Sport : Anja-Nadin Pietrek: 1996 war Olympia "extrem weit" weg

Helen Ruwald

Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Aber sie durfte nicht heulen. Und aufstehen und wegrennen erst recht nicht. Nicht mal ihr Handy konnte Anja-Nadin Pietrek zücken, um ihre Eltern in Berlin anzurufen. Eingeklemmt zwischen den Kolleginnen aus der Volleyball-Nationalmannschaft saß sie an einem Tisch vor einer Sporthalle in Wasserburg am Inn. Gleich sollten sie gegen Australien spielen, vorher flanierten Zuschauer vorbei und ließen sich Autogramme geben. Pietrek kritzelte ihren Namen, als plötzlich Spielführerin Susanne Lahme hinter ihr stand und halblaut sagte: "Herzlichen Glückwunsch". - "Wieso, weil ich so schön Autogramme schreibe?", fragte Pietrek. "Nein, du bist dabei", sagte Lahme.

Dabei. Dabei in Sydney bei den Olympischen Spielen. Elf Plätze hatte Bundestrainer Hee Wan Lee zuvor bereits vergeben. Ein einziger war bis zu jenem Sonntag, dem 6. August, noch frei. Und nun saß Pietrek, 21-jährige Außenangreiferin vom Bundesligisten Volley Cats Berlin, zwischen den Leuten und wusste nicht, wohin mit ihren Gefühlen. Zumal neben ihr Yvonne Zymara wohl ebenfalls mit Tränen kämpfte. Die Dresdnerin hatte den Zweikampf gegen Pietrek verloren. Die riss sich zusammen, bis sie später mit ihrer Familie telefonieren konnte, "da haben wir nur noch rumgeheult".

Begriffen hat Pietrek auch jetzt noch nicht, was passiert ist. Bei den Spielen in Atlanta 1996 "habe ich Leute wie Susanne Lahme noch im Fernsehen gesehen und angehimmelt. Das war so extrem weit weg, eine völlig andere Dimension", erinnert sie sich, "jetzt mache ich mit ihnen Späßchen." Wie Yvonne Zymara sich fühlt, kann Pietrek besser als keine andere nachvollziehen. Letztes Jahr flog sie selbst einen Tag vor der Abreise zur Europameisterschaft aus dem Kader, Zymara fuhr mit. Einen Tag saß Pietrek in Berlin noch auf Abruf bereit, um eventuell für eine Verletzte doch noch anreisen zu können. In ihrer Wohnung standen zwei Sporttaschen: eine für ein Turnier mit den Volley Cats in der Schweiz, eine für die EM. Sie flog in die Schweiz. Dabei war sie sich "sicherer als jetzt", dass sie dazugehören würde. Als es nach all der Schinderei doch nicht klappte, ließ sie sich beim Training der Cats eine ganze Weile hängen. Die Luft war raus.

Olympia wollte sie gar nicht nah an sich ran lassen, "um nicht wieder in ein Loch zu fallen". Aber das funktionierte nur bedingt. Als plötzlich zwölf statt der geplanten elf Spielerinnen nominiert werden durften, stiegen Pietreks Chancen. Und mit ihnen der Druck. Wochenlang war sie mit der Nationalmannschaft unterwegs, musste bei jedem Training und jedem Angriffsschlag zeigen, dass sie olympiareif ist. "Beschissen" sei die Situation gewesen, weil sie in jede kleinste Handbewegung oder Mimik des Trainers hinein interpretierte, "Oh Gott, ich bin nicht dabei." Die anderen Spielerinnen, die sich ihrer Nominierung größtenteils schon seit dem Bremer Turnier Anfang Januar sicher sein konnten, überlegten, was sie nach Australien alles mitnehmen würden - Pietrek hockte nur daneben und schwieg.

Jetzt kann sie mitreden. Ein Foto von ihrer Katze wird sie einpacken und dann alles dran setzen, dass sie in der Vorrunde gegen Olympiasieger Kuba, Europameister Rußland, Südkorea, Italien oder Peru zumindest einmal die Chance kriegt, "zwei Bälle zu spielen". Alles andere ist als Nummer zwölf unrealistisch. Das Motto "Dabeisein ist alles" ist alt und abgegriffen, doch für Anja-Nadin Pietrek gilt es tatsächlich. Sie freut sich einfach: auf die Atmosphäre, die anderen Sportler, das olympische Dorf. Am 31. August, nach vier Testspielen gegen Kroatien, passiert in der Bundeswehrkaserne von Mainz "das erste Schöne" von all dem Schönen: die Einkleidung der Olympiateilnehmer. Vielleicht muss Anja-Nadin Pietrek da wieder mit den Tränen kämpfen. Weil sie dann begriffen hat, dass es tatsächlich sie ist, die nach Sydney fliegt.

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