Das IOC ringt sich raus : Kernsportart Geldverdienen

Für das Internationale Olympische Komitee zählt das Schneller, Höher, Mehr. Eine Sportart wie das Ringen ist da einfach zu teuer.

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Es war einmal ... eine olympische Sternstunde! 1972 bei den Spielen von München, als Wilfried Dietrich (unten) den amerikanischen Koloss Chris Taylor schulterte. Foto: dpa
Es war einmal ... eine olympische Sternstunde! 1972 bei den Spielen von München, als Wilfried Dietrich (unten) den amerikanischen...Foto: dpa

Der interessanteste Gesprächspartner zum aktuellen Olympia-Fall steht leider nicht mehr zur Verfügung. Avery Brundage hätte sicher seine Meinung gehabt zur Empfehlung der IOC-Exekutive, Ringen aus dem Olympia-Programm zu streichen. Der US-Amerikaner beharrte als IOC-Präsident darauf, nur Amateure zu den Wettkämpfen zuzulassen. 38 Jahre nach seinem Tod ist das Internationale Olympische Komitee selbst eines der professionellsten Unternehmen der Welt geworden, seine Kerndisziplin ist das Geldverdienen. Mit Einnahmen von mehr als acht Milliarden Dollar rechnet das IOC für den Abrechnungszeitraum 2009 bis 2012.

Mit dem drohenden Olympia-Aus für Ringen hat das IOC einen Teil seiner Wurzeln herausgeschnitten. Der schweißtreibende Zweikampf ist eine Brücke zu den Spielen der Antike, doch Tradition allein reicht nicht mehr. „Eine olympische Sportart muss Tradition und Fortschritt verbinden“, erklärte IOC-Vize Thomas Bach.

In Wahrheit geht es bei der bemängelten fehlenden Weiterentwicklung vor allem um das ausbleibende wirtschaftliche Wachstum. Als einer der Gründe für die Abkehr vom Ringen wurde seine zu große finanzielle Abhängigkeit vom IOC benannt. Ringen erwirtschaftet keine Gewinne, sondern kostet. „Wenn eine Sportart eine schwache Lobby hat und sich dann auch noch schlecht vermarkten kann, hat sie es schwer“, sagt Frank Daumann, Professor für Sportökonomie an der Universität Jena. Für Sentimentalitäten ist jedenfalls kein Platz im Geschäftsmodell des IOC.

In der Schweiz als gemeinnütziger Verein eingetragen, ist es längst eines der größten privatwirtschaftlich finanzierten Unternehmen der Welt. So sehen es die Experten von „Brand Finance“. Sie bewerteten die Marke Olympia, die einst von Baron de Coubertin als Amateursportveranstaltung wiederbelebt wurde, 2012 als zweitwertvollstes Unternehmen der Welt, hinter Apple, aber noch vor Google. Der immense Wert von 47,5 Milliarden US-Dollar, den die Marke Olympia haben soll, speist sich dabei eigentlich nur aus zwei Komponenten: aus dem Verkauf der Übertragungsrechte und dem Anwerben von Sponsoren. „Ohne die Sponsoren wären die Spiele ganz einfach nicht möglich“, sagt IOC-Präsident Jacques Rogge.

Um die Geldgeber bei Laune zu halten, hat Rogge die Politik der ständigen Erneuerung eingeführt. Auf alle relevanten Punkte der Spiele können die Geldgeber Einfluss nehmen, ob Wettkampfzeiten, Austragungsort oder Auswahl der Sportarten. Ein Meilenstein in dieser Entwicklung waren die Spiele von Atlanta 1996, die Coca-Cola, der älteste und wichtigste IOC-Sponsor, zum Dank an den Firmensitz geliefert bekam. Der Brausehersteller ist die Nummer eins des Topsponsorenprogramms („The Olympic Partner“). Es wurde 1985 von Juan Antonio Samaranch eingeführt. Das Kommando haben die USA, hier haben sechs der zehn Topsponsoren ihren Hauptsitz.

Der größte Olympia-Financier aber ist kein klassischer Sponsor, sondern der US-Fernsehsender NBC. Während die Fernsehlizenzen für die Spiele in Rom 1960 gerade 1,2 Millionen US-Dollar einbrachten, legte NBC für die Spiele in London 1,2 Milliarden hin. Der Rest der Welt zahlt zusammen gerade einmal die gleiche Summe für die Übertragungsrechte.

Wer so viel Geld überweist, hat Einfluss. Coca-Cola dürfte sich über die Verlängerung der Spiele von Atlanta 1996 von 16 auf 17 Tage gefreut haben. Ein Tag mehr, um für koffeinhaltige Brause werben zu können. Ebenfalls als Geschenk kann die Berufung des Beachvolleyballs ins Programm für 1996 gesehen werden. Der Olympia-Sender NBC nämlich besaß für Beachvolleyball die kompletten Nordamerika-Übertragungsrechte.

Das Fernsehen ist der Gralshüter der olympischen Idee – getreu der Regel 49 der Olympischen Charta: „Das IOC unternimmt alle notwendigen Maßnahmen, um für die Olympischen Spiele die größtmögliche Berichterstattung durch verschiedene Medien und das größtmögliche Publikum in der Welt zu erreichen.“ Die Einschaltquoten werden in jedem wirtschaftlich relevanten Land untersucht, so weiß das IOC auch längst, dass der Stabhochsprungwettbewerb mit Björn Otto und Raphael Holzdeppe in Deutschland die höchsten Zuschauerzahlen hatte. Europa ist aber nur der zweitwichtigste Markt, der zudem langsam Konkurrenz von Asien bekommt.

Der drohende Ausschluss des Ringens ist ein Warnschuss für andere Sportverbände, in Sachen Vermarktungsaktivitäten nicht stehen zu bleiben. Denn eine gigantische Veranstaltung, die sieben Jahre Vorlauf braucht, muss sich refinanzieren lassen. Deshalb erstellt das IOC regelmäßig Bewertungen seiner Produkte. Nach 39 Kriterien werden die Sportarten beurteilt, unterteilt in acht Themenfelder. Die Tradition ist dabei ein eher kleines. Am meisten Beachtung findet die Rubrik „Popularität“, die etwa die „attraktive Darstellung“ der Sportart vor allem für das jüngere Publikum und die Berichterstattung untersucht – explizit auch Youtube-Videos und Twitter-Follower. Der letzte Punkt des „Popularitäts“-Feldes fragt nach großen Geldgebern der Sportart.

In Sachen Popularität hat das Ringen vor allem begeisterte Schwellenländer zu bieten, kann aber weder gute Einschaltquoten noch hohe Sponsorenverträge zum Höher, Schneller, Mehr beisteuern. Nun zahlt es wohl den Preis des Stillstands.