Sport : Der Fan hinter der Mauer

Helmut Klopfleisch hatte keine Lust auf Motor oder Dynamo. Er reiste Hertha und der DFB-Elf auswärts hinterher – und wurde so zum Staatsfeind in der DDR

Johannes Ehrmann
So nah und doch so fern.
So nah und doch so fern.Foto: picture-alliance/ dpa

Berlin, Prenzlauer Berg, Ende August 1961. Der 13-jährige Helmut Klopfleisch steht am Ende der Norwegerstraße und späht gebannt hinüber auf die andere Seite der S-Bahn-Gleise. Der Westwind trägt die Geräusche des Fußballspiels herüber: Klatschen, Raunen, Fangesänge. Klopfleisch erkennt die beiden hohen Tribünen, den „Zauberberg“ und den „Uhrenberg“, die großen Reklametafeln darüber. Er sieht die hoch aufgeschossenen Pappeln, die die Arena säumen. Da drüben, im Stadion am Gesundbrunnen, das alle Berliner nur „Plumpe“ nennen, trägt Hertha BSC ein Heimspiel aus. Klopfleisch war schon oft dort. Doch nun ist die Stadtgrenze dicht, West-Berlin wird von der DDR-Führung eingemauert. Auf der anderen Seite der Gleise liegt für Helmut Klopfleisch plötzlich ein unerreichbares Land. Traurig lauscht er dem Spielbericht seines Lieblingsreporters Udo Hartwig aus dem kleinen Mikki-Radio, das er sich ans Ohr gepresst hat.

Stacheldraht und Grenzstreifen zum Trotz: Klopfleisch will sich seine Liebe zur Hertha nicht verbieten lassen. Die DDR-Vereine ziehen ihn nicht an. „Motor, Aktivist – alleine die Namen waren ja albern“, sagt er. Überhaupt, das ganze System sei ihm von Anfang an suspekt gewesen. „Ich merkte schon in der Schule, wie wir angelogen wurden, was uns da für ein Quatsch erzählt wurde.“

Klopfleischs Orientierung ist und bleibt westlich. Jeden Abend hört er auf Rias 1 die Sportnachrichten und kommt so an die Informationen, die man ihm im Ostteil der Stadt verwehren will. „Die Sportreporter im Osten waren für mich alle Propagandaminister, alles wurde verdreht“, sagt er. Doch der Fußballfan aus Pankow will nicht nur hören, er will sehen. Er will dabei sein. Helmut Klopfleisch beginnt, zu Hertha-Spielen im Ostblock zu fahren – ganz egal ob Europacupspiel oder Benefizkick. Aus einem blauen FDJ-Hemd und einem weißen Bettlaken näht ihm seine Mutter eine Fahne. Vor und nach den Partien kommt er mit Fans, Spielern und Trainern ins Gespräch.

Nicht nur Hertha hat es ihm angetan. „Für mich gab es immer nur die eine deutsche Nationalmannschaft, die des Westens“, sagt Klopfleisch. Beim Finale von Bern hat sich der Pankower Steppke am Schaufenster eines Elektroladens am Gesundbrunnen die Nase platt gedrückt – seitdem ist er Fan. 1971 fährt er zum EM-Qualifikationsspiel der Deutschen nach Warschau und überreicht dem aus Dresden stammenden Bundestrainer Helmut Schön im Mannschaftshotel einen Berliner Bären, als Glücksbringer und Zeichen für die Einheit der Stadt. Zusammen mit Schön, dessen Assistenten Jupp Derwall und Masseur Erich Deuser stößt er anschließend mit polnischem Wodka aus Zahnputzbechern auf die deutsch-deutsche Freundschaft an.

Im Laufe der Zeit lernt Klopfleisch unzählige Funktionäre und Spieler des westdeutschen Fußballs kennen. Hertha-Profi Bernd Gersdorff schenkt ihm nach dem Spiel sein Trikot, sein Sohn darf bei einem Training der Nationalmannschaft ein bisschen mitkicken, Bayern-Präsident Fritz Scherer steht einmal in der Wohnung der Klopfleischs in Weißensee – unter dem Rolli ein signiertes Originaltrikot von Karl-Heinz Rummenigge, dem Idol von Klopfleischs Sohn. „Er hat sich gleich im Flur entblättert“, erinnert sich der Vater lachend.

Klopfleischs rege Westkontakte bleiben auch der Stasi nicht verborgen. An der DDR-Grenze wird sein Wagen regelmäßig bis auf die Karosse zerlegt, seine Fahne muss er über die Grenze schmuggeln – zum Beispiel in einer Decke mit verölten Ersatzteilen. „Die wollten sich ja nicht die Hände schmutzig machen“, sagt er und grinst noch heute über den gelungenen Trick.

In den achtziger Jahren wird die Lage ernst. Helmut Klopfleisch, der Fußballfan, wird zum Staatsfeind. Er verliert seinen Job als Elektriker. Vor Spielen von Westmannschaften im Ostblock wird er verhaftet und verhört, sein Pass wird eingezogen, er erhält einen sogenannten „PM-12“-Ausweis, „wie Sexualstraftäter und andere Schwerverbrecher“, sagt er. Auf dem Zeugnis seines Sohnes vermerkt die Lehrerin trotz bester Noten: „Er muss sich im Sinne der Arbeiter- und Bauernklasse orientieren.“ Als sich der Junior bei einer schulischen Wehrsportübung schwer am Knöchel verletzt und die Behörden jegliche Hilfe verweigern, stellt Klopfleisch 1986 einen Ausreiseantrag. „Solange es nur um mich ging, konnte ich es aushalten“, erklärt er. Nun aber geht es auch um die Familie. Mit 15 Jahren wollte die Stasi den Sohn bereits zum Bespitzeln des Vaters bewegen. „Es ging mir nicht um Apfelsinen oder Bananen“, sagt Helmut Klopfleisch. „Ich wollte einfach meine Freiheit.“

Am 29. Juni 1989 schließlich wird sein Ausreiseantrag bewilligt. „Sie haben gewartet, bis meine Mutter im Sterben lag“, sagt Klopfleisch bitter. Seine Bitte um Aufschub wird brüsk abgewiesen. „Bis 22 Uhr heute Abend müssen Sie drüben sein“, heißt es. Nach einem letzten Besuch im Krankenhaus reisen die Klopfleischs schließlich aus. Vier Tage später stirbt die Mutter. Zur Beerdigung darf er nicht.

Nach der Wende erfüllt sich Helmut Klopfleisch den Traum von der Freiheit. 1990 Italien, 1994 USA, 1996 England – zusammen mit der Nationalmannschaft bereist er die westliche Welt. Fotos zeigen ihn mit Berti Vogts, Jürgen Klinsmann, Boris Becker und beim Plaudern auf dem Golfplatz mit Franz Beckenbauer.

In seinem Büro in Schmargendorf im Südwesten Berlins sitzt Klopfleisch heute vor einer großen Karte seiner Heimatstadt. „Für mich war Berlin immer eins“, sagt er, „genau wie Deutschland auch.“ Mit Ostalgie kann man ihn wirklich in Rage bringen. „Wenn Leute heute die DDR zurückhaben wollen, frage ich mich: Wo habe ich eigentlich gelebt? Unser Haus sah damals aus, als wäre vor zwei Stunden der Krieg zu Ende gegangen. Nein“, sagt er, „es sind doch wirklich blühende Landschaften jetzt!“

In der „Plumpe“, am Ort, an dem sein Fußballfieber losbrach, war er nie wieder. Herthas Stadion am Gesundbrunnen wurde 25 Jahre vor dem Mauerfall abgerissen. Von der Norwegerstraße sieht man heute jenseits der Gleise keine schräg aufragenden Tribünen mehr, sondern einen glatten Hochhauskomplex aus den siebziger Jahren. Nur dieselben alten Pappeln wiegen sich noch langsam im Westwind.

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