Sport : Auf zwei Erdteilen

Istanbul will eine eigene Olympia-Stadt bauen.

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Bei der Bewerbung der Metropole Istanbul als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele und der Paralympics im Jahr 2020 setzt die Türkei sogar den großen Napoleon als Werbehelfer ein. „Wenn es auf der Welt nur ein Land gäbe, wäre Istanbul wohl die Hauptstadt“, soll der französische Kaiser einmal gesagt haben. Mit diesem Satz preisen die Türken die Vorzüge Istanbuls beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in Lausanne an. Wenn Istanbul den Zuschlag erhalte, werde das größte Sportereignis der Welt zum ersten Mal auf zwei Kontinenten gleichzeitig ausgetragen, lautet ein Hauptargument der Türken.

Der Hinweis auf die einzigartige Lage Istanbuls zwischen Europa und Asien ist Teil eines Konzepts, das vor Selbstbewusstsein strotzt. Die Türkei verspricht dem IOC unvergleichliche Spiele: Während die Mitbewerber Madrid und Tokio ein neues Stadion hier oder ein moderneres Schwimmbecken dort ankündigen, soll im Istanbuler Umland für die Spiele gleich eine ganze Stadt aus dem Boden gestampft werden. Die Vorbereitungen laufen schon.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Istanbul mit seinen inzwischen 15 Millionen Einwohnern um die Spiele bewirbt. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten versuchten es die Türken fünfmal, scheiterten aber immer schon relativ früh in den Ausscheidungen. Jetzt ist die größte Stadt der aufstrebenden Regionalmacht erstmals in der Endausscheidung und sieht bessere Chancen als je zuvor. Drei Jahre vor dem hundertsten Geburtstag der türkischen Republik wäre das ein internationaler Adelsschlag.

Deshalb scheut die Regierung in Ankara weder Mühen noch Kosten. Nördlich von Istanbul, im europäischen Teil der Türkei, soll in den kommenden Jahren der mit einem Passagieraufkommen von bis zu 150 Millionen Menschen im Jahr größte Flughafen der Welt entstehen. Gleich nebenan plant Ankara „Yenisehir“ – auf Deutsch: Neustadt. Der Name ist kein Zufall. Wo in den kommenden Jahren eine neue Millionenstadt entstehen soll, grasen heute Kühe zwischen Dörfern und kleinen Tagebau-Betrieben, in denen Sand, Ton und Kohle gefördert wird.

„Yenisehir“ soll alles haben, was eine moderne Olympiastadt braucht, sagt der von den türkischen Behörden als Berater verpflichtete US-Städteplaner und Architekt Sidney Rasekh. Auf 16 000 Hektar soll „Yenisehir“ nicht nur ein riesiges Stadion und andere Sportstätten erhalten, sondern auch ein Olympisches Dorf für 25 000 Athleten sowie eine Autobahn und einen Hochgeschwindigkeitszug ins Stadtzentrum.

Dabei hat Istanbul schon ein Olympiastadion, in dem 2005 das Endspiel der Champions League stattfand. Doch mit den Neubauten in „Yenisehir“ kann die Türkei auf einen Einwand der IOC-Prüfer aus den vergangenen Jahren reagieren: Das schon ohne olympische Besuchermassen überlastete Verkehrssystem Istanbuls würde wegen der Auslagerung der Spiele nicht mehr sehr ins Gewicht fallen. Dazu garantiert der Boom im Istanbuler Hotelsektor, dass es bei der Unterbringung der vielen Gäste aus aller Welt keine Probleme geben wird. Schon jetzt bietet Istanbul Hotelplätze für rund zehn Millionen Besucher im Jahr; derzeit sind mehr als 50 neue Hotels im Bau, rund ein Viertel davon sind Fünfsterne-Herbergen. Das größte Hindernis könnte die gleichzeitige Kandidatur der Türkei für die Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2020 sein. Der europäische Fußballverband Uefa besteht wie das IOC darauf, dass sich die Türkei für ein Großereignis entscheiden muss.

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