Autobiografie des Nationalspielers : Mesut Özil: Aus dem Keller in die Weltspitze

In seiner Autobiografie erzählt Nationalspieler Mesut Özil erstaunlich offen und kritisch von seinem Aufstieg zum Fußballstar.

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Bodenständig trotz Bling-Bling. Mesut Özil, Weltstar aus dem Ruhrpott.
Bodenständig trotz Bling-Bling. Mesut Özil, Weltstar aus dem Ruhrpott.Foto: Charisius/dpa

Der Lübbe-Verlag ist in der Vergangenheit nicht unbedingt als Hort der literarischen Hochkultur bekannt geworden. In seinem Programm finden sich Bücher wie „Spur der Pferde. Die Kraft, durch die ich mich selbst fand“ oder „Wer den inneren Schweinehund besiegen will, muss die Sau rauslassen“. Dem Titel nach klingt auch die Autobiografie des Fußball-Nationalspielers Mesut Özil nach der üblichen Ratgeber-Literatur: „Die Magie des Spiels. Und was du wirklich brauchst, um deine Träume zu verwirklichen.“ Natürlich ist das Buch keine Handlungsanweisung, wie man es aus prekären sozialen Verhältnissen zum weltweit umjubelten Fußballstar mit Millionen auf dem Konto bringt. Und diese billige Ranschmeiße hat das Buch eigentlich auch gar nicht nötig.

„Auf dem Fußballplatz gibt es für mich keine Probleme"

Mesut Özil ist bisher nicht gerade als begnadeter Rhetor aufgefallen. Bei öffentlichen Auftritten jenseits des Fußballplatzes wirkt er seltsam gehemmt, er rettet sich dann gerne in Stanzen und gibt Belanglosigkeiten von sich; in Interviews spricht er langsam und leise, als würde er seinen eigenen Deutschkenntnissen nicht vertrauen. Bis zu seinem vierten Lebensjahr hat Özil, obwohl in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen, nur Türkisch gesprochen. Am liebsten spricht er ohnehin mit seinen Füßen: „Auf dem Fußballplatz gibt es für mich keine Probleme.“

Blick hinter die Kulissen

Natürlich hat Özil seine Autobiografie nicht selbst geschrieben, sondern sich die professionelle Hilfe des früheren „Bild“-Redakteurs Kai Psotta geholt. Herausgekommen ist ein erstaunlich offenes und aufschlussreiches Buch, das eine andere Sicht auf Özil erlaubt, das ihn als deutlich kritischeren Geist zeigt, als man bisher angenommen hatte. Und das auch einen Blick hinter die Kulissen des Profifußballs gewährt. Özil erzählt, wie er bei Real Madrid in der Pause eines Ligaspiels derart mit seinem Trainer José Mourinho aneinandergerät, dass er unaufgefordert anfängt, sich auszuziehen und in der zweiten Halbzeit einfach in der Kabine bleibt.

Er erzählt, wie ihn Schalke 04 auf wenig subtile Weise zur Vertragsverlängerung zwingen will und er dank willfähriger Unterstützung einiger Medien mit 19 Jahren plötzlich als geldgieriger Jungstar und ferngesteuerter Raffke dasteht. Er erzählt, wie sein Vater die Verhandlungen mit Real Madrid verbaselt, so dass er Knall auf Fall zum FC Arsenal wechseln muss.

Der kleine Mesut muss gebrauchte Klamotten auftragen

Özils Geschichte ist die klassische Aufsteigergeschichte. Er kommt nicht aus kleinen Verhältnissen. Er kommt von ganz unten. Im Keller seines Elternhauses haben sich die Ratten häuslich eingerichtet, es stinkt nach Pisse, die Fensterscheiben sind eingeworfen, und wenn sein Berater ihn zu Hause besucht, macht sich Özil Sorgen um dessen teures Auto. Der kleine Mesut muss gebrauchte Klamotten auftragen, manchmal auch pinke Mädchensachen; sein Lieblingsessen ist ungetoastetes Toast mit Curry-Ketchup – weil es so schön billig ist.

Am Freitag ist Özil mit der Nationalmannschaft nach Baku gereist, wo sie am Sonntag das WM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan (18 Uhr, live bei RTL) bestreiten wird. Der DFB-Tross residiert in einem Vier-Sterne-Hotel. Der übliche Standard für deutsche Fußball-Nationalspieler.

Özil hat nicht vergessen, wo er herkommt

Özil weiß, wie weit ihn die besondere Begabung in seinen Füßen gebracht hat; er weiß, dass er von der globalen Popularität des Fußballs und der Überhitzung des Marktes profitiert. Aber er hat trotz viel Bling-Bling nicht vergessen, wo er herkommt. „Mittlerweile sind wir auf einem Niveau angekommen, das ungesund und den Fans auch nicht mehr zu vermitteln ist“, schreibt er. Bei vielen Fußballern wirken solche Sätze geheuchelt, weil sie gerne mitnehmen, was mitzunehmen ist. Nach Lektüre seiner Autobiografie nimmt man Mesut Özil diese Haltung schon ein bisschen eher ab.

Mesut Özil (mit Kai Psotta): Die Magie des Spiels. Und was du brauchst, um deine Träume zu verwirklichen. Lübbe, 352 Seiten, 16,90 Euro.

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