Der vergessene Arzt von Hertha BSC : Hermann Horwitz: Vom Opfer zum Menschen

Dr. Hermann Horwitz, der erste Mannschaftsarzt von Hertha BSC, wurde in Auschwitz ermordet. Eine Gruppe von Hertha-Fans hat nun sein Leben und Wirken rekonstruiert.

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Große Zeiten. Als Hermann Horwitz Mannschaftsarzt war, stand Hertha sechs Mal hintereinander im Meisterschaftsfinale – hier 1927 gegen den 1. FC Nürnberg.
Große Zeiten. Als Hermann Horwitz Mannschaftsarzt war, stand Hertha sechs Mal hintereinander im Meisterschaftsfinale – hier 1927...Foto: picture alliance / Ullstein Bild

Pascal Paterna stand vor der Schautafel, er sah das Foto, las den Text – und kam zu der Erkenntnis, dass das einfach nicht stimmen konnte, was er da sah und las. Sollte das jetzt wirklich so einfach sein? Monatelang hatten sie nach einem Foto von Hermann Horwitz gesucht, dem ersten Mannschaftsarzt von Hertha BSC. Sie hatten alte Fotos aus den Zwanzigern und Dreißigern gesichtet. Aber keine Spur von Horwitz. Ein Foto von ihm zu finden, „das wäre das Nonplusultra gewesen“, sagt Paterna, Hertha-Fan und Geschichtsstudent. Und dann steht er in der Blindenwerkstatt Otto Weidt am Hackeschen Markt, schaut sich eher zufällig die Ausstellung „Verdrängt – Verfolgt – Vergessen“ über Berliner Juden im Sport an und ist ein bisschen überrascht, dass Horwitz eine eigene Schautafel gewidmet ist. Noch mehr ist er überrascht, dass darauf ein Foto von 1908 zu sehen ist, das eine Stafettenmannschaft des Berliner SC zeigt. Der zweite Läufer von rechts heißt Hermann Horwitz.

Am Tag danach blättert Juliane Röleke, 28, Herthas Vereinsarchivarin, durch alte Ausgaben der „Fußball-Woche“ von 1931. Es ist das Jahr, in dem Hertha zum zweiten und bis heute letzten Mal Deutscher Meister geworden ist. Vom Finale gegen 1860 München gibt es ein Foto, das einen Mann im weißen Hemd, Knickerbockern und mit Sonnenbrille zeigt. Er hat den verletzten Willy Kirsei unter den Armen gepackt. Es ist: Hermann Horwitz. „Ein Jahr lang haben wir kein einziges Foto gefunden, dann zwei an zwei Tagen hintereinander“, sagt Röleke. „Total absurd.“

Das Projekt Spurensuche hat Horwitz wieder ein Gesicht gegeben

Mehr als ein Jahr hat sich eine Gruppe von rund 15 Hertha-Fans auf Spurensuche gemacht nach Hermann Horwitz, geboren 1885 in Berlin, ermordet irgendwann zwischen 1943 und 1945 in Auschwitz, weil er Jude war. Die Nazis haben nicht nur sein Leben ausgelöscht, sondern auch fast alle Spuren dieses Lebens. Sie haben aus einem Menschen ein Opfer gemacht, eines von sechs Millionen. Die Projektgruppe hat die verwischten Spuren nicht nur wieder sichtbar gemacht; sie hat Hermann Horwitz seine Geschichte wiedergegeben. Sie hat ihm – spätestens mit der Entdeckung der beiden Fotos – ein Gesicht gegeben. Ihn wieder zum Menschen gemacht. „Wir haben uns mehr für die Person Hermann Horwitz interessiert, nicht für das Opfer“, sagt die Vereinsarchivarin Röleke, die das Projekt fachlich begleitet hat.

Helfende Hände. Hermann Horwitz hilft dem verletzten Willy Kirsei im Meisterschaftsfinale 1931 wieder auf die Beine.
Helfende Hände. Hermann Horwitz hilft dem verletzten Willy Kirsei im Meisterschaftsfinale 1931 wieder auf die Beine.Foto: Fußball-Woche

Angefangen hat es im März 2016 mit einer Gedenkstättenfahrt von Hertha-Fans ins ehemalige Vernichtungslager Auschwitz. Zur Vorbereitung wollte sich die Gruppe mit Horwitz beschäftigen, der dort ermordet worden war und als ehemaliger Mannschaftsarzt einen Bezug zu Hertha hatte. „Uns ist relativ schnell aufgefallen, dass wir sehr wenig wissen“, sagt Stefano Bazzano, 35, von Herthas Fanbetreuung. „Es gab nichts über sein Wirken im Verein, nichts über sein Leben.“

