Sport : Das Jahr 1933 findet nicht statt

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Erik Eggers über Gedächtnislücken im deutschen Sportjournalismus

Kürzlich hat sich der deutsche Sportjournalismus gefeiert. Der Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) versammelte, da er 75 Jahre alt geworden war, in Berlin die Prominenz. Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutschen Sportbundes, war ebenso da wie Gerhard Mayer-Vorfelder, der Chef des Deutschen Fußball-Bundes. Sogar Franz Beckenbauer und Rudi Völler ließen sich blicken. Nun wurde auch eine Festschrift verfasst über den Verband, in dessen Kodex es heißt: „Zu den Grundlagen der Arbeit gehört sorgfältige Recherche." Doch Recherche fand ausgerechnet für die Nazi-Zeit nicht statt.

So ist vor allem die „Chronik“ des Jubelbuches zur Farce geraten. Exakt zwei der rund 190 Einträge erwähnen aus Sportjournalistensicht die zwölf Jahre des „Tausendjährigen Reiches". Einer notiert das Datum eines Kongresses in Berlin 1936. Dem anderen Eintrag nach habe der „Reichsausschuss der Sport-Schriftleiter“ 1934 die Funktionen des VDS übernommen. Im Rahmen der „Gleichschaltung“ durch die Nazis seien viele Verbände aufgelöst worden, „so auch die Berufsorganisationen der Sportjournalisten, als ,mögliche Keimzellen des Widerstands’".

Die Besten mussten emigrieren

1933, das Jahr in dem Hitler an die Macht kam, findet in der Chronik nicht statt. Dabei sind damals die besten Sportschreiber entlassen worden, nur weil sie jüdischer Konfession waren. Davon schreibt der VDS nichts. Immerhin werden die 1920 erfolgte Gründung des „Kicker“ und dessen Erfinder Walter Bensemann erwähnt. „Mit dem Handwagen fährt er in der Inflationszeit in die Schweiz“, so der rührselige Absatz im VDS-Buch, „weil er dort eher Käufer findet." Dass der jüdische Pionier der deutschen Sportpublizistik 1933 wieder in die Schweiz fährt, diesmal nicht als Verkäufer, sondern als Emigrant, wird verschwiegen. Auch kein Wort davon, dass Bensemann von seinem 33-prozentigen Anteil am „Kicker“ nie etwas sah.

Auch der brillanteste Sportautor jener Epoche ging nach London. Der österreichische Jude Willy Meisl, der seit 1925 den legendären Sportteil bei der intellektuellen „Vossischen Zeitung“ aufgebaut hatte, zündete nur noch bis Ende 1933 seine feuilletonistischen Feuerwerke in der „Tante Voß". Auch ihn, über den sogar der „Sportführer“ und Multifunktionär Carl Diem in den Fünfzigerjahren schrieb, er habe den Sportjournalismus revolutioniert, teilt die Festschrift nichts mit. Friedebert Becker, der erste Herausgeber des „Kicker“ nach dem Zweiten Weltkrieg (ihn nennt die Festschrift einige Male), verehrte seinen Lehrmeister bei Ullstein ebenfalls sehr; in einem Beitrag zu den Siebzigerjahren schwärmt er von Meisls Souveränität und Stil. Wie gesagt, in den 70er Jahren, lange nach der Nazi-Epoche. 1941 hatte der gleiche Becker ein Büchlein über das „Wiener Wunderteam“ verfasst, das 1931/32 unter Trainer Hugo Meisl, dem berühmten Bruder Willys, zu Weltruhm gekommen war – und brachte es tatsächlich fertig, den n des Juden Meisl nicht einmal zu nennen.

„Geschmeidigkeit seiner Rasse“

Bereits 1928 hatte Ernst Werner, Chef der Berliner „Fußball-Woche“, jenen Hugo Meisl nach einem Kongress des Fußballweltverbandes Fifa wie folgt charakterisiert: „Im Plenum ist Hugo Meisl, der Wiener Jude, mit der Geschmeidigkeit seiner Rasse und ihrem zersetzenden Sinn einer der größten Kartenmischer. Er und der deutsche Fußballführer Felix Linnemann – zu Hause ein geschätzter Kriminalist – sind die stärksten Gegensätze, die man sich denken kann. Der eine ein Vertreter des krassen Geschäftemachens mit Fußball, der andere ein Apostel des Amateurismus.“ Trotzdem werden Werners Verdienste um den Sportjournalismus in der aktuellen Festschrift gewürdigt. Das Zitat von 1928 fehlt natürlich, beschrieben wird dafür Werners schlimmer Zustand in der Nachkriegszeit. „Der Zwei-Zentner-Mann Werner, der 1947 mit 110 Pfund Körpergewicht aus russischer Gefangenschaft zurückkehrt, ist bis 1944 Chefredakteur der Fußballwoche“, so trägt es die VDS-Chronik für den 21. März 1957 vor. An diesem Tag nämlich wurde Werner für fünf Jahre zum Präsidenten des VDS gewählt.

Führten Biografien wie die von Werner zur partiellen Geschichtsamnesie beim VDS? Bereitete es zu viel Mühe, über seltsame Kontinuitäten im Nachkriegsjournalismus nachzudenken? Es wäre keine große Rechercheleistung gewesen, weitere derartige Karrieren im NS-Sportjournalismus auszumachen (etwa Heinz Cavalier und Guido von Mengden). Allein ein Blick genügte, um vielen deutschen Sportjournalisten einen Hang zu Opportunismus und Mitläufermentalität nachzuweisen – vom deutschen Sportjournalismus als „möglicher Keimzelle des Widerstands“ im Nationalsozialismus zu sprechen, ist indes nicht nur hanebüchen, sondern auch respektlos gegenüber den zahlreichen jüdischen Opfern der Zunft. Einseitigkeit, Einäugigkeit, Einfältigkeit – dieses unschmeichelhafte Triptychon beschreibt den Charakter dieses Jubiläumsbuches. Dabei haben nicht zuletzt Sportjournalisten in den vergangenen Jahren vom Deutschen Fußball-Bund – zu Recht – gefordert, endlich seine Rolle im Nationalsozialismus zu beleuchten. Ihr Verband gibt dafür kein gutes Beispiel ab.

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