Basketball : Alba Berlin: Die Richtung stimmt

Welche Neuverpflichtung von Alba Berlin hat voll eingeschlagen? Wer sucht noch seine Rolle im Team? Was machen die deutschen Spieler? Ein Überblick nach den ersten zehn Saisonspielen.

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Vielseitig. Niels Giffey kann viel, traut sich manchmal aber noch zu wenig.
Vielseitig. Niels Giffey kann viel, traut sich manchmal aber noch zu wenig.Foto: dpa

Die Saison ist noch jung – nach zehn Spielen lässt sich aber zumindest eine Tendenz ablesen, in welche Richtung sich Alba Berlin als Mannschaft und die Spieler im Einzelnen bewegen. Mit 6:0 Siegen in der Bundesliga und einer Bilanz von 3:1 im Eurocup stehen die Berliner in beiden Wettwerben sehr gut da. Unser Überblick zeigt, bei wem es bislang schon rundläuft. Und wo auf Trainer Sasa Obradovic noch viel Arbeit zukommt.

Das Team: Es ist auffällig, dass Albas Mannschaft angesichts der vielen Neuverpflichtungen und der frühen Saisonphase schon sehr geschlossen wirkt. Auf dem Spielfeld wird viel geredet, auch die Bankspieler feuern ihre Kollegen permanent an. Obradovic ist auch mit der Arbeitseinstellung seiner Profis bislang sehr zufrieden. Das heißt aber nicht, dass alles perfekt läuft. Am Mittwochabend gegen CB Gran Canaria wirkte Alba eine Halbzeit lang konfus, besonders im Angriff trafen die Berliner immer wieder schlechte Entscheidungen. Dank bissiger Verteidigung und einer großen Energieleistung kämpften sich die Berliner aber zurück und gewannen am Ende mit 84:71.

#5 Niels Giffey: Der gebürtige Berliner hat sich vorgenommen, in seiner zweiten Profi-Saison ein noch kompletterer Spieler zu werden. Beziehungsweise wieder in allen Aspekten des Spiel eine wichtige Rolle zu spielen, wie es in seiner Jugendzeit bei Alba der Fall war. Immer wieder blitzt bei dem 24-Jährigen auf, was er alles kann. Bisweilen hält sich Giffey auf dem Feld aber zurück und wirkt unentschlossen, dafür kann er sich immer auf seine Spielintelligenz verlassen. Genau wie Bundestrainer Chris Fleming scheint aber auch Obradovic noch nicht die perfekte Rolle für Giffey gefunden zu haben. Als reiner Spot-up-Shooter ist er angesichts seiner vielfältigen Fähigkeiten verschenkt, als Ballhandler wirkt er bisweilen aber nicht sicher genug.

#7 Alex King: Obradovic weiß, was er von seinem Kapitän erwarten kann – und was nicht. Alex King ist immer mit hundertprozentigem Einsatz bei der Sache, in der Verteidigung arbeitet er hart und kompromisslos. Im Angriff ist er am besten, wenn er eine schnelle Entscheidung treffen und einen geraden Weg wählen kann: den Catch-and-shoot-Dreier oder den Zug zum Korb mit nur einem oder zwei Dribblings. Der 30-Jährige tut sich deutlich schwerer, wenn er kreativ sein muss, Pässe und Dribblings unter Druck sind nicht seine Sache. Durch seine Geradlinigkeit und Verlässlichkeit bleibt er aber ein wichtiger Baustein in Albas System.

#8 Ismet Akpinar: Der gebürtige Hamburger hat es endlich in die Rotation der Berliner geschafft. Scoren konnte Akpinar schon vorher, auch bei den Profis. Jetzt vertraut ihm Obradovic auch in der Verteidigung, der Aufbauspieler zahlt es dem Coach mit großem Einsatz zurück. In Gießen war der 20-Jährige mit 21 Punkten erstmals Topscorer seiner Mannschaft, gegen Gran Canaria blieb er in sieben Spielminuten ohne Punkt und schied mit fünf Fouls aus. Dafür brachte er viel Energie und Feuer ins Spiel. Akpinars Entwicklung ist noch lange nicht am Ende.