Das hat sich inzwischen geändert. In der Ausstellung „Hauptstadtfußball“ im Stadtmuseum, die zu Herthas 125. Geburtstag am 25. Juli eröffnet wird, wird Horwitz als eine von elf prägenden Figuren der Vereinsgeschichte porträtiert; dann wird auch die 60-seitige Broschüre (5,90 Euro) über sein Leben erhältlich sein, die aus der Arbeit des Projekts Spurensuche entstanden ist. Stefano Bazzano sagt, den Hobbyforschern sei es gelungen, Hermann Horwitz „wieder im Vereinsbewusstsein zu implementieren“.

Die Gruppe kontaktiert Behörden, sichtet Adressbücher, durchforstet Archive und liest Erinnerungen von Holocaust- Überlebenden – immer in der Hoffnung, ein unbekanntes Detail aus Horwitz’ Leben zu entdecken. „Es gab viele Momente, wo es auf wackligen Beinen stand“, sagt Juliane Röleke. Aber daran, immer neue Wege zu suchen, sei die Gruppe auch gewachsen. Gemessen an der Ausgangslage hat das Projekt unfassbar viele Informationen über Horwitz zusammengetragen. Und trotzdem bleiben ebenso viele Lücken in seiner Biografie, die vermutlich nie mehr geschlossen werden können.

Die Gruppe hat das Grab von Horwitz' Eltern ausfindig gemacht

Auch das Schicksal seiner fünf Geschwister liegt weiter im Dunklen. Ein Bruder und eine Schwester sind ebenfalls ermordet worden. Ein Bruder hat den Holocaust überlebt, eine Schwester ist verschollen, eine weitere nach Argentinien ausgewandert. Sie hat nach dem Krieg eine Suchanfrage nach ihren Geschwistern gestellt, allerdings vom Roten Kreuz keine Informationen erhalten. Eine Nichte, die Tochter seines ermordeten Bruders, hat nach dem Krieg in Berlin gelebt. Ob sie Kinder hatte, ist unbekannt.

Die Projektgruppe hat das Grab von Horwitz’ Eltern auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee ausfindig gemacht, auch seine Geburtsurkunde. Hermann Horwitz wird Ende Dezember 1885 in Prenzlauer Berg geboren. Seine letzte Wohnung hat er in Wilmersdorf, in der Prager Straße 24. Das Haus steht nicht mehr, aber auf dem Gehweg davor wurde 2013 ein Stolperstein für Herthas früheren Mannschaftsarzt verlegt.

Horwitz macht am Sophien-Realgymnasium sein Abitur, er studiert in Berlin Medizin und wird 1917 als Militärarzt eingezogen. Dafür, dass er im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden ist, wie Daniel Körfer in seinem Buch „Hertha unterm Hakenkreuz“ schreibt, gibt es bisher keinen Beleg. 1919 erhält Horwitz seine Approbation, ein Jahr später promoviert er.

Zu Hertha kommt Horwitz 1923, als sein Verein, der Berliner Sport-Club, und der BFC Hertha zu Hertha BSC fusionieren. Kurz darauf wird er ehrenamtlicher Mannschaftsarzt des Vereins. Die Sportmedizin steckt noch in ihren Anfängen; dass Hertha in dieser Hinsicht ein Pionier ist, kommt möglicherweise nicht von ungefähr. Die Berliner zählen in jener Zeit zu den führenden Fußballklubs des Landes. Von 1926 an stehen sie sechs Mal hintereinander im Finale um die deutsche Meisterschaft. 1930 und 1931 holen sie den Titel. Hertha ist 1928 die erste Mannschaft in Deutschland, die mit Abseitsfalle spielt, und die 1930 das WM-System einführt. Der Klub scheint seiner Zeit voraus zu sein; dafür spricht auch Horwitz’ Wirken, den man wohl als Koryphäe auf seinem Gebiet bezeichnen kann und der 1926 mit einem Kollegen das Buch „Die Sportmassage“ veröffentlicht hat.

Aus den Meisterjahren „haben wir relativ viel über ihn gefunden“, sagt Vereinsarchivarin Röleke. Eine Woche nach dem ersten Meistertitel erscheint in der „Fußball-Woche“ ein Beitrag von Horwitz über seine Tätigkeit bei Hertha. Röleke hält den Artikel für ein einzigartiges Dokument: „Man bekommt eine Idee, wie er vielleicht gewesen ist, wie er geredet, was er gedacht haben könnte.“

Viele seiner Methoden wirken noch heute aktuell

Horwitz hält Vorträge über Sportmedizin, schreibt für die „FuWo“ über Ernährung und Prävention, beschäftigt sich auch mit Doping. „Nach einigen kurzen Experimenten“ lehnt Horwitz es strikt ab. Der Sportarzt solle „das Gegengewicht sein gegen eventuelle Wünsche im Club, das Letzte aus den Spielern herauszuholen“. So könnte sich auch ein Sportmediziner von heute äußern. Überhaupt sind einige von Horwitz’ Methoden noch immer aktuell. So erarbeitet er für Herthas Spieler Speisepläne, empfiehlt ihnen Huhn und Reis als Sportlernahrung. Und wenn er schreibt, dass er sich mit der Frage befasse, „ob es möglich ist, durch seelische Beeinflussung diesem Lampenfieber etwas von seiner Gefahr zu nehmen“, kann man das als frühe Beschäftigung mit dem Thema Sportpsychologie lesen.

Bei Herthas Spielern scheint Horwitz sehr beliebt gewesen zu sein. In der Festschrift zur Meisterfeier 1930 ist ein Lied abgedruckt, in dem auch dem Arzt eine Strophe gewidmet ist: „Dr. Horwitz, unser Eisenbart, au au au. Gar wundersame Mittel hat, au au au. Er schaut uns an mit tiefem Blick, au au au. Schon zieht die Krankheit sich zurück, au au au.“ All das aber spielt nach 1933 keine Rolle mehr. Horwitz darf nicht mehr als Arzt praktizieren, nur noch als sogenannter Krankenbehandler für jüdische Patienten. 1938 wird er von Hertha aus dem Verein ausgeschlossen. In der Mitgliederkartei ist hinter seinem Namen vermerkt: „Nichtarier“.

Am 19. April 1943 wird Horwitz mit dem 37. sogenannten Osttransport nach Auschwitz deportiert. Bevor er am Güterbahnhof Moabit in einen Viehwaggon gepfercht wird, hat er wie alle Juden seine Vermögensaufstellung abgeben müssen. Die Akte befindet sich im Brandenburgischen Landeshauptarchiv. „Theoretisch könnte man seine Wohnung nachzeichnen“, sagt Röleke. Die Tatsache, dass in der Aufstellung einige medizinische Instrumente vermerkt sind, deutet darauf hin, dass Horwitz zuletzt in seiner Wohnung in der Prager Straße praktiziert hat.

Im April 1943 wird Horwitz nach Auschwitz deportiert

Bisher war man davon ausgegangen, dass Hermann Horwitz gleich nach seiner Ankunft in Auschwitz am 20. April 1943 vergast wurde. Das Projekt Spurensuche hat herausgefunden, dass das nicht stimmt. Auch dabei hat der Zufall eine Rolle gespielt. Juliane Röleke ist im Internet auf eine Geschichte aus dem „SZ-Magazin“ gestoßen. Der Autor zitiert aus einem Brief seines Stief-Großvaters, der ebenfalls als Häftling in Auschwitz war. Als er in die Gaskammer geschickt werden soll, interveniert ein Dr. Horwitz mit den Worten: „Herr Lagerarzt, ich kenne den Mann aus Berlin, der war Athlet und wird sich wieder erholen.“

Dr. Horwitz, Berlin, der Bezug zum Sport – Röleke ist sich ziemlich sicher, dass es sich nur um Hermann Horwitz handeln kann und dass er nach dem 20. April 1943 noch gelebt haben muss. Ein „kleiner Adrenalinstoß“ durchzuckt sie, als sie das liest. „Das war ein Moment, wo ich gedacht habe, das könnte richtig spannend werden“, sagt Röleke.

Auch mit Hilfe dieser Information lässt sich im Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen der weitere Leidensweg von Hermann Horwitz zumindest teilweise rekonstruieren. Nach einer Woche im Arbeitslager Buna wird er als Häftlingsarzt ins Stammlager Auschwitz überstellt. Auch die Auskunft aus dem Archiv des KZ Auschwitz, dass Horwitz nicht registriert sei und keine Häftlingsnummer gehabt habe, lässt sich damit revidieren. Nur sein Todesdatum ist weiterhin unbekannt. Als das Konzentrationslager am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wird, lebt der Häftling mit der Nummer 116 761 nicht mehr.

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