Sport : Auf der Straße nach unten

Der deutsche Radsport in der Krise: Teams und Rennen verschwinden und hinterlassen arbeitslose Fahrer

Helge Buttkereit

Jens Heppner hat sich schon mal mehr auf die Deutschlandtour gefreut. Am Freitag beginnt die Rundfahrt mit dem Prolog in Kitzbühel, doch der ehemalige Radprofi verspürt keine Euphorie. „Der Radsport in Deutschland ist am Boden“, sagt Heppner. „Tiefer als je zuvor.“ Der 43-Jährige weiß, wovon er spricht. Bis zum vergangenen Jahr leitete er das Team Wiesenhof-Felt, dann wurde es aufgrund fehlender Sponsoren aufgelöst. „Es gibt keine Jobs mehr“, sagt Heppner.

Der deutsche Profiradsport schrumpft nach Dopingsperren, Dopingverdächtigungen und Dopinggeständnissen in rasantem Tempo. Nach Wiesenhof-Felt und T-Mobile wird in diesem Jahr auch Gerolsteiner sein Engagement beenden. Wie es aussieht, gibt es trotz aller Erfolge des Teams keinen neuen Hauptsponsor – zumindest nicht aus Deutschland. Der ehemalige Telekom-Profi Heppner schweigt zum eigenen Anteil an der Misere – anders als viele seiner ehemaligen Teamkollegen beteuert er, immer sauber gewesen zu sein. Heute hat er sich ganz aus dem Profizirkus zurückgezogen.

Nicht nur für Heppner ist kein Platz mehr im deutschen Radsport. Die Leidtragenden sind vor allem die Profis aus der zweiten und dritten Reihe. Während die Stars wie Stefan Schumacher, der Deutsche Meister Fabian Wegmann oder Markus Fothen einen neuen Arbeitgeber finden werden, wird es für die Helfer immer enger. Denn durch die Sponsorenflaute fehlen in Deutschland auch die Rennen abseits von Deutschlandtour und Cyclassics, bei denen kleinere Teams starten und Geld verdienen können. Vermutlich wird es im kommenden Jahr also noch mehr Radprofis so wie Elnathan Heizmann gehen, aus dem trotz Talent und guten Leistungen ein „Ex“ geworden ist.

Für den 26-Jährigen aus Waldmössingen im Schwarzwald bleibt der vierte Platz im vergangenen Jahr beim Rennen um den Henninger Turm der größte Erfolg. Denn mit dem erhofften Aufstieg von der Talentschmiede Team Lamonta aus der dritten Liga in die höchste Kategorie des Radsports wurde nichts. Nun steht Heizmann als Industriemechaniker an der Werkbank. Aufs Rad schwingt er sich nur noch aus Lust und Laune und denkt an seinen größten Erfolg zurück. Ohne Wehmut. „Vierter Platz ist nun mal auch nicht so gut“, sagt er. „Es zählt schließlich, wenn überhaupt, nur das Podest.“

Dabei hätte Heizmann eigentlich aufs Podest gehört. Denn gewonnen hatte damals Patrick Sinkewitz – jener T-Mobile- Fahrer, dessen positive Dopingprobe den ohnehin taumelnden deutschen Radsport wenig später endgültig zum Absturz brachte. Sponsoren weg, Rennen weg, Teams weg. Selbst gestandene Pro-Tour- Profis im besten Rennfahreralter wie Thomas Ziegler (T-Mobile) oder Torsten Hiekmann (Gerolsteiner) sahen keine Perspektive mehr. Ziegler arbeitet nun in einem Radgeschäft. Die Frustration sitzt tief: „Wenn alle Fahrer im Peloton sauber wären, sähen die Ergebnislisten ganz anders aus.“

Auch Elnathan Heizmann erklärt sich sein Karriereende mit dem Leistungsdruck. „Ich wusste, dass das nicht reicht, was ich gebracht habe, und dass es eng wird mit dem neuen Team.“ Im Radsport ist es üblich, dass die Fahrer alleingelassen werden, die Last von Erfolg und Misserfolg drückt auf ihre Schultern. Wie sie dem entgegentreten, legal oder illegal, bleibt ihnen überlassen. Heizmanns einstiger Kollege Steffen Weigold, der 2007 beim Team Tinkoff fuhr und inzwischen auch ohne Vertrag ist, erklärt den Mechanismus: „Die Team-Verantwortlichen sagen: ,Bei uns gibt es kein Doping‘, aber sie und die Sponsoren erwarten große Siege, die in der Vergangenheit ohne Doping schwer realisierbar waren.“ Und wer nicht siegt, der fliegt.

Wer danach trotzdem weiter Rad fahren will, dem bleibt nur noch, für wenig Geld in einem drittklassigen „Continental Team“ anzuheuern. „Wie aber will man mit 400 oder 500 Euro im Monat über die Runden kommen?“, fragt sich Elnathan Heizmann. Solch ein Vertrag habe keine Perspektive. „Irgendwann muss man halt auch überlegen, was man macht. Es gibt auch andere Dinge neben dem Radsport.“

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