• Basketball: Dirk Bauermann im Interview: „Mein Bauchgefühl sagt: Bayern wird Meister“

Basketball: Dirk Bauermann im Interview : „Mein Bauchgefühl sagt: Bayern wird Meister“

Ex-Bundestrainer Dirk Bauermann über das entscheidende Finale, die Qualität des deutschen Basketballs und ein wildes Jahr in Wolgograd.

Deutsche Trainer-Ikone. Dirk Bauermann, 57. Zuletzt arbeitete Bauermann in Litauen und Russland.
Deutsche Trainer-Ikone. Dirk Bauermann, 57. Zuletzt arbeitete Bauermann in Litauen und Russland.Foto: Kalnina/dpa

Herr Bauermann, beginnen wir mit der am nächsten liegenden Frage: Wer wird am Sonntag deutscher Basketball-Meister?

Wenn ich mein Haus darauf verwetten müsste, würde ich sagen: der FC Bayern.

Trotz des Heimvorteils für Bamberg im entscheidenden fünften Finalspiel?

Irgendwie sagt mir mein Bauchgefühl nach dem vierten Spiel, dass sich Bayern durchsetzt. Die Bayern wirkten geschlossener und entschlossener. Bei Bamberg hätte ich mir mehr Galligkeit gewünscht.

Was spricht für Bayern?

Im vierten Spiel war offensichtlich, dass es beim FC Bayern keinen Ausfall gab. Die Leistungsträger haben alle abgeliefert. Die Mannschaft hat als Kollektiv gut gespielt und da funktioniert, wo sie in einer solchen Serie funktionieren muss: in der Defensive.

Und was spricht für Bamberg?

Bei den Bambergern haben fast alle unter ihren Möglichkeiten gespielt. Da ist noch eine Menge Luft nach oben.

Sie haben beide Mannschaften in der Vergangenheit trainiert. Welchem Klub fühlen Sie sich persönlich mehr verbunden?

In Bamberg war ich acht Jahre, habe zwei Meistertitel geholt und den Klub vom Abstiegskandidaten zu einem Top-16-Europaligisten entwickelt. Bei den Bayern war ich zwei Jahre, wir haben die sportlichen Ziele ordentlich erreicht. Aber das Ende war mehr als unangenehm, unfair und inhaltlich unberechtigt. Da bleibt natürlich etwas zurück. Wenn es die Bayern aber schaffen, ziehe ich vor den Spielern und den Verantwortlichen den Hut.

Wie bewerten Sie den Entwicklungsstand der Bundesliga?

Was die Strukturen angeht, die Begeisterung in den Hallen, die Professionalität und Solidität, sind wir jetzt schon die Nummer eins in Europa. Sportlich haben wir aber noch einen langen Weg vor uns. Ich habe zuletzt in der osteuropäischen VTB-Liga gearbeitet, die ist noch ein ganzes Stück stärker als die Bundesliga. Da haben die Fünft- oder Sechstplatzierten einen höheren Etat als Bamberg oder Bayern. Die VTB hat auch nur 14 Teams, das komprimiert die Qualität natürlich.

Auch die Bundesliga diskutiert immer wieder darüber, sich von 18 Teams auf 16 oder 14 Mannschaften zu verkleinern.

Die Bundesliga braucht eine Reduzierung auf 16 Vereine. Ich verstehe die Bauchschmerzen, die viele damit haben. Wir werden es aber nicht schaffen, 18 strukturell und basketballerisch erstligareife Klubs ins Boot zu holen. Zu viele Vereine verwässern die Qualität.

Der Ball gehört mir! Bayern Münchens Heiko Schaffartzik (l.) im Duell mit Bambergs Trevor Mbakwe. Dirk Bauermann hat schon beide Teams trainiert.
Der Ball gehört mir! Bayern Münchens Heiko Schaffartzik (l.) im Duell mit Bambergs Trevor Mbakwe. Dirk Bauermann hat schon beide...Foto: AFP/Stache

Die Bundesliga hat immerhin das ambitionierte Ziel ausgegeben, bis 2020 die beste Liga Europas zu werden.

Ich war in Mathematik immer schon schlecht – aber wenn ich mich nicht irre, bleiben da nur noch fünf Jahre. Bisher haben wir es noch nie geschafft, auch nur eine Mannschaft unter die besten acht in Europa zu bringen. Daran sieht man, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. Eine Reduzierung auf 16 Vereine ist eine Stellschraube, an der man da drehen muss.

Sie haben zuletzt als Vereinstrainer in Litauen und Russland und als Nationaltrainer in Polen gearbeitet. Hat das Ihren Blick auf den deutschen Basketball verändert?

Andere Ligen, andere Kulturen, geben einem immer eine andere Perspektive. Das kann die Augen öffnen. Ich habe jetzt eher die Vogel- als die Maulwurfperspektive.

