Sport : Diamantenfieber

Niger, Gabun, Botsuana: Der Afrika-Cup 2012 ist ein Turnier der Außenseiter. Gerade deshalb suchen Scouts europäischer Klubs nach den Stars von morgen.

Aus dem Schatten
Aus dem SchattenFoto: dapd

Es ist heiß auf dem Trainingsgelände des Gabuner Jugendministeriums. Um 16 Uhr knallt die Sonne noch ganz ordentlich im Stade de INJS, der kleinen Arena am Rande der Hauptstadt Libreville. Die Nationalmannschaft des Niger kommt bei ihrer täglichen Trainingseinheit während des Afrika-Cups ganz schön ins Schwitzen. Die Außenseiter aus dem westafrikanischen Land müssen sich in der Afrika-Cup-Hierarchie hinten anstellen. Zwei Stunden später, ab 18 Uhr, ist es schon nicht mehr ganz so heiß in Gabun, das vom Äquator durchquert wird. Dann dürfen die bekannteren Spieler Tunesiens den Platz nutzen.

Mehr Zuschauer sind aber zu den Übungen des Außenseiters gekommen. Auf der kleinen Stahltribüne, die den holprigen Rasenplatz umgibt, sitzen rund 40 Augenzeugen – fast alle bewaffnet mit Block, Stift und Smartphone. „Das ist eine sehr interessante Mannschaft“, sagt Eric Brunet. Der Franzose ist als Scout für gleich mehrere französische Erstligisten beim Afrika-Cup unterwegs. Das Team Nigers schaut er sich ganz besonders intensiv an. „Die beobachten wir schon ganz genau. Sie haben junge Leute, die in Europa noch nicht bekannt sind. Das macht es für uns sehr interessant“, sagt er ein bisschen vage. Namen von Spielern, auf die er einen besonderen Blick wirft, will er nicht preisgeben. Spielerbeobachter lassen sich nie in die Karten schauen.

Niger ist eines jener Teams beim Afrika-Cup in Gabun und Äquatorialguinea, das den so genannten Großen des afrikanischen Fußballs die Suppe versalzen hat. Die Kicker aus dem riesigen Binnenland, das laut Weltbank zu den ärmsten zehn Nationen der Welt zu zählen ist, haben im Vorfeld des Turniers Titelverteidiger Ägypten ebenso bezwungen wie Südafrika. Die Afrika-Cup-Qualifikation der bis dahin selbst Fußballexperten weitestgehend unbekannten Fußballer gilt gemeinhin als Sensation. Eine weitere Überraschung gelingt der Mannschaft beim Turnier nicht mehr, nach drei knappen Niederlagen scheidet Niger nach der Vorrunde aus.

Trotzdem tut sich etwas im afrikanischen Fußball, der vor einer Wachablösung stehen könnte. „Wir erleben hier Erstaunliches. Die kleinen Nationen geben den großen Lehrstunden. Das war so nicht zu erwarten“, sagt Trainer Eric Gerets, nachdem seine Marokkaner gegen das kleine Gabun verloren haben und damit ebenfalls ausgeschieden sind. Niger, Gabun, Botsuana, Äquatorialguinea, Sudan, Burkina Faso – alles Außenseiter, die beim Afrika-Cup mit jungen, unbekannten Talenten antreten und damit auch Scouts und Spielerberater aus Europa magisch anziehen, für die der afrikanische Markt plötzlich wieder ganz neue Möglichkeiten bietet.

Das Hotel El Meridien, im Herzen von Libreville gelegen, gleich an der Atlantikküste, ist in diesen Tagen ausgebucht – obwohl es rund 220 US-Dollar pro Übernachtung im Einzelzimmer verlangt. Im Foyer drängeln sich Journalisten, Sponsorenvertreter, Scouts und Spielerberater, es geht zu wie auf einer Fußballmesse. Unter ihnen ist auch Eric Brunet wieder zu finden, der sich nach dem Training Nigers auch noch die Tunesier angeschaut hat. Der etwa 50-Jährige hängt am Telefon, will sich einen Flug ins 600 Kilometer entfernte Franceville organisieren, wo am nächsten Tag das Gruppenspiel Ghana gegen Botsuana stattfindet. Botsuana ist auch so ein Team der Unbekannten. Niemand in Europa kennt jene Akteure, die fast alle noch in ihrer heimischen Liga beim Polizeisportklub oder im Team der Armee spielen. Junge Burschen, die mit dem Fußball so gerade eben mal ihren Lebensunterhalt bestreiten können, in der Qualifikation für den Afrika-Cup aber ganz locker das vergleichsweise große Tunesien, den Tschad und Malawi hinter sich ließen.

Lutz Pfannenstiel hat sich derweil zum Spiel zwischen Gabun und dem Niger aufgemacht. Auch der Scout des Bundesligisten TSG Hoffenheim beobachtet interessiert jede Bewegung der afrikanischen Jungstars ganz genau. André Biyogo und Levy Madinda zum Beispiel, die zwei 19 Jahre jungen Mittelfeldspieler Gabuns, die im vergangenen Dezember schon maßgeblich dazu beigetragen hatten, dass Gabun das Afrika-Turnier der besten U-23-Mannschaften gewann und sich somit für das olympische Fußballturnier in London qualifizierte. Auch damals war Pfannenstiel vor Ort, jetzt will er sehen, wie sich die Talente im Turnier der Großen behaupten. „Man muss die Jungs über einen langen Zeitraum beobachten“, sagt er. „Nur dann kann man wirklich irgendwann einschätzen, ob sie es etwa in die Bundesliga schaffen könnten.“

