Sport : Das Rennen der Pharmaexperten

In Bad Birnbach ermitteln Ärzte und Apotheker ihre Deutschen Radsportmeister – ungedopt, sagen sie

Michael Neudecker[Bad Birnbach]

Neulich war in irgendeiner Zeitung ein Bild von der Tour de France abgedruckt, darunter stand: „Deutsche Meisterschaft der Ärzte und Apotheker.“ Das war als Witz gemeint.

Und jetzt sind an die hundert Ärzte und Apotheker aus Paderborn, Baden-Baden und Plattling hier in Bad Birnbach, nachmittags ist das Zeitfahren, sonntags das Straßenrennen. Es ist ihr Rennen: Die 28. Deutsche Rad-Meisterschaft der Ärzte und Apotheker. Es ist ernst gemeint, und es riecht sogar ein bisschen nach Tour de France.

Bad Birnbach liegt im niederbayerischen Rottal, das ist die Gegend, die mit zwölf Golfplätzen in einem Umkreis von 25 Kilometern die größte Golfplatzdichte Deutschlands aufweist. Der Bürgermeister, der Erwin Brummer heißt, sagt, dass er sich sehr freut, überhaupt freuen sich alle Bad Birnbacher, dass sie hier sind, die Ärzte, die Apotheker und die Presse. „Der beschauliche Kurort entwickelt sich immer mehr zum Mekka des Radsports“, steht in einer Pressemitteilung. Der Heimatsender „Unser Radio Deggendorf“ ist extra mit einem großen Anhänger angereist.

Der Mann, dem sie das alles zu verdanken haben, hat kurzgeschorenes schwarzes Haar, eine athletische Figur und eine Brille: Achim Spechter, Dr. Spechter, 39, Teamarzt von Gerolsteiner, davor von Bianchi, jahrelang bei jeder Tour dabei, inzwischen nur noch gelegentlich. Achim Spechter war früher mal selbst Radprofi, und 1997 ist er in Belgien Ärzteweltmeister geworden. Ungedopt, sagt er, und lächelt. Sagen sie das nicht alle?

Es ist gar nicht so einfach, mit Achim Spechter zu reden, der Mann ist viel beschäftigt, fünf Minuten hätte er, sagt er, höchstens zehn. Eine halbe Stunde? Unmöglich. Weil die Ärzte und Apotheker erst in zweiter Linie Radfahrer sind, hat Spechter auch gleich noch etwas Sinnvolles dazuorganisiert: Eine Fortbildung, nein, ein „Radsportsymposium“, so steht es im Programm.

Es geht um Hochdrucktherapie und Herzinsuffizienz, geschlagene fünf Stunden lang. Draußen, im sonnigen Innenhof, sitzen ein paar Frauen, Arztfrauen vermutlich, und trinken Kaffee oder lesen „Petra“. Am Eingang stehen Verpflegungstische, es gibt Orangensaft und Obst mit Quark.

Um Viertel vor eins ergreift Achim Spechter das Wort. Sein Vortrag heißt „Inside Profi-Radsport als Teamarzt: Alles Doping oder was?“ Gleich am Anfang sagt er: „Man kann eine Tour de France auch ohne Doping fahren, ob man sie aber gewinnt, sei dahingestellt.“ Dann erscheinen auf der großen Leinwand ein paar Diagramme und Bilder, die „Todesliste des Profi-Radsports“ mit Zanette, Salanson, Jimenez und Pantani, ein paar Zeitungsartikel und Zitate. Am Schluss ein Foto von Kindern, darüber steht: „Unsere Jugend braucht Vorbilder.“ Und dann hat er doch noch ein paar Minuten Zeit.

Er wirkt sympathisch, und es wirkt ehrlich, wenn er mit leichtem Passauer Dialekt sagt, dass er erschüttert gewesen sei, dass Kollegen wie die Freiburger Ärzte derart vorsätzlich gedopt hätten („Das waren Freunde“). Er sagt, er habe nie etwas verschrieben, und man glaubt ihm das, aber man hat ja auch Erik Zabel, Rolf Aldag und den anderen Radprofis einmal geglaubt.

Okay, sagt Spechter, Entschuldigung, er muss jetzt los, etwas essen, das Zeitfahren beginnt bald.

Die Frage, die am meisten interessiert, hat zuvor schon Hans-Peter Vranken beantwortet, Internist aus Krefeld und Vizepräsident der Radsportvereinigung Deutscher Ärzte und Apotheker: Gibt es hier Kontrollen? „Nein“, sagt Vranken, „zu teuer.“

Den Bad Birnbachern ist das ganze Gerede über Doping sowieso egal, sie wollen gute Gastgeber sein, mehr nicht. Sie haben Biertische aufgestellt, eine Blasmusikkapelle spielt, und um Viertel nach vier findet die Modeschau von „Gertis Zweiradshop“ statt. Zwei Jungs, zwei Mädchen, ein Kind und eine Frau tappen ohne erkennbare Ambitionen auf „Germany’s Next Topmodel“ über den Laufsteg, der Sprecher sagt: „Babsi trägt ein funktionelles Kurzarmshirt.“ Kurz vor dem Start fängt die Kapelle statt zu spielen, zu singen an.

Es dauert zwei Stunden, bis alle gefahren sind, die Strecke ist 15,3 Kilometer lang, „da geht’s sauber bergauf“, sagt ein Kampfrichter, „die Strecke ist sehr flach“, sagt der Sprecher, die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Achim Spechter fährt sich auf Rollen warm, am Ende wird er Sechster. Hans-Peter Vranken, der Titelverteidiger, wird erneut Deutscher Meister der B-Klasse.

Er war fast eine halbe Minute schneller als der Zweite.

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