Trickreich. Elmedin Kikanovic hat viele Center-Moves drauf.
Trickreich. Elmedin Kikanovic hat viele Center-Moves drauf.Foto: dpa

#9 Elmedin Kikanovic: Nicht nur mit seinen 24 Punkten gegen Gran Canaria hat der Bosnier gezeigt, dass er Albas Spiel in dieser Saison eine neue Dimension verleihen kann. Der 27-Jährige verfügt über ein klassisches Post-up-Game mit dem Rücken zum Korb. Zusätzlich zu vielen Finten und Hakenwürfen kann Kikanovic auch aus der Mitteldistanz punkten. Das konnte auch sein Center-Vorgänger Leon Radosevic – der Kroate reagierte aber meist hilflos, wenn er sich einen eigenen Wurf kreieren sollte, elegante oder trickreiche Center-Bewegungen waren nicht seine Sache. Der schlaksige Kikanovic ist in der Verteidigung nicht ganz so vielseitig und flink wie Radosevic, ein guter Ersatz ist er aber allemal.

#10 Kresimir Loncar: Hundertprozentig fit ist der Kroate noch nicht, aber auch als Work-in-progress ist er eine wirkliche Verstärkung für die Berliner. Der 32-Jährige strahlt immense Erfahrung auf dem Feld aus. Loncar wird noch eine Weile brauchen, bis er seine Topform erreicht hat. Obradovic ist mit den Fortschritten des 2,10 Meter großen Power Forward/Center aber zufrieden. Loncar hat seit seiner Ankunft in Berlin bereits fünf Kilogramm überflüssiges Gewicht verloren. „Bei ihm weiß ich, dass er auch gut reagieren wird, wenn es mal schlecht für uns läuft. Er wird immer einen Weg finden“, sagt Obradovic.

#11 Akeem Vargas: Für Vargas gilt das gleiche wie für Alex King. Auch auf Vargas ist in seinem Kerngeschäft – Defense und Dreier – immer Verlass. Es ist auch immer wieder interessant zu beobachten, wie sich gegnerische Spieler – gerade im Europapokal – wundern und beim Schiedsrichter darüber beschweren, mit welchen Methoden Vargas sie bearbeitet. Wie für King wird es aber auch für Vargas schwierig, wenn er unter Zeitdruck spielerische Lösungen finden muss. Daran wird sich wohl auch nur noch wenig ändern. Aber auch in einer limitierten Rolle bleibt Vargas für Alba wertvoll.

#15 Marc Liyanage: Der 25-Jährige wird von Obradovic zurzeit kaum eingesetzt und fungiert bislang fast ausschließlich als Trainingsspieler und sechster deutscher Profi, der den Kader auffüllt. Es wird sich zeigen, ob sich in dieser Saison noch eine Situation ergibt, in der der Hamburger für Alba noch wertvoll wird.

Immer mittendrin. Jonas Wohlfarth-Bottermann (Mitte) ist Publikumsliebling in der Arena am Ostbahnhof.
Immer mittendrin. Jonas Wohlfarth-Bottermann (Mitte) ist Publikumsliebling in der Arena am Ostbahnhof.Foto: dpa

#18 Jonas Wohlfarth-Bottermann: Der Center durchlebt bei Alba weiter Hochs und Tiefs. Nach Loncars Verpflichtung rutschte der 25-Jährige fast vollständig aus der Rotation, gegen Gran Canaria trug er in achteinhalb Minuten auf dem Feld aber viel zur Aufholjagd der Berliner bei. „Wobo“, wie er von den Alba-Fans genannt wird, ist mittlerweile Publikumsliebling in der Arena am Ostbahnhof. Mit seinen Blocks und Dunkings kann er das Momentum eines Spiels und die Stimmung der Zuschauer beeinflussen. Allerdings unterlaufen ihm immer noch auch taktische Fehler, die seinen Trainer an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringen.

