Betrug im Sport : Der Kampf gegen Doping ist tot

Jahrzehntelang hielt der Kampf gegen Doping die Sportwelt in Atem. Doch inzwischen langweilt er das Publikum. Das bleibt nicht ohne Folgen. Und die Betrüger kommen immer noch reihenweise davon – ein Nachruf auf die Dopingbekämpfung.

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Szenen eines Problems. Der Fall Ben Johnson konfrontierte 1988 erstmals die Weltöffentlichkeit mit Doping. Aber nur ihm wurde die Medaille aberkannt. Carl Lewis (links neben ihm) hätte bei Olympia 1988 wegen Dopings eigentlich gar nicht starten dürfen.
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15.01.2012 12:45Szenen eines Problems. Der Fall Ben Johnson konfrontierte 1988 erstmals die Weltöffentlichkeit mit Doping. Aber nur ihm wurde die...

Kurz vor dem Jahreswechsel hat einer der berühmtesten Sportler der Geschichte einen runden Geburtstag gefeiert. Ben Johnson wurde 50. Der verlorene Sohn der Olympischen Spiele. Zum Geburtstag hätte sich das IOC, das Internationale Olympische Komitee, durchaus bei ihm bedanken können. Dafür, dass der Kanadier die Rolle des Sündenbocks übernommen hat. Auf ihm und seinen Muskelgebirgen ließ sich bequem alle Dopingschuld abladen.

Bis heute hat Johnson das Zeug zum Schocker. Er gilt seit seiner aberkannten Goldmedaille von 1988 als Symbolfigur für das Wettrüsten der Körper. Der Jamaikaner Usain Bolt braucht inzwischen für 100 Meter zwei Zehntelsekunden weniger als der gedopte Ben Johnson. Wenn Bolt in diesem August nach einem Olympiasieg in London als Doper enttarnt würde, wen würde das noch überraschen?

In den 24 Jahren zwischen Johnson und dem – vielleicht ja sauberen – Bolt ist die Dopingbekämpfung erst zu einem gigantischen Begleiter des Sports herangewachsen. Immer wieder hat sie den Eindruck erweckt, kurz vor dem Durchbruch zu stehen. Sich mit den Betrügern auf Augenhöhe messen zu können. Doch das war nichts als eine Illusion. Die aufgetürmten Erwartungen brechen nun in sich zusammen. Und die Dopingbekämpfung ringt darum, überhaupt noch beachtet zu werden. Zeit für einen Nachruf.

Betrogen wird schon, solange es Sport gibt. Doch weil Verbände und Firmen den Sport auch vermarkten wollen als Ort des fairen Wettbewerbs, als Teil einer besseren Welt, müssen sie sich vom Zirkus abgrenzen. Dafür entwickelten sie die Dopingbekämpfung. Sie hielt die Welt des Sports mit ihren Enthüllungsgeschichten immerhin mehrere Jahrzehnte in Atem.

In den Siebzigerjahren wurde das Thema Doping öffentlich. Anabolika fanden reißenden Absatz. Auf staatliche Anordnung in den sozialistischen Staaten des Ostens, auf private Initiative in den kapitalistischen Ländern des Westens. Der Wettkampf der Systeme förderte den Betrug. Dem sahen die Sportverbände anfangs teils hilflos, teils gleichgültig zu. Erst in den Achtzigerjahren nahmen sie mit den Trainingskontrollen ein erstes wirksames Gegenmittel in die Hand. Doch das Netz blieb durchlässig.

Der Fall Johnson führte das Problem 1988 der Weltöffentlichkeit vor Augen. Während das IOC ihn bei den Spielen in Seoul aus dem Verkehr zog, ließ es andere weiterlaufen. Auch Athleten aus jenem legendären 100-Meter-Finale wie Carl Lewis, die nicht weniger schuldig waren als Johnson. So blieb der Anschein, dass Doping nur die Verfehlung einzelner ist.

Ansonsten wurde eifrig weiter gedopt, auch nachdem der eiserne Vorhang zerrissen und der staatliche Dopingauftrag weggefallen war. Unterdessen kamen nicht mehr nur Anabolika und Aufputschmittel zum Einsatz. Das ausdauerfördernde Erythropoetin, kurz Epo, geriet im Radsport zur Grundversorgung. Der Festina-Skandal 1998 offenbarte das System hinter dem Betrug. Dass Ärzte, Trainer, Sportler, Funktionäre unter einer Decke stecken.

Angesichts solcher Skandale wollten die Sportverbände zum Gegenschlag ausholen. Dafür bekamen sie Unterstützung von Regierungen. Mehrere Länder hatten Gesetze gegen Sportbetrug eingerichtet. Mit staatlicher Unterstützung gründeten die Sportverbände 1999 auch ihre eigene Behörde zur Betrugsbekämpfung, die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Jahr für Jahr stockte die Wada ihr Arsenal auf und schrieb es in einem Code fest. Es entstand ein Kontrollsystem, das von Athleten beinahe rund um die Uhr Urin und Blut einfordern kann. Wer sich diesem Kontrollsystem nicht unterwirft, darf nicht starten. Auch die Umkehr der Beweislast muss der Athlet akzeptieren, also bei einem positiven Dopingtest selbst beweisen, dass die Substanz ohne Verschulden in seinen Körper gelangt ist.