DDR-Rodlerin Ute Gähler : Flucht unter der Decke

Vor 50 Jahren setzte sich die DDR-Rodlerin Ute Gähler bei den Olympischen Spielen von Innsbruck in die Bundesrepublik ab. Das Klima zwischen den deutschen Mannschaften erreichte einen neuen Tiefpunkt.

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Im Ziel. Bei den Spielen 1968 rodelte Ute Gähler für die Bundesrepublik.
Im Ziel. Bei den Spielen 1968 rodelte Ute Gähler für die Bundesrepublik.Foto: promo

Bemerkenswert sei sie. Ungewöhnlich mutig. „Sie kennt einfach keine Angst, korrigiert in den brenzligsten Situationen ihren Schlitten.“ Diese Charakterisierung konnte man 1964 in einem Informationsheft des Nationalen Olympischen Komitees der DDR über die ostdeutsche Olympiateilnehmerin, Rennrodlerin Ute Gähler, nachlesen. Diese Furchtlosigkeit ist es auch, die ihr bei einem besonderen Wagnis hilft: bei der Flucht in den Westen.

Schauplatz sind die Olympischen Winterspiele von Innsbruck 1964. Die Spiele sind am 10. Februar 1964 eigentlich schon Geschichte. Die gesamtdeutsche Olympia-Mannschaft hat bei den Rennrodelwettbewerben abgeräumt. Zweimal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze lautet die Bilanz. Vor allem die ostdeutschen Schlittensportler haben geglänzt. Ortrun Enderlein und Thomas Köhler wurden Olympiasieger, Ilse Geisler und Klaus-Michael Bonsack gewannen Silber. Leider ist die Vierte der WM 1963, eben jene mutige Rodlerin Ute Gähler bei den olympischen Wettkämpfen zum Zuschauen verdammt. Aus sportpolitischen Gründen ist ihr bei den Verhandlungen um das Startrecht im gesamtdeutschen Team eine Athletin aus der Bundesrepublik vorgezogen worden. Da sich der sportliche Traum also nicht erfüllen lässt, nutzt die junge Frau spontan den Augenblick, um sich einen anderen, wenn auch nur heimlich gehegten Wunsch zu erfüllen.

Während ihre Mannschaftskameradinnen Enderlein und Geisler auf dem abschließenden Empfang des Internationalen Olympischen Komitees weilen, ergreift Gähler die günstige Gelegenheit, packt ihre Koffer und verschwindet. Schon lange fühlt sie sich unwohl im politisch rigiden Sportsystem der DDR.

Immer wieder war sie mit dem Misstrauen der Sportfunktionäre konfrontiert, da sie Verwandtschaft im Westen hat. Letzter Auslöser war dann ein „Tribunal“ der Funktionäre in Innsbruck, weil sie angeblich Post von ihrem Vater aus Nürnberg erhalten hatte. Tatsächlich war es ein Brief eines entfernten Verwandten. „Diese Bespitzelung – das kann ein Mensch nicht aushalten“, schildert die heute unter dem Nachnamen ihres Mannes verheiratete Ute Scheiffele rückblickend ihren Gemütszustand.

Die DDR-Sportführung hatte zuvor ihre Athleten bewusst desinformiert und behauptet, dass Österreich Flüchtlinge umgehend an die DDR ausliefere. Aus diesem Grund wagt es Gähler nicht, bei offiziellen Stellen in Österreich um Hilfe nachzusuchen. Stattdessen versteckt sie sich im VW-Käfer eines westdeutschen Mannschaftskameraden aus Schliersee, der sie unter einer Decke verborgen über die Grenze nach Rottach-Egern schmuggelt. „Ich hatte natürlich große Angst. Aber mein Fahrer war selbst beim Bundesgrenzschutz und kannte die Grenzposten. Ohne Kontrolle kamen wir durch.“

Als der Fluchthelfer ins olympische Lager zurückkehrt, hat man Gählers Verschwinden bereits bemerkt: Ihrer Zimmerkameradin ist das Fehlen der Zahnbürste aufgefallen, die Gähler treuherzig mitgenommen hatte. DTSB-Präsident Manfred Ewald tobt, als die Nachricht von der Flucht bekannt wird. In einer eigens anberaumten Versammlung wirft er den Betreuern und Trainern mangelnde Wachsamkeit vor.

In ihrer neuen Heimat in Süddeutschland fiel es Gähler nicht leicht, die Erinnerung an die Flucht abzuschütteln. Aufdringliche Reporter, die sie an ihrem neuen Arbeitsplatz aufsuchten, waren ihr ein Gräuel. Für den westdeutschen Boulevard waren Sportlerfluchten aus der DDR mitten im Kalten Krieg stets ein Fest: „Zonenrodlerin blieb im Westen“, tönte die „Bild“. Gestört fühlte Gähler sich auch durch den Verfassungsschutz, der sie zwei Jahre lang unter Beobachtung hielt. Wollte man sie vor der Stasi schützen, oder hielt man sie selbst für eine Spionin aus dem Osten?

Ihr Schicksal erweckte auch in ihrem Umfeld Neugier: „Viele haben mich gefragt, hast du es bereut, dass du in der Bundesrepublik geblieben bist?“, sagt sie heute. Der Preis für ihre Familie war zweifellos hoch: Ihre Mutter litt aufgrund des „Verrats“ ihrer Tochter unter der sozialen Isolation in der Heimatstadt, ihren Vater sah Ute Gähler erst auf dessen Sterbebett wieder.

1968 war die Athletin allerdings wieder bei den Olympischen Winterspielen dabei – in Grenoble startete sie für das bundesdeutsche Team, für das sie einen achten Platz erreichte. Das Klima zwischen den erstmalig getrennt antretenden deutschen Mannschaften befand sich mittlerweile auf dem absoluten Gefrierpunkt. Denn kurz vor Beginn der Spiele war Ralph Pöhland, die große Hoffnung der Nordischen Kombinierer, aus einem Trainingslager in der Schweiz in den Westen geflüchtet. Versteckt im Porsche des bundesdeutschen Weltmeisters Georg Thoma.

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