Sport : Der Bedienungsfehler

Hertha will sein System nicht ändern, es müsse nur richtig gespielt werden

Michael Rosentritt

Berlin - Dieter Hoeneß hat noch nicht persönlich nachgemessen, wie breit das neue Fußballfeld im Berliner Olympiastadion ist. Er denkt, dass die Breite zwischen 65 und 70 Meter liegen wird. Das alte Spielfeld vor der Sanierung soll 68 Meter gemessen haben, aber so genau müsse man es nicht nehmen. Was der Manager aber ganz genau nimmt, ist, „dass wir gegen Dortmund nur auf eine Breite von 30 Metern gespielt haben“. Für Hoeneß war das der Grund, warum Hertha BSC 0:1 verloren hat und ihm das Spiel seiner Mannschaft überhaupt nicht gefiel.

Während die Deutsche Presse-Agentur Hertha bereits in der „System-Falle“ wähnt, spricht Hoeneß lieber von „fehlender Fantasie“, das bewusst gewählte System so zu interpretieren, wie es von Trainer Falko Götz vorgegeben wurde. Das aus fünf Spielern bestehende Mittelfeld sollte die alleinige Sturmspitze (Bobic) nicht nur mit Flanken und Vorlagen über die linke und rechte Außenbahn (Gilberto und Marx) füttern, es sollte in Persona von Marcelinho und Bastürk gelegentlich in den Strafraum eindringen und den Abschluss suchen. Soweit die Theorie. Die Praxis gegen Dortmund war das Gegenteil davon. „Die zweite Halbzeit war Anschauungsunterricht, wie man es nicht macht“, sagte Hoeneß.

Bei den Berlinern fand ein Spiel über die Flügel so gut wie gar nicht statt, was in der Konsequenz dazu führte, dass viel zu wenige Flanken in den Strafraum des Gegners geschlagen wurden. Und die wenigen Hereingaben waren am Dienstagabend auch noch von minderer Qualität. Wurde nach der Niederlage am vergangenen Wochenende in Bielefeld noch die mangelhafte Verwertung der Flanken und Vorlagen angeprangert, so hat sich Herthas Problem vorverlagert, nämlich in das Stadium, in dem Torchancen entwickelt werden.

Als Trainer Götz für die letzten zehn Spielminuten gegen Dortmund Manndecker Madlung, ein kopfballstarker Wuchtfußballer, auch noch nach vorn beorderte, war es um Hertha ganz geschehen. Vor dem gegnerischen Strafraum drängelten sich fünf, sechs Spieler, die sich gelegentlich im Weg standen oder sogar anschossen.

Am Tag danach war Falko Götz immer noch verärgert. Unverständlicherweise habe seine Mannschaft versucht, „nur durch die Mitte“ Druck auszuüben und nicht über die Außenpositionen. Ein Grund dafür, warum es Dortmund so leicht hatte, den Vorsprung zu verteidigen, war mangelnde Laufbereitschaft der Berliner, also das Spiel ohne Ball. Erst wenn der Ball in den persönlichen Fünfmeterraum eintrat, bewegte sich der jeweilige Spieler. Wenn sich aber dem ballführenden Spieler ganz wenige bis keine Anspielmöglichkeiten bieten, kommt es zu Quer-, Rück- oder gar Fehlpässen.

Für Falko Götz ist nicht das Spielsystem verkehrt, sondern: „Wir müssen es besser spielen“, sagte der Trainer. Also alles ein großer Bedienungsfehler. Marx und Gilberto sollten die Außenbahnen halten. Und die Spielmacher Bastürk und Marcelinho sollten so genannte „Überlaufsituationen über außen provozieren“. All das wurde mangelhaft bis überhaupt nicht umgesetzt. Diese Spieler hätten „oft den falschen Weg gewählt“, nämlich den durch die Mitte. „Sie müssen in ihren Mitteln variabler agieren“, sagte der Trainer.

„Das war heute kein Pech“, sagte Hoeneß. „Zu viel Klein, Klein – das ist eine Gefahr. Darüber muss man reden.“ Ähnlich sah es Abwehrchef van Burik, umschrieb es aber diplomatisch: „Wir haben sehr dominante Spieler im Mittelfeld.“ Er hätte auch sagen können, dass Marcelinho, Bastürk und Gilberto eine Ball fordernde Art, aber oft nicht den Blick für den schnellen, einfachen Pass hätten. „Wir werden darüber reden“, sagte der Holländer.

Kommenden Samstag spielt Hertha in Freiburg gegen einen Gegner, den man schlagen könne, wie Falko Götz sagte. „Aber dazu muss man bereit sein, sein Spiel zu verändern. Wir müssen hinbekommen, dass der eine oder andere Spieler wieder mannschaftsdienlicher spielt.“ Unterdessen äußerte Dieter Hoeneß erste zweckdienliche Hinweise: „Das geht nur über Theorie, Taktiktafel und tägliches Training.“ Also Nachhilfe in voller Breite.

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