Das Ende der spanischen Ära : Eine Mannschaft ist Geschichte

Nach dem frühen Ausscheiden bei der EM rätselt Spanien über die Zukunft von Trainer Del Bosque.

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Das war's? Die Erfolgsjahre des spanischen Trainer Del Bosque sind wohl vorbei.
Das war's? Die Erfolgsjahre des spanischen Trainer Del Bosque sind wohl vorbei.Foto: AFP/Marcou

Spanien war gerade aus dieser Europameisterschaft ausgeschieden, gedemütigt von in allen Belangen überlegenen Italienern, da sprach Gerard Piqué einen Satz in die Mikrophone, wie er treffender nicht hätte sein können, um das gerade Geschehene zu analysieren. „Wir haben einfach nicht mehr das Niveau wie zu der Zeit, als wir Welt- und Europameister wurden.“ Wer das Spiel der Spanier gegen Italien sah, konnte dem Verteidiger des FC Barcelona kaum widersprechen. Nach einer der schwächsten Leistungen der jüngeren Turniergeschichte war man mit dem 0:2 noch gut bedient. Was so verheißungsvoll begonnen hatte mit Siegen gegen Tschechien und die Türkei, endete schamvoll. 1:2 gegen Kroatien, 0:2 gegen Italien. Aus im Achtelfinale.

"Wir sind Geschichte"

„Wir sind Geschichte“ titelte die größte Sportzeitung des Landes, „Marca“, einen Tag später auf ihrer Online-Seite und zeigte zur Erinnerung noch mal Jubelbilder von den Europameisterschaften 2008 und 2012 und der Weltmeisterschaft 2010. So als würde sich kaum noch jemand daran erinnern können, dass es mal anders war als in dieser tristeza nach dem Aus in Paris. Vermutlich wird es wirklich einige Zeit dauern, bis wieder ähnliche Motive zur Verfügung stehen. Spanien war während dieser Turnierwochen wieder La Furia Roja, dieses ungebändigte, wilde Wesen, das sich selbst im Weg steht. Zu viele Nebenschauplätze erzeugten Unruhe. Da waren die Anschuldigungen gegen Torwart David de Gea, der bei der Vermittlung von Prostituierten eine unrühmliche Rolle gespielt haben soll. Ersatzspieler Pedro motzte über sein Reservistendasein und als sich Gerard Piqué während der Hymne mit Fingerübungen beschäftige, wurden ihm unterstellt, er zeige dem Nationalstaat den ausgestreckten Mittelfinger. Skandale und Skandälchen, die von Trainer Vicente Del Bosque gewohnt gelassen heruntermoderiert wurden.

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Was in den Erfolgsjahren als Del Bosques große Stärke dargestellt wurde, das Unaufgeregte, wurde ihm jetzt als zu laxe Mannschaftsführung ausgelegt. Del Bosque ließ seine Zukunft offen. „Ich muss das jetzt mit dem Präsidenten besprechen“, sagte er nur. Der, namentlich Ángel María Villar, will den Trainer weiter im Amt halten, del Bosque wohl lieber aufhören. Bei einer Onlineumfrage der „Marca“, wer denn Spanien in Zukunft trainieren soll, landete del Bosque bei einer Auswahl von zehn Trainern nur auf Platz sieben. Mit großem Abstand sprachen sich die Leser für den ehemaligen Nationalspieler Paco Jemez aus, der gerade mit Rayo Vallecano aus der Primera Division abgestiegen ist. Der Verband favorisiert angeblich Marcelino García vom FC Villarreal. Del Bosque will sich zeitnah erklären, ob er weitermacht oder nicht.

Keine Veränderung in der Zukunft

An Spaniens Mannschaft wird sich in Zukunft wenig verändern. Fast alle, die in Paris an Italien scheiterten, werden mit Spanien in die Qualifikation für die WM in Russland starten. Dort bietet sich die baldige Möglichkeite zur Wiedergutmachung. Schon am 6. Oktober geht es gegen: Italien. Einzig Iker Casillas dürfte dann nicht mehr dabei sein. Sein Rücktritt wird erwartet. Leistungsträger wie Sergio Ramos, Gerard Piqué oder Sergio Busquets sind erst Ende zwanzig beziehungsweise im Fall von Ramos 30 Jahre alt. Der Umbruch, der nach der WM 2014 eingeleitet wurde, wird weiter langsam erfolgen, sollte Del Bosque im Amt bleiben. Ein neuer Trainer könnte den vor zwei Jahren eingeleiteten Prozess schneller angehen. Spanien verfügt weiterhin über viele Fußballer mit herausragenden Fähigkeiten. Was fehlt, das wurde auch in Frankreich deutlich, sind nicht etwa ein anderes Spielsystem oder mehr Flexibilität. Es sind Fußballer wie Xavi und Xabi Alonso. Absolute Weltklasse also. Spieler, wie sie auch in Spanien nur einmal in 50 Jahren vorkommen.

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