bruder Fußball gespielt hat. Wenn überhaupt, habe ich mich mit ihm verglichen.

Wann und woran haben Sie festgestellt, dass Sie eine Begabung für den Fußball besitzen, die Sie aus der Masse heraushebt?

Das ist schwierig zu beantworten, denn am Anfang realisiert man das nicht richtig. Es ist ja auch nicht das Ziel eines Jungen, der Fußball spielt, das festzustellen. Man sieht einfach nur das Spiel, hat Spaß daran. Ich glaube, bei mir war es erst so weit, nachdem wir 2009 mit der U-17 Europameister geworden sind und ich zu den Profis hochgezogen wurde. Ich glaube, erst da habe ich realisiert, dass ich bestimmte Dinge ganz gut und wohl auch etwas besser konnte als andere.

Können Sie bei vorzüglichen Fußballspielern erkennen, wie viel Talent ist und wie viel Training?

Das ist nicht so einfach, weil es sich um unterschiedliche Charaktere handelt. Man müsste einen Spieler über einen längeren Zeitpunkt beobachten, um erkennen zu können, ob er sich viel erarbeitet oder ob einfach sein Talent am wichtigsten ist.

Wie ist es bei Ihnen?

Über sich selber zu reden ist nicht so einfach. Was soll ich Ihnen dazu sagen?

Die Wahrheit!

Ich denke, dass bei mir beides wichtig ist, sowohl das Talent als auch der Fleiß, der Ehrgeiz. Oft macht es ja die Mischung und die stimmt bei mir.

Ihr Motto lautet: Immer mehr machen als die anderen. Dieses Motto passt so gar nicht zu einem Hochbegabten.

Das passt nicht zu einem Hochbegabten?

Hochbegabte verlassen sich meist auf ihre Hochbegabung und sagen sich, dass sie nicht so viel machen müssen wie andere.

Ich glaube nicht daran. Als Hochbegabter entwickelt man doch irgendwann auch eine Verantwortung seiner Begabung gegenüber. Es gibt bestimmt auch andere Erfahrungen. Ich finde, dass Begabung Ansporn sein kann. Sehen Sie, ich war jetzt lange Zeit verletzt …

… Anfang des Jahres wurde bei Ihnen eine Schambeinentzündung diagnostiziert, Sie haben fast vier Monate lang kein Fußballspiel bestritten …

… ja, und spätestens da habe ich gemerkt, wie wichtig die Physis ist. Ich habe mich also um meinen Körper gekümmert. In dieser Phase, die nicht so einfach war, habe ich beispielsweise mehr gemacht als andere, habe bewusst an meinem Körper, also auch an meinen Schwachstellen gearbeitet, um dann wieder bessere Leistungen bringen zu können. Das ist eine logische Folge.

Worin liegt Ihr Talent?

Jetzt geht es wieder um mich. Ist nicht so meins. Fragen Sie bitte andere.

Geht gerade nicht.

Gut: vielleicht die Technik, die Schnelligkeit am Ball, die Dribblings. Das reicht jetzt aber.

Dafür haben sich zwei deutsche Fußball- Gurus über Sie geäußert. Beckenbauer will in Ihnen den neuen Messi gesehen haben, und Sammer nahm das Wort Jahrhunderttalent in den Mund.

Oh je, also das ist ja alles ganz schön und ehrt einen, aber am Ende ist es doch alles nur ein Spiel.

Ist das so einfach?

Nein, so einfach ist es nicht.

Und wie kriegen Sie da eine Balance rein?

Alleine dadurch, dass ich nach Hause komme. Da werde ich abgelenkt von all den Dingen, die außerhalb passieren oder die sich so erzählt werden. Da kann ich abschalten, mich wieder fokussieren und auf die nächsten Aufgaben vorbereiten: dass man einfach Spaß haben muss und seine Leistung bringen möchte. Wenn man in seinem Inneren nicht den Ehrgeiz hat, den Ansprüchen der anderen gerecht werden zu wollen, dann findet man die Balance.

40 Millionen Euro hat Arsenal im vorigen Jahr für Sie geboten, womit Sie der teuerste deutsche Spieler überhaupt gewesen wären. Sie spielen vor 80 000 Menschen im Dortmunder Stadion und fahren nach Hause und tun so, als sei nichts geschehen?

Von außen betrachtet sind das schon zwei unterschiedliche Welten, in denen man sich bewegt und zurechtfinden muss. Als ich früher als Junge im Stadion war, habe ich auch gedacht, dass die Profis doch in einer anderen Welt leben. Und jetzt ist man quasi selbst da drin und dann merkt man, eigentlich ist diese Welt normal.

Macht diese Welt denn Spaß?

Definitiv ja, könnte mir nichts Besseres vorstellen. Das Drumherum gehört nun mal dazu, wenn man aber im Endeffekt Fußballspielen kann und gesund ist, dann ist das das A und O.

Gab es eigentlich mal einen alternativen Plan, also einen anderen Berufswunsch als den des Fußballprofis?

Den gab’s von meinem Vater aus, ja.

Er ist Professor für Informations- und Datentechnik. Was hatte er sich für Sie ausgeguckt?

Das Klassische: Abitur machen und studieren gehen.

Wie langweilig bei diesem Talent …

… immerhin habe ich die 12. Klasse noch gemacht, habe also mein Fach-Abitur.

Keine Angst, dass die Begabung zur Belastung wird?

Nein. Natürlich ist das mediale Interesse an mir und meinem Tun sehr viel größer geworden in den vergangenen beiden Jahren …

… Ihr Tor vor einem Jahr gegen Brasilien ist hymnisch besungen worden. Man verpasste Ihnen den Spitznamen Götzinho …

… ja, aber wenn man damit richtig umgeht, wenn man die Beurteilungen von außen einordnet als das, was sie sind, und sein Zuhause hat, wo alles genau so normal abläuft wie immer, dann weiß man, wo man hingehört. Das wirkt dann wieder entspannend auf einen.

Irgendwann wird das Zuhause der Familie nicht mehr Ihr Lebensmittelpunkt sein.

Genau, dann beschäftige ich mich damit, was dann sein wird. Ich bin gespannt.

Interview: Michael Rosentritt

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