Sport : Berlins tollste Bratwürste

Sie spielten mit Handballern, fliegenden Haitianern und späteren Weltmeistern – genützt hat es nichts. Vier Vereine, die mal in der ersten oder zweiten Liga waren und die heute kaum noch jemand kennt

Sven Goldmann

Spandauer SV

Ein Handballer im Sturm

Tasmania 1900 ist als schlechtester Bundesligist aller Zeiten auch in Bayern oder Hamburg ein Begriff. Aber wer kennt schon den Spandauer SV, das Pendant zu Tasmania in der zweiten Liga? 8:68 Punkte bei zwei Siegen und 115 Gegentoren aus der Saison 1975/76 – das soll erst mal einer nachmachen. Der SSV war eher zufällig Berliner Meister geworden und in die zweite Liga aufgestiegen. Das ging eigentlich über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Klubs, aber freiwillig zurückziehen kam nicht in Frage. Gleich das erste Spiel gegen Solingen ging 2:7 verloren, und der SSV behauptete bis zum letzten Spieltag den letzten Platz. Und doch war für uns fußballbegeisterte Schulkinder ein Besuch im Stadion am Askanierring eine angenehme Alternative: Für wenig Eintrittsgeld spielten dort Mannschaften wie Borussia Dortmund oder Arminia Bielefeld in geradezu intimer Atmosphäre, denn mehr als 2000 Zuschauer kamen eigentlich nie zum SSV. Außerdem war die Bratwurst entschieden besser als im Olympiastadion. Nachdem die ersten 14 Spiele verloren gingen, holten die Spandauer einen Nationalspieler. Sein Name war Helmut Kosmehl und sagte uns nur deshalb nichts, weil er sonst Handball spielte. Bei seinem Debüt gegen Wattenscheid sprang der Stürmer eifrig über den Platz, aber seine Mitspieler gaben ihm kaum einmal den Ball. Vielleicht waren die Wattenscheider beleidigt, dass sie sich mit einem Handballspieler abgeben mussten, jedenfalls gaben sie sich keine große Mühe und gönnten dem SSV beim 1:1 den ersten Punkt.

Der Spandauer SV spielte 1975/1976 in der Zweiten Bundesliga und heute in der Verbandsliga.

Wacker 04

In Uli Steins Armen

Wacker 04 spielte wie Tennis Borussia in Lilaweiß, war aber nicht so gut und schon gar nicht so wohlhabend wie der Farbvetter aus Charlottenburg. Wacker kam 1974 in die Zweite Bundesliga, weil Tasmania sich ein Jahr vorher aufgelöst und Blau-Weiß 90 keine Lust hatte. Im ersten Jahr verhinderten die Reinickendorfer souverän den Abstieg, im zweiten holten sie Serge Racine – einen Verteidiger, der zwar nicht besonders gut Fußball spielte, aber 1974 mit Haiti bei der WM in Deutschland dabei war. Racines eingeflogene Grätsche war gefürchtet. Fast alle Spieler hatten nebenbei einen Job. Wackers bester Mann, der Spielmacher Rainer Liedtke, arbeitete bei der Post. Einmal kam Bielefeld an den Wackerweg, der Favorit auf den Aufstieg, im Tor stand ein gewisser Uli Stein. Bielefeld hatte einen schlechten Tag erwischt und führte mit viel Glück 1:0, aber dann gab es in der zweiten Halbzeit einen Elfmeter für Wacker. Keiner wollte den Ball haben, nicht mal der großartige Liedtke. Kurt Boutry, genannt Kutte, hat dann geschossen, es war ein lustiger und trauriger Elfmeter zugleich. Kutte nahm riesigen Anlauf, aber der Wackerplatz war ein unebenes Geläuf, und so trat er beim Schussversuch in den Rasen. Der Ball schaffte es mit Mühe und Not, in Steins Arme zu hoppeln. Noch heute muss sich Boutry fragen lassen: „Sag mal, Kutte, wie war das doch gleich mit deinem Elfmeter gegen Uli Stein?“

Wacker 04 spielte von 1974 bis 1979 in der Zweiten Bundesliga. 1994 löste sich der Klub wegen finanzieller Probleme auf. Die Fußballabteilung wechselte zu Alemannia 90 und spielt heute als BFC Alemannia Wacker in der Verbandsliga.

