Auslaufen mit Lüdecke : Ist das noch meine Hertha?

Kabarettist Frank Lüdecke kommentiert ab sofort immer montags das Geschehen in der Fußball-Bundesliga. Dass er gleich in seiner ersten Kolumne über seine Hertha würde schreiben dürfen, davon ist er selbst am meisten überrascht.

Frank Lüdecke
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Im Mai 2014, wenn Hertha BSC die deutsche Meisterschaft errungen hat, wird Jos Luhukay vor die versammelte Presse treten und sagen: „Ich werde nicht auf den Tischen tanzen. Die Spieler sollen sich heute freuen und auch etwas feiern, aber ab Dienstag müssen wir wieder weiterarbeiten.“ Ich traue ihm das zu. Ich traue ihm inzwischen alles zu. Aber bleiben wir bei den Fakten: Hertha ist Tabellenführer! Mit einem klasse Vorsprung! Ein Tor Puffer gegen Dortmund. Sogar drei gegen Bayern! Und trotzdem geben wir Berliner uns ganz kleinlaut. Das ist neu. Wir sind nicht mehr so großkotzig wie früher. Wir wissen ganz genau, Bayern und Dortmund, das sind auch keine schlechten Mannschaften. Die haben durchaus das Zeug, noch mal zurückzukommen. Und die Saison ist ja noch lang. Ich hab’ das mal nachgerechnet: Es ist erst ein Spieltag gespielt.

Als Luhukay vor ein paar Wochen verkündete, er wolle mit Hertha kein Heimspiel verlieren, dachte ich: Guck mal, Humor hat er auch noch. Na schön, Hertha hatte in Liga zwei sämtliche Rekorde gebrochen. Hatte alle in Schach gehalten. Sandhausen, Regensburg, Paderborn, alle. Dann die Vorbereitung auf die neue Saison. Zehn Spiele, neun Siege! Ob Rotation Schweinewalde oder Lokomotive Hintermberg. Alle waren sie chancenlos.

Nicht zu vergessen das Pokalspiel gegen diesen ambitionierten Viertligisten, dessen Name mir entfallen ist. Eine Mannschaft aus engagierten Studenten und siegeswilligen Azubis, die die Verlängerung zu zehnt spielten. Auch abgefertigt! 3:2, in letzter Sekunde. Und doch, ich war mir nicht sicher, ob diese Siegesserie so anhalten sollte. Vor allem gegen Mannschaften der Ersten Liga, die Fußball aus beruflichen Gründen spielen.

Reaktionen zu Herthas 6:1-Sieg
Hertha-Trainer Jos Luhukay freute sich sichtlich nach dem 6:1: "Ein wunderschöner Tag für Berlin und ein Traumstart für uns - ein Sieg, sechs Tore und eine fantastische Atmosphäre. So lebt Fußball."Alle Bilder anzeigen
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11.08.2013 13:16Hertha-Trainer Jos Luhukay freute sich sichtlich nach dem 6:1: "Ein wunderschöner Tag für Berlin und ein Traumstart für uns - ein...

Und nun das. 6:1 gegen Frankfurt! Hat man jemals ein besseres Heimspiel gesehen? Dazu drei Lattentreffer, ein nicht gegebenes Tor und zwei, drei Großchancen. Es klingt gemein, aber die Eintracht kann mit dem Ergebnis durchaus zufrieden sein. Während des Spiels fragte ich mich: Ist das noch Hertha BSC? Meine Hertha? Wo sind denn die Abstöße ins Nirwana? Die Hackentricks ins Seitenaus? Die quälenden Querpässe Ottl’scher Prägung?

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt bei uns jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.
Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt bei uns jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.Zeichnung: Tsp

Da ging mir ein Gedanke durch den Kopf: Worin besteht eigentlich die Stärke des siegenden Holländers? Er kann mit wenig Geld, aber viel Arbeit, Genauigkeit und einer Prise Bescheidenheit die einzelnen Teile eines aus den Fugen geratenen Systems wieder zu einem funktionierenden Ganzen zusammenfügen. Und ich dachte: Wäre dieser Mann nicht geradezu prädestiniert, auch mal unsere S-Bahn zu trainieren? Ein öffentliches Verkehrsmittel, das derzeit nach dem Zufallsprinzip fährt?

In dem Moment spielte Hosogai einen hohen Ball butterweich auf den im Sechzehner postierten Baumjohann, dessen direkte Weiterleitung den freigelaufen Allagui erreichte, der nur noch einschieben musste. Noch während des Torjubels überlegte ich, ob nicht vielleicht auch unser Flughafen durch organisatorische Korrekturen … da, plötzlich, erkannte ich Klaus Wowereit auf der Ehrentribüne. Und da kam mir noch ein ganz anderer Gedanke.

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