Punktabzug für Hürtürkel : Kein Aufstieg für Antisemitismus

"Du stinkst schon wie ein Jude" - mit solchen Beleidigungen sollen Spieler, Verantwortliche und Fans des BSV Hürtürkel die Gegner vom Tus Makkabi beleidigt haben - und wurden mit einem Punktabzug bestraft. Jetzt bangt der Verein um den Aufstieg.

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Hier ging einiges durcheinander. Spieler von Makkabi (in Weiß) wurden von Hürtürkel rassistisch und antisemitisch beleidigt.
Hier ging einiges durcheinander. Spieler von Makkabi (in Weiß) wurden von Hürtürkel rassistisch und antisemitisch beleidigt.Foto: Joulux

Wo eigentlich Freude sein sollte, herrschte Wut. Und Trauer. Es sollen sogar Tränen bei den Siegern geflossen sein. Der Berliner Fußball-Verein Hürtürkel hatte am Sonntag gegen Pankow 3:1 gewonnen und wäre damit eigentlich bereits am vorletzten Spieltag in die Berlin-Liga aufgestiegen. Gefeiert wurde jedoch nicht. Wie auch? Es war niemand da, mit dem Spieler ihre Freude hätten teilen können. Das Spiel musste unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Und das Punktekonto von Hürtürkel war vorher um drei Punkte reduziert worden. Die fehlten nun zum Aufstieg.

In der vergangenen Woche hatte das Sportgericht des Berliner Fußball-Verbands (BFV) den BSV Hürtürkel mit einer Aufsehen erregenden Strafe belegt. Es war das erste Mal, dass der Paragraph 46, „Diskriminierung und ähnliche Tatbestände“ in Berlin im Männerbereich in einer vergleichsweise hohen Spielklasse (siebte Liga) zur Anwendung kam. Zuvor wurde gegen den Paragraph 46 nur im Jugendbereich und unteren Kreisklassen verstoßen. Unter Punkt vier heißt es dort: „Verhalten sich Spieler Offizielle oder Zuschauer in irgendeiner Form rassistisch oder menschenverachtend (…) werden der betreffenden Mannschaft, sofern zuordenbar, beim ersten drei und beim zweiten Versuch sechs Punkte abgezogen.“

Neben dem Verbot von Zuschauern und dem Punktabzug wurden Hürtürkels Spieler Gzim Jahdauti für ein halbes Jahr und Trainer Vedat Beyazit für elf Monate gesperrt. Das Sportgericht sah es als erwiesen an, dass es in der Landesliga zwischen Hürtürkel und TuS Makkabi am 25. März zu rassistischen und antisemitischen Beleidigungen gegen Spieler von Makkabi gekommen war. Auf Makkabis Homepage wird die Situation auf dem Sportplatz am Columbiadamm als eine durch „blanken Hass geprägte Atmosphäre der Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen“ beschrieben. Es war nicht das erste Mal, dass der jüdischstämmige Klub Ziel von Anfeindungen wurde. Bereits 2006 kam es beim Spiel bei Altglienicke zu antisemitischen Beschimpfungen.

Die Begegnung bei Hürtürkel war schon vorher vom BFV als problematisch eingestuft worden. Für ein Spiel der siebten Liga gab es ein auffällig starkes Polizeiaufgebot, mehr als 300 Zuschauer kamen. Die muslimischen Spieler von Makkabi wurden von draußen als „Schande“ bezeichnet, ein Spieler mit schwarzer Hautfarbe wurde als „Scheiß-Nigger“ beschimpft. Dies bestätigten vor dem Gericht ein Schiedsrichterbeobachter und ein Spielbeobachter. Auch im Spiel kam es zu Ausfällen. Einem Spieler von Makkabi wurde gedroht: „Ich habe draußen 150 Albaner, die dich abstechen werden.“ Weiter: „Du stinkst schon wie ein Jude.“ Kurz vor Schluss flog ein Spieler von Hürtürkel wegen einer Tätlichkeit vom Platz. Er soll seinen Mitspielern auf Türkisch zugerufen haben, „den Scheiß-Sechser von Makkabi umzuhauen“.

Zum Eklat kam es, als Hürtürkel in der Nachspielzeit der Siegtreffer gelang. Trainer Vedat Beyazit soll sich jubelnd und mit ausgestrecktem Mittelfinger vor den Ersatzspielern von Makkabi aufgebaut und gerufen haben: „Amina koydum yahudi!“ – „Jetzt haben wir euch Juden gefickt.“ Das sagte zumindest ein Spieler von Maccabi, der Türkisch versteht. Beyazit bestreitet, diese Aussage getätigt zu haben und will notfalls „beim Bundespräsidenten vorstellig werden“, um seine Unschuld zu beweisen. Hürtürkel plant in Berufung zu gehen. „Wir sind ein multikultureller Verein, diese Anschuldigungen werfen ein schlechtes Licht auf uns“, sagt der Vorsitzende Orhan Akcay. Beim Tempelhofer Klub spielen Erwachsene und Kinder aus verschiedensten Nationen und Kulturkreisen. „Bei uns ist jeder willkommen. Ich würde mich freuen, wenn in Zukunft auch jüdische Spieler den Weg zu uns finden würden“, sagt Beyazit.

Hinter vorgehaltener Hand wird Hürtürkel als „sehr problematisch“ angesehen. Ein Insider sagt: „Es ist nicht das erste Mal, dass der Verein negativ auffällt. Immer wieder gibt es Beleidigungen und Ausfälligkeiten.“ Am Sonntag ist es Beyazit untersagt, sich in der Nähe der Mannschaft aufzuhalten. Dann kommt es am letzten Spieltag für Hürtürkel bei Al-Dersimspor zum echten Endspiel. Ein Punkt würde reichen, und Hürtürkel wäre aufgestiegen.

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