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Angedrohter WM-Boykott : Fifa-Kritiker England: Rebell oder Komplize?

England gibt sich als Vorkämpfer gegen Fifa-Korruption und fordert nun einen WM-Boykott. Und doch ist die FA auf den Weltverband angewiesen und spielt dessen Spiel mit.

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England und die Verbände. Wayne Rooney wird für sein 100. Länderspiel geehrt. Ohne Länderspiele wäre das Wembley-Stadion nicht abzubezahlen.
England und die Verbände. Wayne Rooney wird für sein 100. Länderspiel geehrt. Ohne Länderspiele wäre das Wembley-Stadion nicht...Foto: Reuters

Die Revolution kann in England beginnen. Das Land, das den Fußball erfunden hat, soll jetzt die Welt anführen im Kampf, den Fußball neu zu erfinden. Zumindest ist das die Hoffnung von David Bernstein, dem ehemaligen Vorsitzende des englischen Nationalverbands die FA. „Wenn ich noch Chef der FA wäre, würde ich alles tun, um andere Länder zu ermutigen, die WM in Katar zu boykottieren“, sagte Bernstein der BBC am Montag. Er glaube, dass eine koordinierte Anstrengung der großen europäischen Fußballnationen die Fifa zu Reformen zwingen könnte.

Seit Jahren spielt England eine Führungsrolle im Kampf gegen die Korruption der Fifa. Das hat auch mit der gescheiterten WM-Bewerbung für 2018 zu tun. Die „Sunday Times“ hat schon zweimal die Bezahlung von Schmiergeldern innerhalb der Fifa enthüllt. Der „Guardian“ schrieb als erste Zeitung der Welt über die furchtbaren Bedingungen der Arbeiter im künftigen Gastgeberland Katar. Die BBC hat ebenfalls recherchiert, das britische Parlament leitete in den letzten fünf Jahren eine parlamentarische Untersuchung und einen Sonderausschuss ein, um Korruption in der Fifa zu ermitteln.

Das Verhältnis zwischen England und der Fifa erreichte letzte Woche einen Tiefpunkt, als Hans-Joachim Eckert den Bericht von Michael Garcia präsentierte. In Eckerts Zusammenfassung wurden mehreren Seiten dem Thema gewidmet, die Rolle des ehemaligen Fifa-Funktionärs Jack Warner bei der englischen Bewerbung für 2018 zu beleuchten. England soll mehrere Forderungen Warners akzeptiert haben, um Stimmen für die FA-Bewerbung zu gewinnen.

Das sorgte für Empörung. „Wir werden keine Ethik-Lektion von der Fifa akzeptieren“, sagte Simon Johnson, Chef der englischen Bewerbung. Nachvollziehbar. Immerhin ist die FA auch ein Teil der Fifa. Die Korruption, die ihr vorgeworfen ist, ist auch Fifa-Korruption. Der Bericht mag England im Vergleich zu Russland und Katar unfair behandelt haben, aber es zeigte sich, dass die FA auch bereit war, das Spiel auf Fifa-Art zu spielen. Das konnte Johnson nicht wegerklären, als er sich am Freitag im BBC-Interview verteidigte.

Das Wembley-Stadion wäre ohne Fifa-Länderspiele nicht abzubezahlen

Deswegen ist Bernstein überzeugt, dass man außerhalb der Fifa agieren muss, um den Weltfußball zu verändern. Er beschrieb den Weltverband als „totalitär“, verglich ihn mit der Sowjetunion. Innerhalb des Regimes lässt sich also nichts bewirken. In seiner Amtszeit übte er Druck auf die Fifa aus, konnte aber nichts ändern. Seine einzige bemerkenswerte Aktion war eine symbolische: sich bei der Präsidentenwahl 2011 zu enthalten.

Bernsteins Idee, einen Boykott mit anderen europäischen Nationen auszuführen, ist nicht unvorstellbar, aber auch nicht realistisch. Der deutsche Fuballiga-Präsident Reinhard Rauball hat vergangene Woche angeregt, dass sich die Uefa von der Fifa trennen könnte. Weder Bernstein noch Rauball spielen in ihren jeweiligen Nationalverbänden eine Rolle. Mehr Einfluss als der normale Fußballfan haben sie kaum im Streit um die Fifa.

Für die FA gibt es auf jeden Fall gute Gründe, die WM nicht zu boykottieren. Das neue Wembley-Stadion hat der Verband noch nicht abbezahlt – Schulden in Höhe von 340 Millionen Euro gibt es noch. Ohne die Fifa-Länderspiele, und besonders die WM-Qualifikationsspiele, wäre die weitere Finanzierung so gut wie unmöglich. Das weiß Bernstein gut.

Ein Boykott scheint also unmöglich. Bernsteins Nachfolger Greg Dyke wird weiterhin vor dem Sonderausschuss im britischen Parlament sitzen, und die Fifa kritisieren. Er sich aber weiter hüten, Namen zu nennen, um Sepp Blatter nicht zu beleidigen. Er wird verärgert aber hilflos wirken. Was die Fifa angeht, schwebt England weiterhin zwischen Rebellion und Komplizenschaft.

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