Asienmeister Guangzhou Evergrande : Elf aus 1,3 Milliarden

Asienmeister Guangzhou Evergrande ist der erfolgreichste Klub in China. Er verkörpert aber auch die Probleme des Fußballs im Land: Korruption, Söldnertum und Talentemangel.

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Ein Sieg fürs Mutterland. Guangzhous Huang Bowen feiert den Gewinn der asiatischen Champions League gegen den FC Seoul.
Ein Sieg fürs Mutterland. Guangzhous Huang Bowen feiert den Gewinn der asiatischen Champions League gegen den FC Seoul.Foto: Imago

Ein Chinese betet so fleißig und intensiv zu Gott, dass sich dieser entschließt, ihm einen Wunsch zu erfüllen. Der Chinese sagt: „Ich wünsche mir den Weltfrieden.“

„Hmm“, antwortet Gott, „das könnte etwas schwierig werden, kannst Du Dir nicht etwas anderes wünschen?“

„Okay“, sagt der Chinese, „dann mach doch, dass die chinesische Fußball-Nationalmannschaft Weltmeister wird.“

Gott denkt eine Weile darüber nach, schließlich sagt er: „Gut, ich denke, wir sollten es mal mit dem Weltfrieden probieren.“

Es gibt viele Witze über den chinesischen Fußball, und alle drehen sich um einen wahren Kern: Warum schafft es China nicht, in einem Volk von 1,3 Milliarden Menschen elf talentierte Fußballer zu finden? Die Fifa-Weltrangliste führt China gegenwärtig auf Rang 93 – gemeinsam mit Äthiopien. Im Sommer blamierte sich das chinesische Nationalteam durch eine 1:5-Heimniederlage gegen Thailand, die Nummer 142 der Welt. Doch inzwischen gibt es immerhin einen chinesischen Fußballklub, der positive Schlagzeilen schreibt: Guangzhou Evergrande.

Der Klub aus der Handelsmetropole in der südchinesischen Provinz Guangdong bricht gegenwärtig viele Rekorde. Mit dem 2:0-Erfolg über den Afrikameister Al-Ahly aus Ägypten ist erstmals ein chinesischer Klub ins Halbfinale der Vereins-Weltmeisterschaft in Marokko eingezogen. Am Dienstag trifft das Team von Trainer Marcello Lippi auf den FC Bayern (20.30 Uhr, live in der ARD). Der italienische Weltmeistertrainer hält die Münchner für die stärkste Vereinsmannschaft der Welt, sagt aber auch: „Wenn wir 100 Mal gegen Bayern München spielen, würden sie 99 Mal gewinnen – aber es gibt immer dieses eine Mal.“

Das Selbstbewusstsein der Chinesen ist nach dem erstmaligen Gewinn der asiatischen Champions League gegen den FC Seoul größer geworden. Mit 18 Punkten Vorsprung hat Guangzhou Evergrande gerade zum dritten Mal in Folge die chinesische Meisterschaft gewonnen, das Triple verpasste das Team durch eine Niederlage in den beiden Pokalfinalspielen gegen Guizhou Renhe nur knapp. Trotzdem sagt Mittelfeldspieler Dario Conca: „Wir wollen Weltmeister werden und wir haben das Selbstbewusstsein, das man dazu braucht.“

Der Argentinier verkörpert den Grund, warum der Klub sich erstmals gegen die Konkurrenz aus Japan, Südkorea und Australien durchsetzen konnte. 10,4 Millionen Dollar pro Jahr erhält Dario Conca, seit er 2011 vom brasilianischen Meister Fluminense nach Guangzhou wechselte. Auch die brasilianischen Angreifer Muriqui und Elkeson lassen sich das Laufen in Chinas smogverschmutzten Städten von dem chinesischen Milliardär Xu Jiayin vergolden. Der 55 Jahre alte Gründer der chinesischen Immobiliengruppe Evergrande wird auf der aktuellen Hurun-Liste der reichsten Menschen Chinas mit einem Vermögen von 6,1 Milliarden US-Dollar auf Rang zehn geführt.

Doch Guangzhou verkörpert auch die vielen Probleme, mit denen der Fußball in China zu kämpfen hat. 2010 ist der Klub wegen Spielabsprachen und Korruption in die zweite Liga verbannt worden. Der ehemalige Dortmunder Lucas Barrios verließ Guangzhou in diesem Sommer im Streit, angeblich habe er sein Gehalt nicht bekommen. Der Klub bestreitet das. Auch Dario Conca wird nach drei Jahren zurück zu Fluminense wechseln, in China ist er aus dem Fokus geraten und nie in die argentinische Nationalmannschaft berufen worden. Die beiden Weltstars Nicolas Anelka und Didier Drogba hatten es 2012 beim Chaos-Klub Shanghai Shenhua nur eine Saison lang ausgehalten.

Das größte Problem des chinesischen Fußballs aber ist der fehlende Unterbau. Abgesehen von den Fußballschulen im Lande gibt es kaum Amateur- und Freizeitfußball in China. „Wenn man durch einen Park geht, spielen kaum Kinder Fußball wie in Manchester oder London oder anderswo“, sagt Sven-Göran Eriksson der „South China Morning Post“. Der ehemalige englische Nationaltrainer betreut seit Sommer Guangzhous Stadtrivalen R&F. Auch schrecken viele bildungsbewusste Chinesen davor zurück, die Zukunft ihres Kindes im Fußball zu sehen. „Zehn Jahre alte Kinder machen nachts drei oder vier Stunden Hausaufgaben, der Wettbewerb ist unglaublich“, sagt Trevor Lamb, ein in China tätiger Fußballtrainer aus den USA, „da gibt es nicht mehr viel Zeit für Sport, geschweige denn für Fußball.“ Die Erfolge von Guangzhou Evergrande können daran auch nichts ändern.

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