Der Fall Cöster : Pferd gedopt - mit welcher Substanz?

Wie Capsaicin den Schmerz für Pferde erhöht.

Frank Bachner,Juliane Schäuble

Bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung sind sie alle entsetzt: ein Dopingfall in ihren Reihen, bei Christian Ahlmanns Pferd Cöster wurde die Substanz Capsaicin gefunden. Auch drei andere Reiter sind erwischt worden, auch bei ihren Pferden wurde jeweils Capsaicin gefunden.

Dahinter steckt eine etwas mysteriöse Geschichte. Denn Capsaicin ist erstmal nur ein schmerzlinderndes Mittel. Solche Mittel sind bei der Behandlung von Pferden erlaubt. Sie fördern, als Nebeneffekt, auch die Durchblutung.

Gleich mehrere Wirkungen

Doch Capsaicin, als Salbe aufgetragen, fällt aus der üblichen Reihe. Denn dieser Stoff fördert nicht bloß stärker als andere Substanzen die Durchblutung, es hat auch viel mehr Wirkungen. Die Kombination dieser Wirkungen erzeugt einen Dopingeffekt oder jedenfalls einen wettbewerbsverzerrenden Effekt, der nicht gewollt ist.

Aber Capsaicin ist auch ein Reizstoff. Wenn er in Form einer Salbe auf die Haut aufgetragen wird, brennt es enorm. Wie heftig dieser Effekt ist, kann jeder an sich selber testen. Man muss nur eines der beliebten ABC-Pflaster auf die Haut kleben. In diesen Pflastern ist Capsaicin. Auch in Chilischoten findet sich die Substanz.

Experte ist erstaunt über den Fund

Wenn die Salbe auf die Vorderhufe der Pferde aufgetragen wird, erhöht sich der Schmerz, wenn das Pferd gegen ein Hindernis, also eine Stange, stößt. Das zwingt das Tier dazu, höher zu springen. Und damit hat ein Reiter größere Chancen, fehlerfrei zu bleiben.

Fritz Sörgel, der Leiter des Instituts für Pharmazeutische Forschung in Nürnberg, ist fassungslos über den letzten Punkt: "Die Leute haben Zeit, sich alle möglichen Schweinereien zu überlegen. Das hier ist allerdings Missbrauch der Pharmakologie in perverser Perfektion", sagte er Tagesspiegel Online. Sörgels vermutet, dass hier wieder das alte Hase-Igel-Spiel passiert ist, Dopingsünder gegen Dopingfahnder. „Das Mittel war wohl in der Szene bekannt, und man hatte im Verlauf der Zeit gemerkt, dass es effektiv ist", sagt der Pharmakologe.

Lange nicht nach Capsaicin gesucht

Sörgels Ansicht nach wurde in der Szene deshalb Capsaicin eingesetzt - in der Hoffnung, dass man es nicht findet. „Dann hat wohl jemand den Fahndern einen Tipp auf Capsaicin gegeben." Die Dopinganalytiker hätten daraufhin auch nach Capsaicin gesucht, ohne dies allerdings öffentlich bekannt zu machen. Für diese These spricht, dass jetzt auf einmal vier Reiter aufgeflogen sind.

Auf der Dopingliste stehen einerseits genau bestimmte Medikamente und Substanzen, aber dazu auch noch „Stoffe, die eine ähnliche Wirkung haben“. Damit will man ausschließlich, dass jemand legal ein Medikament einsetzt, dass nahezu identische Wirkung wie ein Präparat hat, das auf der Dopingliste explizit aufgelistet ist. Capsaicin fällt unter diese Rubrik der ähnlich wirkenden Substanzen. Aber offenbar hatte man lange nicht danach gesucht.

Doping nur für Pferde

Capsaicin wirkt allerdings nur bei Pferden wie ein Dopingmittel. Bei Menschen nicht. „Bei denen würde man nach Capsaicin überhaupt nicht suchen“, sagt Sörgel. „Es wäre auch ausgeschlossen, dass man jemanden wegen des Einsatzes von Capsaicin sperrt.“

Wer im Übrigen zum Selbstschutz mit Pfefferspays durch die Gegend läuft und im Notfall einen Angreifer einsprüht, der hat sich mit Capsaicin gewehrt. Der Reizstoff wird nämlich in solchen Pfeffersprays verwendet.

Kritik vom Tierschutzbund

Der Deutsche Tierschutzbund warnt indes davor, die nun aufgedeckten Dopingfunde als Einzelfälle darzustellen. Im Gegenteil: Es sei ein dauerhaftes Problem des Hochleistungsreitsports, sagte Bundesgeschäftsführer Thomas Schröder zu Tagesspiegel Online. Die Dunkelziffer sei vermutlich deutlich höher. Zwar sollte beachtet werden, dass keinem Pferd, das eine medizinische Behandlung benötige, diese verwehrt werde. Doch ein Pferd, das zur Turnierzeit einer medizinischen Behandlung unterstehe, könne auch nicht als geeignet angesehen werden, Hochleistungssport durchzuführen.

Jede Form des Dopings sei neben allen moralischen Fragen auch ein Verstoß gegen geltendes Tierschutzgesetz, sagte Schröder weiter. Laut Gesetz ist es verboten, an Tieren Behandlungen vorzunehmen, die einen leistungsmindernden körperlichen Zustand verdecken und von diesen Leistungen abzuverlangen, denen sie wegen ihres körperlichen Zustandes nicht gewachsen sind.

Doping "kein Kavaliersdelikt"

"Schon unter den üblichen Bedingungen werden die Reitpferde bis zum Äußersten gefordert, eben oft über natürliche Leistungsgrenzen hinweg. Doping ist kein Kavaliersdelikt. Das beweist erneut, dass der menschliche Medaillenehrgeiz offenbar auf dem Rücken der Tiere ausgetragen wird", sagte Schröder. Auch wenn die so genannte B-Probe noch ausstehe, werfe der Dopingfall erneut einen Schatten auf den Reitsport.

"Wenn die Reiterliche Vereinigung nun erklärt, wie in ersten Reaktionen nachzulesen, dass vor dem Abflug nach Hongkong bei Dopingkontrollen keine Auffälligkeiten festgestellt wurden, bleibt die Frage, wie ernsthaft denn geprüft wurde", sagte Tierschützer Schröder weiter. Der Tierschutzbund forderte die Deutsche Reiterliche Vereinigung auf, "in den eigenen Reihen aufzuräumen".

Der Deutsche Tierschutzbund tritt nach eigenen Angaben seit Jahren für eine Verschärfung der Dopingkontrollen in allen Bereichen des Pferdesports ein. Bundesgeschäftsführer Schröder forderte die Reiterliche Vereinigung nun auf, sicherzustellen, dass Medikamente oder andere Mittel tatsächlich nur dann eingesetzt werden, wenn diese dem Wohle der Tiere dienen.

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