Hat sich Ihre eigene Spielphilosophie auch gewandelt?

Natürlich. In Deutschland gibt es hier und da die Wahrnehmung, dass ich ein „Old-School“-Coach bin. Wenn das bedeutet, dass ich Wert auf Trainingsdisziplin lege, klare Leitplanken für die Spieler vorgebe und mich nicht mit Mittelmaß zufrieden gebe – dann stimmt das hundertprozentig.

Und wo stimmt es nicht?

Es ärgert mich, wenn mir die Fähigkeit abgesprochen wird, mich mit dem Spiel zu entwickeln. Wenn mir nachgesagt wird, nur defensiv orientierten und langsamen Basketball spielen zu lassen. Schon im verjüngten Nationalteam habe ich den Spielern viele Freiheiten gelassen. Bei den Bayern waren wir eines der ersten deutschen Teams, das mit vier Spielern außen und nur einem Spieler innen agiert hat. Auch meine Teams in Litauen und Russland haben schnell und offener gespielt. Basketball entwickelt sich – und ich habe keine Lust, als Dinosaurier auszusterben. Auch wenn Ballbewegung und gute Verteidigung immer wichtige Grundpfeiler für mich bleiben werden.

Zuletzt haben Sie beim russischen Klub Roter Oktober Wolgograd eine Saison verbracht. Der Verein wollte Ihren Vertrag verlängern – warum haben Sie abgelehnt?

Wolgograd war sportlich eine sehr interessante Aufgabe. Wir hatten ein Team, das in Deutschland unter die ersten vier gekommen wäre. Es gab aber Aspekte, die mir die Arbeit schwer gemacht haben. Die Ausstattung des Trainerteams mit Laptops, die Ausstattung der medizinischen Abteilung, des Athletiktrainers – das war alles nicht vorhanden. Vom Präsidenten hieß es: Wir bezahlen dich, wir bezahlen die Spieler. Pünktlich und in voller Höhe. Aber alles andere ist mir egal. Ihr müsst produzieren – und wenn ihr es nicht tut, werde ich unangenehm.

Der Vereinspräsident wollte auch schon mal selbst mitspielen.

Wenn man das hört, klingt es natürlich erst einmal nach einer Lachnummer. Er hat auch zwei Mal gespielt, in bedeutungslosen Partien. Er ist aber ein richtiger Basketballer und war früher Profi. Der Mann ist erst 37 Jahre alt, zwei Meter groß – und er liebt Basketball. Er gibt pro Saison drei Millionen Euro aus seinem Portemonnaie und leitet daraus ab, im letzten Eurocup-Spiel – in dem es um nichts mehr ging – vier Minuten spielen zu dürfen. Ich will jetzt nicht auf alle Details eingehen, aber es war schon sehr anstrengend.

Zurzeit arbeiten Sie als TV-Kommentator oder halten Vorträge. Was sind Ihre Pläne?

Trainer zu sein, macht mir heute noch genauso viel Spaß wie zu Beginn der 1990er, als ich angefangen habe. Ich warte darauf, dass es wieder losgeht, und scharre mit den Hufen. In Litauen und Russland ging es nur um kurzfristigen Erfolg, jetzt würde ich gerne wieder nachhaltiger und mittelfristiger arbeiten. Aber ich lasse mir Zeit, es gibt Gespräche mit verschiedenen Vereinen in unterschiedlichen Ländern.

In Berlin wird vielleicht bald ein Posten frei, Trainer Sasa Obradovic könnte Alba verlassen. Sind Sie interessiert?

Darauf habe ich eine klare und kurze Antwort: Sasa und alle anderen Beteiligten haben in den letzten drei Jahren bei Alba Unglaubliches geleistet. Sasa ist in Berlin Trainer. Punkt. Deshalb gibt es dazu nicht mehr zu sagen.

Im Sommer tritt das deutsche Nationalteam bei einer Heim-EM an, das ist Ihnen als Bundestrainer nicht vergönnt gewesen. Was trauen Sie der Mannschaft zu?

Dass Dirk Nowitzki die EM spielt, ist natürlich sehr wichtig. Jetzt wird alles davon abhängen, ob und wie schnell es das Team schafft, zu einer Einheit zu werden. Dann haben wir eine Chance, uns mit dem Heimvorteil in dieser brutalen Vorrundengruppe durchzusetzen. Wenn du dann Selbstvertrauen mitnimmst, ist immer alles möglich. Und Dirk ist es zuzutrauen, dass er sich noch einmal unglaublich motiviert und Leistungen zeigt, die für einen 37-Jährigen eigentlich unmöglich sind.

- Dirk Bauermann, 57, wurde mit Leverkusen und Bamberg neun Mal Deutscher Meister. Mit dem Nationalteam holte er 2005 EM-Silber. Zuletzt arbeitete Bauermann in Litauen und Russland.

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