DFB-Pokal : Bayern gegen Mönchengladbach: Die Geschichte spielt mit

Manuel Neuer und Dante entscheiden das Pokal-Halbfinale zwischen Mönchengladbach und den Bayern. Der Fehlschuss des Gladbachers weckt Erinnerungen an Lothar Matthäus.

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Wenn die anderen jubeln. Dante muss nach seinem verschossenen Elfmeter auch noch die Freude von Manuel Neuer ertragen. Foto: dpa
Wenn die anderen jubeln. Dante muss nach seinem verschossenen Elfmeter auch noch die Freude von Manuel Neuer ertragen. Foto: dpaFoto: dpa

Dante konnte sich kaum retten vor Schulterklopfern. Hier eine Umarmung von seinen Mitspielern, da ein Klaps von den Physiotherapeuten, selbst die Ordner vor dem Kabinentrakt suchten die körperliche Nähe zum Innenverteidiger der Mönchengladbacher. Dante machte nicht den Eindruck, als nehme er die allgemeine Zuneigung überhaupt wahr; er ließ das alles irgendwie über sich ergehen. Der Brasilianer schlurfte, sein Gesicht gen Süden geneigt, vom Feld. „Ich habe vom Finale geträumt“, sagte er. „Es tut sehr weh.“

Wenn das Pokal-Halbfinale zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayern München ein Punktspiel gewesen wäre, hätte man nach dem 0:0 nur lobende Worte für Dante und seine Kollegen aus der Gladbacher Verteidigung gefunden. Doch weil die Begegnung einen Sieger haben musste, kam es nach der ebenfalls torlosen Verlängerung zum Elfmeterschießen. Fünf Spieler hatten sicher verwandelt, als Dante zur Exekution schritt. „Ich war sehr ruhig, sehr überzeugt“, berichtete der 28-Jährige später. Er registrierte sogar noch, dass Bayerns Torhüter Manuel Neuer sich nach rechts bewegte, winkelte den Fuß nach links ab – und jagte den Ball mit der Innenseite über das Tor.

Der Fußball hat einen seltsamen Hang zu Analogien. Von Frankfurt 1984 war anschließend im Borussia-Park auffallend oft die Rede, vom Pokalfinale zwischen Gladbach und Bayern, von Lothar Matthäus, der nach diesem Spiel die Seiten wechselte und mit seinem letzten Ballkontakt im Borussentrikot den Triumph seiner Mannschaft verhinderte. Dantes Elfmeter wirkte wie die Spiegelung von Matthäus’ damaligem Fehlschuss. Der einzige Unterschied: Matthäus hatte schon vor dem Spiel seinen Wechsel nach München bekannt gegeben.

Und Dante? Ob es nicht tragisch sei, dass gerade er verschossen habe, wurde Max Eberl gefragt. „Warum?“, entgegnete Borussias Sportdirektor. Weil Dante mit den Bayern in Verbindung gebracht werde. Eberl zuckte nur mit den Schultern. Die Gladbacher dementieren weiterhin hartnäckig, dass der Brasilianer im Sommer für eine festgeschriebene Ablöse gehen wird. Dante selbst sagte: „Es wird schon lange zu viel spekuliert. Mich interessiert das nicht.“ Die jüngsten Gerüchte hatten besagt, dass der Innenverteidiger nach dem Halbfinale seinen Wechsel zu den Bayern verkünden werde. Wenn denn dieser Plan tatsächlich bestanden haben sollte, dann gebot es schon der Anstand, davon kurzfristig Abstand zu nehmen.

Obwohl es streng genommen gar nicht Dante war, der Borussias Einzug in Pokalfinale verhinderte. In letzter Instanz scheiterte Havard Nordtveit, der den Ball beim Stand von 2:4 wuchtig in die Mitte geschossen hatte. Neuer war schon auf dem Weg in die linke Ecke, erwischte den Ball aber noch mit seinem Bein. „Für mich ist er der Matchwinner“, sagte Bayerns Trainer Jupp Heynckes über seinen Torhüter. „Er hat eine super Leistung gebracht.“

Manuel Neuer konnte sich gar nicht dagegen wehren, in die Helden-Rolle gedrängt zu werden. „Er hat uns in wichtigen Phasen im Spiel gehalten“, sagte Präsident Uli Hoeneß. In der regulären Spielzeit rettete der Torhüter zweimal gegen Marco Reus, vor allem fünf Minuten vor Schluss bewahrte er sein Team auf spektakuläre Weise vor dem möglicherweise entscheidenden Treffer. Trotzdem begegnete Neuer der allgemeinen Aufgeregtheit mit ausgesuchter Gelassenheit. „Die ganze Mannschaft ist der Held“, sagte er.

Wie es hinter der Fassade aussah, darüber konnte man nur spekulieren. Es war das erste Mal, dass Neuer das getan hatte, was von einem Bayern-Torwart erwartet wird: seiner Mannschaft ein wichtiges Spiel zu gewinnen. Der 25-Jährige steht in München angesichts seiner hohen Ablöse unter latentem Rechtfertigungsdruck: Solide Leistungen reichen nicht, die Darbieten müssen schon mindestens außergewöhnlich sein. Doch statt spektakulärer Paraden hat sich Neuer in seiner Premierensaison einige Fehlleistungen erlaubt, vor allem in den beiden Bundesligaspielen gegen Gladbach. Beim Saisonauftakt, in seinem ersten Einsatz für die Bayern überhaupt, begünstigte er zusammen mit Jerome Boateng Borussias Siegtreffer durch Igor de Camargo; beim 1:3 im Rückspiel leistete der Torhüter mit einem verunglückten Abschlag die Vorarbeit zum Führungstreffer von Marco Reus.

„Mich freut es, dass Manuel seinen Gladbach-Fluch eindrucksvoll überwinden konnte“, sagte Thomas Müller. Als im Borussia-Park der erste Rückpass in den Münchner Strafraum kam, brach unter den Gladbacher Fans hämischer Jubel aus. Doch Neuer reagierte unerschrocken. „Er hat sich nicht davon beeindrucken lassen, dass er hier gepatzt hat“, sagte Heynckes. „Manuel ruht in sich.“ Für eine erfolgreiche Karriere bei den Bayern ist das ganz sicher nicht die schlechteste Eigenschaft.

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