Auslaufen mit Lüdecke : Gedenkstunde im Olympiastadion

Unser Kolumnist Frank Lüdecke fühlte sich bei der 0:2-Niederlage von Hertha BSC gegen Hannover 96 an Zweitligafußball aus den 80er Jahren erinnert - und bedankt sich dafür.

Per Ciljan Skjelbred von Hertha BSC hockt nach der Niederlage gegen Hannover enttäuscht am Boden.
Per Ciljan Skjelbred von Hertha BSC hockt nach der Niederlage gegen Hannover enttäuscht am Boden.Foto: dpa

Welch Szenen der Rührung. Welch tiefe Ergriffenheit erfasste die Zuschauer vergangenen Freitagabend im Berliner Olympiastadion. Was war passiert? Die Hauptstadt stand ganz unter dem Eindruck der Erinnerung an den Mauerfall vor 25 Jahren – da wollte sich auch sein größter Fußballverein nicht lumpen lassen.

Und so bot Hertha BSC seinen perplexen Zuschauern als kleine Reminiszenz an jene Tage noch einmal Zweitligafußball aus den 80er Jahren. Und wie. Eine wirklich gelungene Überraschung. Die 0:2-Niederlage gegen Hannover war – vor allem in der Art und Weise ihres Zustandekommens – ein wunderbar melancholischer Ausflug in die traurigsten Kapitel Berliner Profifußballs. Viele Zeitzeugen, die diese schlimmen Jahre mit Heimspielen vor leeren Rängen gegen Wattenscheid 09 oder den BV 08 Lüttringhausen noch selbst miterleben mussten, hatten Tränen in den Augen. Ja. So war das damals. Als der Ball hoch und weit in die gegnerische Hälfte gehämmert wurde, in der Hoffnung, irgendeiner der eigenen Mitspieler würde schon etwas damit anzufangen wissen. Als Begriffe wie Taktik, Konzeption und Raffinesse noch verpönt waren und Fußball weitestgehend „erarbeitet“ wurde.

Viele jüngere Eintrittskartenbesitzer schauten ungläubig auf das Grün des Olympiastadions. War der Fußball früher wirklich so schlecht, wollten sie wissen. Nun, entgegneten die Veteranen, eigentlich schon. Aber früher wurde doch etwas mehr gekämpft. Das sei vielleicht als kleine Kritik angemerkt: Vom aktuellen Spielerpersonal des Bundesligisten ging am Freitagabend eine Dynamik aus, als hätten die Recken von damals noch einmal höchstpersönlich im hohen Alter ihre Töppen geschnürt und folgten den Anweisungen eines Georg Gawliczeks, falls den noch jemand kennen sollte. Dennoch waren sich alle Zeugen des Spektakels einig: So wird Geschichte richtig lebendig!

Deshalb sei den Verantwortlichen von Hertha BSC auch von dieser Stelle ausdrücklich gedankt. Denn Erinnerung an das Vergangene ist und bleibt wichtig. Sie gemahnt uns, niemals zu vergessen, dass Spielwitz, Kreativität und Spontaneität im Fußball nicht selbstverständlich sind, sondern das Ergebnis harten Trainings und einer intelligent zusammengestellten Mannschaft. Und dass es Zeiten gab in dieser Stadt, da die Fußballkonsumenten all diese Dinge eben nicht erwarten durften. Das zeigte das Spiel der Herthaner auf sehr eindringliche und anschauliche Weise.

Schade, dass die Gedenkveranstaltung nicht auch musikalisch aufbereitet wurde. So, wie Wolf Biermann im Deutschen Bundestag noch einmal eklektische Kostproben seiner fulminanten Stimmgewalt präsentierte, wäre natürlich auch im Olympiastadion einiges denkbar gewesen. Ein Auftritt von Tony Marshall etwa oder von Chris Roberts. Aber auch so war die Gedenkstunde vom Freitagabend ein echter Knaller, der vielen Anhängern des Berliner Fußballsports noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

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