#21 Dragan Milosavljevic: Man darf sich von den manchmal etwas eckigen Bewegungen des Serben nicht täuschen lassen: Milosavljevic ist ein kompletter Basketballer von europäischem Format. Der 26-Jährige übernimmt bei Alba viel Verantwortung, punktet, rebounded, verteidigt und spielt intelligente Pässe. Bisweilen unterlaufen dem ehemaligen Kapitän von Partizan Belgrad noch zu viele Ballverluste, abgesehen davon darf man sich aber sicher sein: Wenn Milosavljevic fit bleibt, wird er das Spiel der Berliner in den nächsten beiden Spielzeiten in jeder Hinsicht prägen.

Schnell, aber fehleranfällig. Will Cherry (Mitte) ist einer der Spieler, dem sich Albas Trainer Sasa Obradovic in dieser Saison noch viel widmen wird.
Schnell, aber fehleranfällig. Will Cherry (Mitte) ist einer der Spieler, dem sich Albas Trainer Sasa Obradovic in dieser Saison...Foto: dpa

#22 Will Cherry: Will Cherry ist schnell – manchmal fast ein bisschen zu schnell. Der Spielmacher vertraut im Angriff seinen Instinkten, die ihn besonders gegen starke Gegner allerdings manchmal täuschen. Eine typische Szene aus dem Spiel gegen Gran Canaria: Cherry angelt sich in der Verteidigung mit großem Einsatz und Geschick einen frei gewordenen Ball, nimmt sofort Fahrt auf und stürmt nach vorn. Obwohl es keine klare Situation im Angriff gibt, zieht er zum Korb – und prallt am 2,17 Meter großen Center Alen Omic ab. Im Gegenzug fehlt ihm dann die Energie, um seinen Gegenspieler Kevin Pangos am Zug zum Korb zu hindern. Auch in der Defensive schießt Cherry bisweilen über das Ziel hinaus, wenn er beispielsweise versucht, einen Pass abzufangen, anstatt eher konservativ einfach vor seinem Gegner zu bleiben. Die mangelnde Übersicht des 24-Jährigen bereitet auch Obradovic Kopfzerbrechen und wird beide noch eine ganze Weile beschäftigen.

#23 Jordan Taylor: Wie Cherry ist auch Taylor sicher noch nicht da, wo Obradovic ihn haben will. Auch Albas zweiter Spielmacher verliert noch zu oft die Kontrolle über Rhythmus und Struktur seiner Mannschaft. Zudem gerät der 26-Jährige oft in Foulprobleme. Bisweilen hält der Spielmacher den Ball – ebenfalls wie Cherry – noch zu lange in den eigenen Händen und bremst damit den Spielfluss. Die Anlagen zu einem wirklich guten Aufbauspieler – Physis, Schnelligkeit, Übersicht, Wurf, Ballhandling – hat Jordan Taylor aber. Auch Taylor besitzt einen Zweijahres-Vertrag bei Alba, er wird in seine Rolle noch hineinwachsen.

Mitchell Watt sucht noch seine Form - und seine Rolle im Team.
Mitchell Watt sucht noch seine Form - und seine Rolle im Team.Foto: dpa

#50 Mitchell Watt: Der 25-Jährige ist momentan das größte Sorgenkind im Kader der Berliner. In den Vorbereitungsspielen glänzte der 2,08 Meter große US-Amerikaner noch, zurzeit sucht er nach seiner Form. Obradovic hat Watt als Power Forward und als Center eingesetzt, auf keiner der beiden Positionen konnte er zuletzt seine starke Athletik zur Geltung bringen. Gegen den anspruchsvollen Teambasketballs Gran Canarias wirkte Watt sogar überfordert, Obradovic ließ ihn fast die gesamte zweite Halbzeit über auf der Bank. Ivan Aska haben die Berliner noch vor Saisonstart weggeschickt, weil er den Ansprüchen des Klubs nicht genügte und mit den taktischen Anforderungen nicht zurecht kam. Mitchell Watt muss noch beweisen, dass er Alba nicht nur gegen durchschnittliche Bundesligateams, sondern auch in Spielen auf hohem Niveau weiterhelfen kann. Die Berliner werden Watts Athletik in dieser Saison noch brauchen, auch weil seine Kollegen Loncar und Kikanovic eher durch Finesse und Routine glänzen als durch Explosivität. 

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