Pfannenstiel hat schon viel gesehen von der Fußballwelt. Als Torhüter machte er sich einen Namen als Weltenbummler und war im Laufe seiner Karriere auf sechs Kontinenten beschäftigt. Er findet, dass die Bundesliga-Vertreter zu wenig über den eigenen Tellerrand hinausschauen, wenn es um das Entdecken von Talenten geht. „Vor allem in Afrika kennen sich die Bundesligisten wirklich nicht gut aus“, sagt er. Hoffenheim will er nun einen Wettbewerbsvorteil erarbeiten. „Hoffenheim hat ja mit Obasi, Demba Ba, Vorsah und jetzt Musona schon gute Erfahrungen mit afrikanischen Fußballern gemacht. Diese Linie wollen wir weiter fortführen“, sagt Pfannenstiel. „Vor allem junge Afrikaner sollen bei uns eine Chance bekommen. Wenn sie denn gut genug sind.“

Um das herauszufinden, beobachtet Pfannenstiel den Afrika-Cup gleich mit weiteren zwei Mitarbeitern zusammen. Es ist beileibe nicht nur das Fußballtalent, das technische Können, Schnelligkeit und Torriecher, was Pfannenstiel an jungen Fußballern interessiert. „Wir beobachten alle Mannschaften hier mindestens zweimal live vor Ort. Es ist wichtig zu sehen, wie sich die jungen Talente unter dem mentalen Druck eines solch großen Turniers bewegen. Ob sie diesem Druck standhalten“, erklärt er.

Damit Scouts wie Pfannenstiel die jungen Rohdiamanten aus Afrika aber überhaupt zu Gesicht bekommen, ist die Arbeit von anderen an der Basis wichtig. Schließlich müssen es die Talente erst einmal in eine der Auswahlmannschaften ihrer Länder schaffen. „Ich bin monatelang durchs ganze Land gereist und habe Spieler gesichtet, in Trainingslager eingeladen und in die Nationalmannschaft integriert. Das zahlt sich jetzt aus“, sagt Gernot Rohr, der deutsche Nationaltrainer Gabuns. Nachwuchsarbeit wird in vielen Ländern Afrikas forciert, seit der Fußballweltverband Fifa vor Jahren dem Transfer von minderjährigen Fußballern zwischen den Kontinenten einen Riegel vorschob. Zwar wird die Regel nach wie vor mit allerlei Winkelzügen unterlaufen, es wechseln noch immer viele gerade einmal 15 oder 16 Jahre alte Talente zu Europas Klubs. Die ganz große Wanderung von afrikanischen Minderjährigen auf den gelobten Fußball-Kontinent ist aber erst einmal gestoppt. „Das ist gut so und hat dazu geführt, dass die Ausbildungsarbeit zunehmend in Afrika geleistet wird“, hat Rohr beobachtet. Stars wie Kameruns Star-Torjäger Samuel Eto’o, der gerade eben erst in Gabuns Hauptstadt Libreville ein Jugendinternat eröffnete, engagieren sich.

Doch die Arbeit vor Ort ist mühsam. „Unseren kleinen Außenverteidiger Charly Mussono habe ich buchstäblich aus dem Urwald geholt“, sagt Gernot Rohr. „Der stammt von einem Pygmäenstamm ab. Der ist so klein, da haben mich alle ausgelacht, als ich den geholt habe. Aber er ist stark und hat einen unheimlichen Kampfgeist. Heute ist er einer der Leistungsträger der Nationalmannschaft“, berichtet Rohr.

Außerdem ist Afrikas unterentwickelte Infrastruktur ein Problem. Doch da bringt der Afrika-Cup, der alle zwei Jahre ausgetragen und regelmäßig an schwach entwickelte Länder vergeben wird, eine Entwicklung. Rund 750 Millionen US-Dollar sollen allein in Gabun insgesamt in den Ausbau der Sportstätten, Hotels und Verkehrswege investiert worden sein. Handelspartner China hat den Gabunern dabei kräftig unter die Arme gegriffen. Das nagelneue „Stadion der chinesisch-gabunischen Freundschaft“ 15 Kilometer außerhalb Librevilles haben die Chinesen dem wichtigen Rohstofflieferanten Gabun geschenkt. Beim Autobahn- und Schienennetzausbau wurden chinesische Baufirmen engagiert. Gabun gilt mit seinem Rohstoffreichtum aber ohnehin als so etwas wie die Schweiz unter den Ländern Afrikas. Die Bevölkerung ist vergleichsweise wohlhabend, für das Fußball-Nationalteam können problemlos jederzeit zusätzliche Gelder locker gemacht werden.

Das ist in einem Land wie Niger ganz anders. Dort verursachen immer wiederkehrende Dürren – einhergehend mit dem riesigen Bevölkerungswachstum – regelmäßig Hungersnöte. Es bleibt fürAußenstehende ein Rätsel, wie in einem solchen Land Jugend-Fußballer professionell ausgebildet werden können. Als das Nationalteam vor dem Afrika-Cup ein Trainingslager beziehen wollte, konnte der Staat noch nicht einmal das finanzieren. Daraufhin wurde eine Fußball-Steuer auf jedes Handy-Telefongespräch erhoben, das im Land geführt wird. So wird also bald auch Eric Brunet, der Scout aus Frankreich, Gutes für Nigers Fußball tun. Er plant eine Recherchereise in Nigers Fußballszene, gleich nach dem Afrika-Cup. „Ich werde dort sicherlich zwei Wochen bleiben und mir einen Überblick vor Ort verschaffen“, sagt er. Jedes Telefonat, das er dann mit seinem Handy führt, wird Nigers Fußball unterstützen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar