Sport : Der beste Trainer der DDR

Ihr spielt für Euch, nicht für Euer Land – zum Tod von Georg Buschner

Christoph Dieckmann

Herbst 1970, Kurt-Wabbel-Stadion, Halle. Mein erstes Flutlicht-Spiel: eine unvergessliche Nacht. Jenas 2:2 fiel in der 90. Minute. 24 000 fanatische Hallenser tobten. Jenas Trainer Georg Buschner, gewandet in ein Silbercoat, stand gelassen im Kabinengang, schrieb mir das Autogramm und sprach kühl zu seinem Assistenten Stange: „Bernd, das da draußen ist der aufgeputschte Mob.“

Georg Buschner, geboren 1925, war der berühmteste aller DDR-Fußballtrainer. Er gehörte zu Jena wie Fritz Walter zu Kaiserslautern. Ein gesegneter Techniker ist „Schorsch“ nicht gewesen, aber ein knallharter Verteidiger, der es zwischen 1954 und 1957 auf sechs Länderspiele brachte. 1958 wurde er in Jena Cheftrainer der eigenen Kameraden. Fortan ließ er sich siezen und drehte den Bierhahn zu, er rekrutierte Sportwissenschaftler, knüppelte Kondition und formte eine Dauerrenner-Kavallerie, die im heimischen Ernst-Abbe-Sportfeld jeden Gegner unter den Rasen ritt. Dreimal – 1963, 1968 und 1970 – wurde Buschner mit Jena Meister. Sein FC Carl Zeiss stellte eine Fülle von Nationalspielern: Weise, Vogel, Irmscher, Schlutter, Kurbjuweit, die Gebrüder Peter und Roland Ducke.

1971 musste Buschner Nationaltrainer werden. Er sträubte sich lange, wohl wissend, dass die DDR-Elf vielen Ost-Fans weniger am Herzen lag als „unsere von drüben“. Der Auswahl-Coach Buschner brachte es auf enorme 115 Länderspiele (60 Siege, 33 Unentschieden, 22 Niederlagen). Als sein größter Sieg gilt üblicherweise das Sparwasser-Spiel, jenes sagenumwitterte 1:0 gegen die Bundesrepublik bei der 1974er Weltmeisterschaft. Buschner selbst favorisierte den Olympiasieg von Montreal 1976. Auf dem Weg dorthin bezwangen seine Blauweißen dieselben Tschechoslowaken, die dann gegen Helmut Schöns Deutsche Europameister wurden.

Aber nur 1974 schaffte die DDR die WM-Qualifikation. Die Auswahl stagnierte, wie überhaupt der Fußball in der DDR. Buschners Truppe wirkte schematisch, er ließ die Routiniers spielen – einmal fünf angestammte Liberos. Er rechtfertigte das mit dem Mangel an Talenten. 1981 brauchte man einen Sieg gegen Polen – und unterlag in Leipzig 2:3. Buschner wurde kalt geschasst: „Herzprobleme“, las man; selbstredend war er „auf eigenen Wunsch“ gegangen. Er hat nie wieder einen Verein trainiert.

Die DDR-Sportführung duldete den Fußball wie ein ungeliebtes Kind. Bei schulischen Sichtungen wurden zunächst die „medaillenintensiven“ Disziplinen mit Nachwuchs versorgt. Es war eben billiger, einträglicher und nicht mit Krawall verbunden, wenn man eine Riege Schwimmerinnen zu Wasser ließ. Diese Hintanstellung des Fußballs erzeugte bei vielen Alt-Kickern einen retrospektiven Opferstolz, auch bei Georg Buschner. 1995 besuchte ich ihn in Jena am Sankt-Wendel-Stieg, von wo der Feldherr a.D. auf seine Stadt herniederblickte. Das Gespräch war köstlich. Buschner griff entschlossen ins Anekdotensäckel und ging in die Vollen. Nicht nur des DDR-Sportführers wurde gedacht („Sportverbrecher!“, „Dieser krankhafte Ewald!“), sondern überhaupt versäumten es die fußballerischen Zeitläufte, mit Georg Buschners Fähigkeiten Schritt zu halten. Und der Starkult heutzutage! Wer einen Zwanzig-Meter-Pass zum Mitspieler bringe, gelte als Genie. „Ich“, bekundete der alte Herr, „bin nicht durch Medienbefall moralisch verkommen.“

Ob er manchmal empfinde, im falschen Land, in der verkehrten Zeit Fußball betrieben zu haben? – Geld sei ihm nicht so wichtig, sonst müsse er klagen, antwortete er. Und für sein Geburtsjahr könne keiner was. „Cäsar hat zweitausend Jahre vor mir gelebt und Goethe hundertfünfzig. Bloß ein Oppositioneller war ich nicht, weder bei den Nazis, noch dann, noch würde ich heute einer sein. Ich habe Geschichte studiert, die Französische Revolution. Die größten Köpfe: abgeschlagen. Ich weiß, was passiert. Weizsäcker und Schmidt waren auch keine Oppositionellen.“ – Herr Buschner, Sie wirken sehr geschmeidig. – „Jaaa“, rief er fröhlich, „das Lavieren war immer mein größtes Talent.“

Buschners ehemalige Schützlinge halten auf ihn große Stücke. „Buschner war zu mir wie ein Vater“, sagte Konni Weise. „Nach dem Spiel hat er mich manchmal zur Ratte gemacht, aber nichts drang nach draußen. Da stand er immer vor den Spielern.“ Lothar Kurbjuweit erinnerte sich an SED-Funktionärsbesuch im Trainingslager. Buschner habe einen ideologisch triefenden Vortrag abgesondert. „Und als die Leute wieder weg waren, hat er sich totgelacht, wie er denen die Taschen gefüllt hat.“

Buschners Lieblingsschüler hieß Peter Ducke, der Artist und Wunderstürmer, den Pele zu den zehn weltbesten Kickern zählte. Buschner sagte es so: „Wenn ich was zu Peter sagte, dann war das für den natürlich wie das Evangelium in der Kirche. Logischerweise.“

Am 12. Februar 2006 ist Georg Buschner im Alter von 81 Jahren in Jena gestorben. Zuletzt sah ich ihn vor einem guten Jahr, in Berlin. Peter Ducke stellte seine Biographie vor, Georg Buschner sekundierte seinem Peter. Schick und munter war er – voller schloher Schopf, Halstuch, weinrotes Jackett. Er genoss den Abend unter Seinesgleichen, denen der Ostfußball ihr Leben war. Heinz Florian Oertel moderierte unbremsbar wie in alten Zeiten, im Publikum saßen die rüstigen Kämpen von dunnemals: Jürgen Nöldner, Otto Fräßdorf, Waldi Mühlbächer, Werner Heine. Ich fragte Buschner, ob es schwierig gewesen sei, seine Jungs für eine wenig geliebte Nationalmannschaft zu motivieren. „Ein Kunststück war’s“, lächelte Buschner. „Ich sagte: Ihr spielt für Euch selbst, für Euren Erfolg. Ich sagte nie: Ihr spielt für Euer Land. Das hätte ich auch drüben nicht getan.“

Christoph Dieckmann ist Autor der „Zeit“ und seit 1965 Fan des FC Carl Zeiss Jena.

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