Das Comeback des 12. Manns : ROOOOOAAAAAAAAAAAR!!!

Iren, Isländer, Nordiren, Waliser und Ungarn haben ihre Teams ins Achtelfinale getragen. Die Fankurven verliehen den nominell chancenlosen Mannschaften wieder übermenschliche Fähigkeiten.

Benjamin Kuhlhoff
Island? Nee, is’ laut.
Island? Nee, is’ laut.Foto: REUTERS

Wenn es dem irischen Raubein Roy Keane die Tränen in die Augen treibt, dann muss etwas Großes geschehen sein. So wie am Dienstagabend im Stade Pierre Mauroy zu Lille, kurz nachdem Robbie Brady im letzten Gruppenspiel gegen Italien den Ball per Kopf über die Linie gedrückt hatte. Irland rückte damit ins Achtelfinale vor, ein sporthistorischer Moment für die „Boys in Green“, den auch Italiens Torhüterlegende Gigi Buffon erkannte und ebenjenen Keane in die Arme schloss. Und just in dem Moment brachen auch beim sonst so hartleibigen Co-Trainer alle Dämme.

Auf den Rängen mischten sich derweil die Tränen des Glücks mit Bier und Schweiß, überall sah man feuchte Augen und offene Münder. Auch die Fans der irischen Mannschaft haben das Unglaubliche geschafft, auch sie stehen im Achtelfinale, innerhalb von 14 Tagen haben sie die Herzen erobert. Mit Witz, Charme, mit unbändiger Unterstützung für ihre Helden unten auf dem Rasen.

Und damit sind sie nicht allein: Isländer, Nordiren, Waliser, Ungarn, sie alle haben ihre einmalige Chance, bei einem großen Turnier dabei zu sein, in den Sommer ihres Lebens verwandelt. Man kann getrost von einem Comeback des 12. Manns sprechen. Von einer Rückkehr jenes Mythos’, der besagt, dass die Fans auf den Rängen die Profis auf dem Rasen zum Sieg brüllen können – und eben nicht nur, wie schon zu befürchten stand, als Kunden deklariert werden und zum Konsum diverser Fanartikel eingeplant sind.

In der Champions League sieht man solche Emotionen höchst selten

In den Reihen der Kleinen herrscht ganz offenbar eine extrem kraftvolle Mischung aus Anarchie und Euphorie, die sich zum aus der Kurve dröhnenden „Roar“ auftürmt und nominell chancenlosen Mannschaften übermenschliche Fähigkeiten verleiht. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet die Mannschaften, die von den vermeintlich großen Nationen als Ballast angesehen werden, diesem Turnier Farbe verleihen, während die Titelfavoriten allzu oft graumäusig danebenstehen und sich und uns langweilen.

Natürlich gibt es Grantler: Der Modus sei einer Europameisterschaft nicht würdig, sagen sie, weil ja ohnehin fast jeder weiterkomme. Nicht nur in Österreich und der Türkei weiß man es besser. Und die Kritiker übersehen auch die Schönheit der Chance, die die Außenseiter dieser EM mit ihrer urwüchsigen Kraft für sich genutzt haben. In der Champions League, dieser zuweilen aseptischen Laborwelt mit ihren kalkulierbaren Resultaten, sieht man solche emotionalen Vulkanausbrüche jedenfalls höchst selten.

Und so freuen die meisten sich, dass in Zeiten der taktischen Neutralisierung und der von den Verbänden totgeplanten Turniere wenigstens die Fans ihre Kraft wiederentdeckt haben. Dass sie den Funken von der Tribüne und von den Straßen wieder auf den Rasen überspringen lassen können. Oder sogar Berufsgrummler wie Roy Keane zum Weinen bringen. Geschichte wird gemacht.

Folgen Sie der Sportredaktion auf Twitter:

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben