Sport : „Am liebsten wäre ich in Jena geblieben“

Georg Buschner, der 1974 als Trainer mit der DDR-Elf die Bundesrepublik schlug, wird 80 Jahre alt

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Herr Buschner, 1981 wurden Sie als Fußball-Nationaltrainer der DDR entlassen. Wussten Sie, dass sich selbst Staatschef Erich Honecker Gedanken gemacht hat, wie man Ihren Abgang am besten in den Medien verkauft?

Bisher nicht. Wenn ich lese, dass der Fußballverband der DDR meiner Bitte um Ablösung entsprochen hätte, dann kann ich nur lachen. Ich habe nie eine offizielle Mitteilung über meine Entlassung erhalten. Von meiner Entmachtung habe ich aus dem Westfernsehen erfahren.

Es gab nicht mal eine Aussprache?

Nein. Zu der außerordentlichen Präsidiumssitzung des Verbandes nach der 2:3-Niederlage gegen Polen im Oktober 1981, die das Aus für die WM in Spanien bedeutete, bin ich nicht gefahren. Einen Tag zuvor ließ ich mich durch einen befreundeten Arzt krankschreiben. Insofern war meine Kündigung nicht mal rechtens.

Ihre Herzprobleme gaben also für Sie selbst keinen Ausschlag?

Die gab es schon vorher. Ich habe Sie jedoch immer nur nur als Vorwand benutzt. Operiert wurde ich erst 1984.

Allerdings haben Sie doch immer wieder selbst einen Rücktritt angeboten...

Ja. Jedes Jahr. Ich wollte nie Nationaltrainer werden. Ich wurde ins Amt gepresst. Die Jenaer Klubleitung teilte mir mit, dass ich nach Berlin gehen müsse. Sonst hätte mir bei Carl Zeiss die Entlassung gedroht. Am liebsten wäre ich in Jena geblieben, wo mich die Spieler nach dem Gewinn von drei Meisterschaften vergöttert haben. Dort war zu meiner Zeit das Mekka des DDR-Fußballs.

Wie ging es für Sie ab 1982 in der DDR weiter?

Der Zuspruch in der Bevölkerung war riesig. Es kamen säckeweise Briefe – fast so viele wie nach der WM 1974. Ich stand aber nie wieder in einem Arbeitsverhältnis. Mein Einkommen und die Rente hatte ich mir schon Jahre vorher vertraglich sichern lassen. Es gab ein Stillhalteabkommen. Die Behörden ließen mich in Ruhe. Dafür brach ich meine Kontakte zum Westen ab. Als Bürgerrechtler oder Kämpfer gegen den Kommunismus sehe ich mich deswegen aber nicht.

Als was dann?

Ich zähle mich zu der großen Gruppe der Opportunisten, die nicht jeden unmoralischen Befehl ausgeführt haben.

Haben Sie Ihre Stasi-Akte eingesehen?

Nein. Da sind doch nur Berichte drin, die Spitzel über mich zusammengetragen haben. Ich hatte 1958 bei meinem ersten Spiel als Trainer in Berlin nur einen einzigen Kontakt mit Erich Mielke, dem späteren Staatssicherheitschef. Er wollte sich über eine Verletzung eines Dynamo-Akteurs beschweren. Ich habe ihn unter Androhung von Gewalt durch meine Spieler aus der Kabine geworfen. Vielleicht bin ich deshalb nie von diesen Leuten angesprochen worden.

Ihre Eltern und Geschwister lebten zu DDR-Zeiten im Westen. Gab es deswegen keine Probleme bei Reisen ins „nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet“?

Nur zu Beginn meiner Trainerkarriere beim FC Carl Zeiss Jena – wegen angeblicher Fluchtgefahr. Die örtliche Parteigruppe forderte jedoch, dass die Mannschaft ohne mich nicht fahren darf. Und ich bin ja immer wiedergekommen.

Wie schätzen Sie Ihre Tätigkeit als Nationaltrainer ein?

Die haben vor mir und nach mir nie wieder etwas gewonnen. Ich war der beste Fußball-Trainer der DDR. Für mich ist der Olympiasieg 1976 der mit Abstand größte Erfolg. Für andere war es der 1:0-Sieg gegen die Bundesrepublik bei der WM 1974. Mit der ganzen politischen Einordnung hatten aber weder wir noch die westdeutschen Spieler etwas zu tun. Politik war auf dem Rasen kein Thema.

Finden Sie es ungerecht, dass der DDR-Siegtorschütze Jürgen Sparwasser so in den Himmel gehoben wurde?

Ich bin nicht neidisch. Ich freue mich für ihn. Ich bin Jürgen Sparwasser nur in einer Beziehung böse. Zu jeder Talkshow, zu der er eingeladen wird, muss ich mit.

Wie sehen Sie das Wirken Ihrer früheren sportpolitischen Vorgesetzten?

Manfred Ewald, Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes, und Rudi Hellmann, Leiter der Abteilung Sport des Zentralkomitees der SED, sind für mich Kriminelle im Sinne der Moral. Früher konnte ich das allerdings nicht offen sagen. Dann wäre für mich sofort die Zuchthaustür offen gewesen. Ansonsten wusste ich genau, welcher SED-Bezirkssekretär ein Stasi-Spitzel oder Fußballfreund war.

Im Frühjahr 1981 wurden die Dresdner Auswahlspieler Gerd Weber, Matthias Müller und Peter Kotte verhaftet, als Fluchtpläne Webers aufflogen. Erschwerte dies die WM-Qualifikation für Spanien zusätzlich?

Natürlich. Das hat der Ewald mit Absicht gemacht. Die DDR-Elf war die einzige Mannschaft der Welt, die gegen ihre eigene Führung spielen musste. Immer wenn wir verloren hatten, wurde Kritik vor allem an mir laut. Ich galt ja als Vertreter des Profisports.

Inwiefern?

Bei mir bekam ein Spieler zu seiner Hochzeit eine Waschmaschine geschenkt, die es sonst nicht so einfach gab. Oder wenn ich einen Stürmer wie Eberhard Vogel aus Karl-Marx-Stadt nach Jena holen wollte, habe ich seine Wohnung renovieren lassen.

Lange Haare waren im Osten verpönt. Ihren Spieler ließen Sie in dieser Beziehung freie Wahl. Warum?

Bei jungen Leuten wechseln doch ständig die Moden. Bei mir konnte sich jeder die Haare schneiden, wie er wollte. Er musste nur ordentlich Fußball spielen.

Was war die kurioseste Frage, die Ihnen je gestellt wurde?

Ob der Jenaer Stürmer Peter Ducke und der Berliner Angreifer Hans-Jürgen Riediger meine Schwiegersöhne wären. Ich hätte sie schließlich bevorzugt eingesetzt. Oder warum Jürgen Nöldner vom FC Vorwärts nicht mehr unter mir in der Nationalelf gespielt hat, wollten die Armeegeneräle wissen. Aber ich konnte doch einen derartigen Faulpelz nicht einsetzen.

Wie feiern Sie Ihren 80. Geburtstag am 26. Dezember?

Ich verreise mit meiner Frau Sonja an einen geheimen Ort. Ich will keinem meiner Verwandten und Freunde zumuten, wegen mir das Weihnachtsfest zerstückeln zu müssen.

Die Fragen stellte Matthias Koch.

Georg Buschner ,

war von 1958 bis 1971 Trainer des SC Motor und des FC Carl Zeiss Jena. Von 1970 bis 1981 trainierte er die DDR-Elf. Buschner lebt mit seiner Ehefrau Sonja in Jena.

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