Borussia Dortmund : Gerd Niebaum: Der Untergang durch die Hintertür

Vor 16 Jahren gewann Borussia Dortmund das letzte Mal die UEFA Champions League - und stand wenig später vor dem wirtschaftliche Ruin. Was macht eigentlich Gerd Niebaum, der damalige Präsident von Borussia Dortmund? Eine Spurensuche.

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Gerd Niebaum mit dem Champions-League-Pokal
Ein Stück BVB-Geschichte. Von 1986 an war Gerd Niebaum Präsident von Borussia Dortmund. Nach dem Champions-League-Sieg 1997...Foto: picture alliance / Augenklick/Ra

Der Blick geht zurück ins Jahr 1997, in die Nacht des 28. Mai, als Ottmar Hitzfeld in einem Münchener Hotel mit Pickelhaube, Zepter und Zigarre den Jubelreigen anführte. Mittendrin Gerd Niebaum, auch er erstrahlte im Glanz des Champions-League-Siegs gegen Juventus Turin. Der promovierte Jurist war auf dem Höhepunkt seiner Karriere, Borussia Dortmund hatte den Gipfel Europas erklommen – und der Präsident tanzte in der ersten Reihe.

16 Jahre später ist es wieder so weit: Der BVB greift im Londoner Wembley- Stadion am Sonnabend erneut nach den Sternen. Von Gerd Niebaum redet in Dortmund aber niemand mehr. Im Gegenteil: Alte Weggefährten und Gefolgsleute erklären heute, sie stünden für ein Gespräch über diesen Mann nicht zur Verfügung. Allein seinen Namen zu erwähnen, scheint Unglück über die Stadt zu bringen. Fast mutet es so an, als habe der 64-Jährige die Beulenpest oder leide an einer anderen ansteckenden Krankheit.

Die Zeiten, als Niebaum als selbsternannter Sonnenkönig von Dortmund firmierte und um den sich eine Entourage aus Claqueuren und Ja-Sagern scharte, sind längst Geschichte. Seitdem der ehemals so Erfolgreiche beispiellos abstürzte, ist er beim BVB mutiert zur Persona non grata.

Der Niedergang begann vor rund zehn Jahren, als immer offenkundiger wurde, dass Dortmunds Führungsduo Niebaum und Manager Michael Meier in Dortmund eine Misswirtschaft betrieben hatten, die den Börsenklub an den Rand des Ruins taumeln ließ.

Die Rettung übernahmen anschließend die Sanierer um den heutigen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und den neuen Präsidenten Reinhard Rauball, der Niebaum 1986 in ebenfalls schwierigen Zeiten ins Amt geholt hatte. Während beim Klub die Aufräumarbeiten und der unaufhaltsame Aufstieg zurück zu alter Blüte begannen, führte der Weg für Niebaum in die andere Richtung: immer weiter nach unten. Riskante Immobilienkäufe in den neuen Bundesländern fraßen das Vermögen des millionenschweren Geschäftsmannes auf. Als Folge wurde Niebaum vor gut einem Jahr seine Zulassung als Rechtsanwalt wegen Vermögensverfalls endgültig aberkannt. Bereits im Jahr 2006 hatte es laut „WAZ“ Zwangsvollstreckungen bei Niebaum gegeben.

Doch damit nicht genug: Am 18. April 2011 erhob die Staatsanwaltschaft Dortmund öffentliche Klage gegen Niebaum wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue. Unter anderem soll er aus einem Nachlass, den er zu verwalten hatte, mehr als 450.000 Euro als Darlehen gezogen haben. Wie Staatsanwalt Henner Kruse dem Tagesspiegel mitteilte, ist das Verfahren „nach wie vor anhängig. Noch ist nicht über die Eröffnung des Hauptverfahrens entschieden worden.“

Gerd Niebaum: Beruf genommen, mittellos und jegliche Reputation verloren - viel tiefer kann ein Fall nicht sein

Dieses Damoklesschwert schwebt also auch noch über dem früheren Macher. Viel tiefer kann ein Fall nicht sein: den Beruf genommen, mittellos und jegliche Reputation verloren. Letzteres dürfte am schwersten wiegen für einen Mann, der es liebte, vom Rampenlicht illuminiert zu werden. Damals, als Niebaum ganz oben war, den Ehrenring der Stadt Dortmund bekam und die Auszeichnung Bürger des Ruhrgebiets. Die CDU wollte den BVB- Präsidenten gar als Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters aufstellen. Niebaum inszenierte sich als omnipotenter Visionär, die Palette reichte von extremem Selbstbewusstsein bis zu gnadenloser Selbstüberschätzung. Umso höher wurde später die Fallhöhe, von der er später stürzte.

Von all dem Glanz ist nichts geblieben. Nicht die drei deutschen Meisterschaften, der Gewinn der Champions League und der Triumph im Weltpokal haben Niebaums Ägide überdauert, auch nicht der Ausbau des Westfalenstadions zu Deutschlands größter Fußballarena. „Dieser Mann hat doch ein Werk vorgelegt, das sich sehen lassen kann“, sagt Michael Meier, doch die Sicht darauf wird verstellt durch den gigantischen Schuldenberg, den Niebaum angehäuft hatte. Am Ende überdauerte im kollektiven Gedächtnis nur die bitteren Tränen auf der Jahreshauptversammlung. Und ein Abgang durch die Hintertür.

Die Zahl der Verbündeten ist zusammengeschmolzen wie Schnee im Hochsommer. Michael Meier gehört zu diesem kleinen Kreis, „nicht zu den Leuten, die sich einfach umdrehen und sagen, das war’s“. Ein weiterer Gefolgsmann ist Matthias Sammer, bei dessen Wechsel vom Deutschen Fußball-Bund in die Führungsetage des FC Bayern München Gerd Niebaum beratend zur Seite stand.

Sammer war es auch, der Niebaum im Dezember 2009 zum offiziellen Festakt der 100-Jahr-Feier der Borussia ins Dortmunder Rathaus begleitete, bei dem der heutige Verteidigungsminister Thomas de Maizière die Festrede hielt. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, dem Gefallenen die Hand zu reichen. Sie wurde vertan. Seitdem ist Niebaum nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Während Meier seine Ehrenkarte im Dortmunder Stadion regelmäßig nutzt, bleibt der Platz des früheren Präsidenten stets leer. Aber vielleicht bietet sich ja eine neue Gelegenheit, die Tür zu öffnen, wenn der BVB in London erneut den Henkelpott holt – und sich der Kreis damit schließt.

Gerd Niebaum selbst mag sich zu den Dingen derzeit nicht äußern. Schriftlich teilt er mit, er bitte um Verständnis dafür, „dass ich im Umfeld des Finales nicht für ein Gespräch zur Verfügung stehen möchte. Das Ereignis gehört ganz allein und zurecht den Fans des Vereins sowie den jetzigen Akteuren und Verantwortlichen, denen ich von Herzen den Erfolg wünsche.“

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