SC Charlottenburg

Köpkes erstes Mal

Vor bald 25 Jahren startete Andreas Köpke im Mommsenstadion eine bemerkenswerte Tradition. Später ist er auch mit Hertha BSC, dem 1. FC Nürnberg und Eintracht Frankfurt abgestiegen, aber der erste Abstieg ist noch immer der schönste, und der gelang ihm mit dem SC Charlottenburg. Der Kieler Köpke war einer der wenigen Nichtberliner beim SCC, der das Abenteuer Profifußball als lokalpatriotisches Projekt plante. Die Mannschaft bestand aus jungen Burschen, die gut mit dem Ball umgehen konnten, aber sobald sie Berlin verließen, war ihnen eine gewisse Ängstlichkeit nicht abzusprechen. Von ihren zehn Siegen feierten die Charlottenburger nur einen fern der Heimat. Für den SCC war das mit der zweiten Liga recht überraschend gekommen, für Jörg Gaedke sogar sehr ungelegen. Der Stürmer hatte beim Hamburger SV vorgespielt und war vom großen Ernst Happel für bundesligatauglich befunden worden. Mit dem Aufstieg des SCC aber vervielfachte sich die Ablösesumme, der HSV nahm Abstand von einer Verpflichtung, und Gaedke musste beim SCC bleiben. Sein bestes Spiel machte er, als der Abstieg schon fast feststand. Gaedke schoss drei Tore beim 8:1-Sieg über Saarbrücken. Am Ende fehlten drei Punkte zum Klassenerhalt, und Köpke war daran nicht ganz schuldlos. Er hielt zwar manchen Schuss, den kaum ein anderer gehalten hätte, aber er war auch in jedem zweiten Spiel für ein Gegentor gut, das nur wenige andere kassiert hätten. Europameister ist er später dennoch geworden.

Der SC Charlottenburg spielte 1983/84 in der zweiten Bundesliga und gehört heute der Verbandsliga an.

Blau-Weiß 90

Zu schlecht für Riedle

1986 stiegen Hertha BSC und Tennis Borussia aus der zweiten Bundesliga ab. Berlin hatte nur noch einen Verein im bezahlten Fußball: Blau-Weiß 90, ein recht familiärer Verein, geführt von drei schwergewichtigen Herren. Innerhalb von drei Jahren stiegen die Mariendorfer von der vierten in die erste Liga auf. Das gelang mit viel Geld, das dem Verein gar nicht gehörte, sondern beschafft wurde von einem windigen Geschäftsmann, der bald wieder weg war. Es fand sich ein Gläubiger aus Nürnberg, ein Sanitärhändler. Der gab noch ein bisschen Geld dazu und holte aus dem nahen Augsburg einen jungen Stürmer, der gleich im ersten Spiel ein Tor schoss und im dritten zwei innerhalb von zehn Minuten zum 3:2 über Mönchengladbach. Nach 34 Spielen waren es insgesamt zehn Tore, aber da war Blau-Weiß auch schon wieder abgestiegen und der junge Stürmer weg, weil er zu gut war für die zweite Liga. Der Mann hieß Karlheinz Riedle und wurde ein paar Jahre später Weltmeister. Blau-Weiß spielte schönen Fußball, aber nachdem Hertha wieder in den bezahlten Fußball zurückgekehrt war, schaute kaum noch einer zu. Einmal kamen zum Spiel gegen Fortuna Köln 800 Zuschauer ins Olympiastadion. Im Oberring waren die Unterhaltungen der Spieler in allen Details zu verstehen.

Blau-Weiß 90 spielte 1986/87 in der Bundesliga und sieben Jahre in der zweiten Liga. 1992 löste sich der Klub wegen finanzieller Probleme auf, der Nachfolgeklub Blau-Weiß spielt in der Bezirksliga.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben