• Der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach im Interview: Max Eberl: "Wir können uns trotzdem Fett anfressen"

Der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach im Interview : Max Eberl: "Wir können uns trotzdem Fett anfressen"

Ab Sommer gilt der neue TV-Vertrag in England. Was auf die Bundesliga und seinen Klub Borussia Mönchengladbach zukommt, erklärt Sportdirektor Max Eberl

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Hier geblieben! Max Eberl ist froh, dass er im Sommer bestimmen kann, ob Granit Xhaka bei Borussia Mönchengladbach bleibt oder nicht.
Hier geblieben! Max Eberl ist froh, dass er im Sommer bestimmen kann, ob Granit Xhaka bei Borussia Mönchengladbach bleibt oder...Foto: Imago

Herr Eberl, Granit Xhaka steht bis 2019 bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag. Haben Sie mit ihm schon über eine Vertragsverlängerung verhandelt?

Wir haben den Vertrag doch erst vor einem Jahr verlängert. Darüber sind wir auch sehr froh – weil es bedeutet, dass wir in den nächsten Monaten das Heft des Handelns in der Hand haben.

Aber es ist mehr oder weniger bekannt, dass Xhaka für den Sommer 2017 eine Ausstiegsklausel über 30 Millionen Euro hat.

Sie sagen es: mehr oder weniger bekannt. Das andere ist: Man muss immer auch die sportliche Entwicklung eines Spielers berücksichtigen. Wir sind ein fantastischer Verein mit unglaublichem Ehrgeiz, aber wenn ein Spieler wie Marc-André ter Stegen mit einem Angebot vom FC Barcelona kommt, ist es schwer, ihm diese Chance zu verbauen. Da helfen auch keine Klauseln. Wenn große Spieler gehen, müssen wir mit den Transfererlösen versuchen, die Mannschaft auf ein höheres Niveau zu heben. Das haben wir in den vergangenen Jahren nachhaltig gezeigt. Und das wäre auch so, wenn Granit uns verlassen sollte.

Die Preise entwickeln sich so schnell, dass 30 Millionen Euro für Xhaka in einem Jahr für einen englischen Mittelklasseverein ein echtes Schnäppchen wären.

Ich glaube nicht, dass ein toptalentierter und topmotivierter Spieler zu einem Mittelklasseverein nach England wechseln will. Aber es stimmt: Auf dem Markt ist gerade unglaublich viel Geld vorhanden. Nur haben wir das auch schon vor fünf Jahren bei Marco Reus erlebt. Damals haben wir gedacht, mit einer festgeschriebenen Ablöse von über 17 Millionen Euro sind wir erst einmal auf der sicheren Seite. Ein Jahr später wurde die Klausel gezogen. Natürlich haben wir eine Fantasie, wie sich die Dinge entwickeln. Aber inzwischen ist das ja wie Monopoly. Die Summen werden jeden Tag größer. Ich sage ganz bewusst: Es ist skurril – weil die Zahlen nicht mehr greifbar sind.

Finanziell wäre es vielleicht sogar besser, Xhaka schon im Sommer zu verkaufen, wenn der Preis noch frei verhandelbar ist.

Das ist kein Muss. Wir entscheiden mit unserem sportlichen Erfolg, und Granit entscheidet mit seiner Leistung, was im Sommer passieren kann. Ich könnte jetzt sagen: „Granit wird auch in der nächsten Saison bei uns spielen.“ Aber was ist, wenn er im Sommer mit einem unmoralischen Angebot zu mir kommt und sagt: „Das ist meine große Chance, das möchte ich unbedingt machen.“ Das heißt übrigens nicht, dass ich da eine Tür aufmache.

Wenn im Sommer der Fernsehvertrag der Premier League in Kraft tritt, wird noch mehr Geld den Markt fluten. Wie wichtig ist es für Borussia Mönchengladbach, sich in dieser Situation klar zu positionieren?

Ich kann noch nicht wirklich greifen, was im Sommer oder in den nächsten passieren wird. Aber wir stehen am Anfang einer neuen Zeit. Die nächsten zwei, drei Jahre werden für uns richtungsweisend sein. Wenn du jetzt den Aufschwung verpasst, kann die Kluft groß werden. Bei den horrenden Zahlen wird es natürlich Spieler geben, die nach England wechseln wollen. Umso mehr entscheidet der Erfolg deines Vereins darüber, wie lange ein Spieler bei dir bleibt.

Max Eberl, 42, ist seit 2008 Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach. Unter ihm wurde der Klub vom Abstiegskandidaten zu einem Anwärter auf die Europapokalränge.
Max Eberl, 42, ist seit 2008 Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach. Unter ihm wurde der Klub vom Abstiegskandidaten zu einem...Foto: Imago

Was spricht generell für die Bundesliga?

Die Bundesliga ist mit allem, was dazu gehört, mit Infrastruktur und Fankultur, die beste Liga der Welt. Da kommt auch England nicht ran. Monetär sind wir zwar nicht die Besten, aber auf einem sehr guten Stand. Und wenn du als Verein erfolgreich bist, überlegt ein Spieler dreimal, ob er nicht doch bleibt.

"Wir müssen nicht in die Champions League"

Heißt das, Ihr Klub muss etwas forscher in seiner Zielsetzung werden?

Wenn ich jetzt ganz forsch sage: Wir müssen in den nächsten beiden Jahren in die Champions League, wird das eher ein Rohrkrepierer. Die Wahrscheinlichkeit auf die Champions League steigt nicht, indem ich davon rede. Ich will unbedingt einstellig sein. Ich will unbedingt nach Europa. Aber wir müssen nicht. Das ist kein dummes Gesabbel, das ist die Wahrheit. Bis vor fünf Jahren war Borussia 15 Jahre lang im Niemandsland der Bundesliga. Unsere Konkurrenten haben in dieser Zeit 15 Mal im Europapokal gespielt. Momentan sind wir durch gute Arbeit an einigen dieser Vereine vorbeigezogen. Aber wir müssen hartnäckig bleiben, clever sein, auf unsere Chance lauern, wenn andere schwächeln. Und es dann auch richtig gut machen.

Wie wollen Sie konkret unter den veränderten Bedingungen bestehen?

Indem wir das, was wir in den vergangenen Jahren gemacht haben, weiter intensivieren. Indem wir versuchen, Toptalente aus unserer Akademie zu formen oder sie zu finden: in Deutschland, in Europa und inzwischen sogar weltweit. Indem wir sie spielen und sich entwickeln lassen. Wenn es um fertige Topspieler geht, können wir bei Ablöse und Gehältern nicht mit den ganz Großen konkurrieren. Aber für Talente ist Gladbach der perfekte Verein. Ich sage bewusst: Wir sind kein Ausbildungsverein, aber wir sind ein Verein, bei dem die Jugend einen großen Wert hat. Das wird wahrgenommen, das merken wir.

Nur werden die Talente vermutlich auch immer teurer.

]Ja, aber bei den Talenten haben wir noch eine Chance, dass sie sich für uns entscheiden. Weil wir ihnen eine Plattform bieten, von der aus sie den nächsten Schritt machen können. Und der heißt dann nicht Newcastle, sondern Arsenal.

Wenn Sie kein Ausbildungsverein sein wollen: Könnten Sie sich mit dem Begriff Weiterbildungsverein anfreunden?

Mit solchen Begriffen bin ich generell vorsichtig. Wir sind ein Verein, der ehrgeizige Ziele hat. Wenn ein Nebenprodukt unserer Arbeit ist, dass wir große Spieler für eine große Ablöse an große Klubs verkaufen, ist das schön. Aber das ist nicht unser Geschäftsfeld. Unser Geschäftsfeld ist, erfolgreich Fußball zu spielen.

In Zukunft könnten aber 17 der 18 Bundesligisten Weiterbildungsvereine für englische Klubs sein.

Bei Borussia Dortmund würde man es sicher nicht gerne lesen, wenn ich das bestätige. Aber vermutlich sind die Bayern wirklich der einzige Bundesligist, der keine Spieler abgeben muss. Bei allen anderen Klubs besteht zumindest die Gefahr.

Was löst diese Entwicklung in Ihnen aus?

Ich möchte jetzt nicht sagen: Unwohlsein. Aber man fühlt sich nicht behaglich mit diesen unglaublich großen Zahlen, die gerade kursieren. Der Fußball steht gar nicht mehr im Vordergrund, es geht nur noch um die Frage: Wer wechselt wohin und für wie viel Geld?

"Wir hören nur noch mehr und mehr und mehr"

Inwieweit können Sie sich dem überhaupt widersetzen?

Momentan scheint es keine Grenzen zu geben. Wir hören nur noch mehr und mehr und mehr. Ich weiß, dass das was mit Angebot und Nachfrage zu tun hat und ich es nicht beeinflussen kann. Wir alle leben ja auch sehr gut vom Fußball. Aber Fußball ist immer noch ein Volkssport. Ich will nicht, dass das ein modernes Monopoly am Bildschirm wird. Ich bin sehr romantisch in dieser Beziehung. Aber Sie haben mich ja nach meiner persönlichen Sicht gefragt. Wenn jemand 50 Millionen für einen Menschen bezahlt, habe ich eine Meinung dazu. Wir sollten alle aufpassen, dass das nicht in die falsche Richtung läuft.

Die Skeptiker sagen: Wenn die Entwicklung in England so weiter geht, bleiben für die Bundesliga nur noch Leihspieler.

Ich bin eher dafür, die Chancen zu sehen. Natürlich werden ganz viele Spieler nach England wechseln. Aber auch da können immer nur elf spielen. Ich wäre sogar dafür, die Kadergröße generell auf 25 Spieler zu beschränken. Ein Spieler, der fürchten muss, als Nummer 26 in England überhaupt nicht zum Einsatz zu kommen, wird sich überlegen, ob er nicht lieber woanders hin wechselt. Das wäre ein echtes Regulativ. Es würde auch weiterhin ein Ungleichgewicht der Möglichkeiten geben und Geld eine Rolle spielen. Aber davor hätte ich keine Angst. Vielleicht kann man darüber mal in den höheren Gremien diskutieren.

Das kann aber kein Alleingang der Bundesliga sein.

Das müsste in Deutschland genauso gelten wie in England oder China. Im Europapokal ist es ja schon so, dass du nur 25 Spieler melden darfst. Dazu gibt es noch eine B-Liste mit Talenten, die seit mindestens drei Jahren bei dir in der Akademie sind. Kein Problem für uns. Aber für die Engländer. Die haben nämlich oft keine.

"Bei den Engländern werden wir erst mal das Doppelte aufrufen"

Stattdessen holen sie für zweistellige Millionenablösen mittelmäßige Innenverteidiger aus der Bundesliga. Aber heißt das nicht, dass man für einen zweistelligen Millionenbetrag künftig auch nur noch mittelmäßige Innenverteidiger bekommt?

Kann sein. Aber ich glaube nicht, dass ein Manager aus der Bundesliga naiv einen Spieler verkauft, um mal ganz schnell viel Geld zu machen, und keinen entsprechenden Ersatz in petto hat. Ich erzähle ja kein Geheimnis: Wenn die Engländer kommen, werden alle erst mal den doppelten Preis aufrufen. Wir müssen versuchen, das Geld aus England zu uns zu holen. Wir werden keine unfassbar großen Gewinne machen können, aber ich traue den deutschen Vereinen schon zu, dass sie mit Summen wie 50 oder 70 Millionen Euro, um mal utopische Zahlen zu nennen, auch wieder gute Transfers tätigen und sich trotzdem Fett anfressen können.

Wenn Sie Granit Xhaka für viel Geld verkaufen würden …

… wäre das erst einmal ein enormer Qualitätsverlust, den wir nicht eins zu eins ersetzen könnten. Dafür müssten wir Ilkay Gündogan verpflichten. Aber den kriegen wir nicht. Vielleicht müssten wir für das Geld zwei oder drei Spieler holen. Zwei Strukturspieler für sofort und ein herausragendes Talent, das bei uns die Zeit bekommt, sich zu entwickeln. Wir müssen da mutig sein, vielleicht auch mal eine Millionenablöse für einen Jugendspieler ausgeben, der noch nie bei den Profis gespielt hat. Aber das kannst du nur machen, wenn du ihn gut kennst, weil du seinen Werdegang über Jahre verfolgt hast.

Als Borussia im Winter den 23 Jahre alten Martin Hinteregger verpflichtet hat, haben Sie gesagt, dass Sie ihn seit sieben Jahren beobachten. Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?

Ich wollte damit nur ausdrücken, dass die Kaderplanung bei uns ein stetiger Prozess ist. Einen Spieler wie Hinteregger siehst du, wenn du dir Junioren-Länderspiele anschaust, Red Bull Salzburg, Rapid oder Austria Wien scoutest. Wenn du mit einem Klub wie Manchester City um einen Spieler konkurrierst, ist es unrealistisch, ihn zu bekommen; aber vielleicht ergibt sich irgendwann eine zweite Chance. Dann musst du wissen, wie er sich entwickelt hat. Also musst du seinen Weg bei Man City auch in der U 19 oder U 21 weiterverfolgt haben.

Trotzdem wird es immer schwieriger, kontinuierlich eine Mannschaft aufzubauen und langfristig zu planen.

Langfristige Planung halte ich mittlerweile für schwierig, selbst für einen Manager. Du entlässt den ersten Trainer, das ist noch okay, bei der zweiten Entlassung wirst du schon in Frage gestellt, beim dritten Trainer bist du raus. Und selbst die mittelfristige Planung über drei bis fünf Jahre ist ein sehr gehobenes Ziel. Als ich 2008 hier angefangen habe, konnten wir noch sagen: Okay, mit diesem Spieler können wir jetzt drei Jahre planen. Inzwischen sind es nur noch zwei Jahre, und vielleicht kommt irgendwann die Situation, dass wir einen herausragenden Spieler nur noch ein Jahr haben. Du musst im Grunde voraussehen, was passieren kann, und sehr schnell immer wieder neue Ideen entwickeln, wie du darauf reagierst.

Fühlen Sie sich nicht manchmal wie Sisyphos, wenn Sie immer wieder neu anfangen müssen?

Da ist was dran. Der Stein wird auch in Zukunft immer wieder runterrollen, aber ich glaube, dass unser Stein kleiner wird.

Camus hat gesagt, man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.

Wenn Camus das gesagt hat, dann bin ich’s. Zumindest solange ich den Stein immer ein Stückchen weiter nach oben rollen kann und er mich nicht platt macht.

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