Boxerin Ina Menzer : Im Geschäft verloren

Ina Menzer galt als Regina Halmichs Nachfolgerin – doch nach der Pleite ihres Boxstalls kam es anders. Nun beendet sie die Karriere.

Bertram Job
Abschied mit Frust. Am Samstag bestreitet Menzer ihren letzten Profikampf.
Abschied mit Frust. Am Samstag bestreitet Menzer ihren letzten Profikampf.Foto: pa/dpa

Vor gut zwei Wochen hat Ina Menzer an die fleißigen Menschen in ihrem Hintergrund eine Rundmail geschickt. Von nun an möchte sie nicht mehr einbezogen werden, stand da sinngemäß, wenn es um Details zur Veranstaltung um ihren nächsten Boxkampf geht. Seither habe sie deutlich mehr Ruhe für die sportliche Vorbereitung, erzählt sie, auch wenn der Trick nicht zu 100 Prozent funktioniere: „Die Gedanken an alles Mögliche schwirren mir trotzdem durch den Kopf.“

Wen wollte das wundern: Der 32. Kampf in der Karriere der einst erfolgreichsten deutschen Frau im Profiboxen (30 Siege, eine Niederlage) soll gleichzeitig der letzte der Federgewichtlerin sein. Es gibt eine Abschiedsgala im Mönchengladbacher Hockeypark, die sie mit ihrem Team zum kommenden Samstag in eigener Regie aufzieht: Das sind zwei Fulltime-Jobs, trainieren und promoten. „Es ist schon enorm, was da auf einen zukommt“, sagt sie zwischen zwei Trainingseinheiten in einem Hamburger Gym, „aber das konnte ich in etwa ahnen. Und so schlimm, dass ich gar nicht mehr wusste, wo oben und unten ist, war es bisher auch nicht. Ich habe ein gutes Team um mich herum. Jeder weiß, wofür er zuständig ist.“

Ihre Gefühlswelt ist in diesen Tagen etwas durcheinander. Seit 2004 stieg die inzwischen 32 Jahre alte Boxerin für den nun abgewickelten Universum-Boxstall durch die Seile. Es ist ja erleichternd, nach den letzten Jahren permanenter Unsicherheit aus eigener Kraft einen Schlussstrich zu ziehen. Und eventuell auch lukrativ, ein Finale als Open-Air-Abend aufzuziehen, zu dem sich viele Weggefährten angemeldet haben – sowie der Sportkanal Eurosport, der Menzers Duell mit der in Litauen geborenen Dortmunderin Goda Dalydaite ab 21 Uhr live überträgt.

Eine gewisse Bitterkeit ist trotzdem im Spiel. In einer perfekten Welt hätte sich ein großer Promoter wie Klaus-Peter Kohl, einst Chef von Universum, um einen würdigen Abgang der populärsten Boxerin im Land gekümmert. Und der wäre wie früher so oft vom ZDF in Szene gesetzt worden. Das war die kommode Basis für den Aufstieg, den die Gladbacherin mit kasachischen Wurzeln bis 2010 als Weltmeisterin im Federgewicht (17 Titelkämpfe) nehmen konnte. Aber diese Basis ist ihr nach dem Ende der TV-Kooperation, in den Wirren einer gescheiterten Geschäftsübergabe von Universum, unter den Füßen weggezogen worden.

Ina Menzer hat von Familienplanung gesprochen, als sie zum Mai ihre Abschiedsgala einzuläuten begann. Eine Frau Anfang 30, die nach beruflichen Erfolgen allmählich an Nachwuchs denkt: Das musste doch jeder verstehen. Dahinter verbarg sich aber wohl die viel skeptischere Überzeugung, dass sich dieser Sport für sie nicht mehr lohnt. „Es gibt zwar noch ein paar Promoter, die auf Frauenboxen setzen“, sagt sie, „aber ohne einen starken Fernsehpartner funktioniert das alles nicht.“

Die Rolle zu übernehmen, die Regina Halmich zuvor so lange innehatte: Diese Aufgabe fiel Ina Menzer kraft ihrer Boxkunst und Ausstrahlung schnell zu. Bis heute gilt ihr erster Kampf mit der Niederländerin Esther Schouten, den sie 2009 nur knapp gewann, als einer der besten ihres dünn besetzten Sports. In der wirtschaftlichen Krise ihrer Arbeitgeber ließ sie sich dann hinhalten, statt dem Angebot eines konkurrierenden Promoters zu folgen – während sich männliche Kollegen wie Gennadi Golovkin trotz bestehender Verträge einfach absetzten. Das war sehr loyal, „aber in der heutigen Zeit wird das nicht wirklich geschätzt“, sagt sie. So sind Ina Menzer beim Warten und Hoffen „einige meiner besten Jahre im Sport“ verleidet worden, die auch durch die schönste Schlussvorstellung nicht völlig zu kompensieren sind. Sie wollte ein deutsch-deutsches Duell in ihrer Heimatstadt, „da kommen von beiden Seiten Fans zur Veranstaltung“, wie sie schätzt. Außerdem sei die um drei Jahre jüngere Gegnerin Goda Dalydaite nicht umsonst Interims-Weltmeisterin. „Ich werde mich anstrengen müssen.“

Ganz umsonst waren die Mühen wohl trotzdem nicht. Heute sind Frauen in den Amateurbox-Vereinen keine Exoten mehr, und in Rio werden sie 2016 im olympischen Programm kämpfen. Ein paar Möglichkeiten gibt es also doch für die Nachrückenden – und damit zumindest etwas Anlass für die boxende Promoterin, sich mit ihrer Lebensabschnittsleistung auszusöhnen.

„Die Arbeit hat sich am Ende schon gelohnt“, sagt Ina Menzer. „Doch ich glaube, da ist noch Luft nach oben. Danach sollte man streben.“

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