Sport : Die Entschlossenheit des Schweigens

Es ist die letzte Busfahrt auf einer irrwitzig langen Reise – unterwegs mit Alba Berlin zum Meisterspiel

Thomas Pletzinger
Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Großes Schweigen im Bus nach Bamberg. Alle sind auf ihren Plätzen, wie immer: der dicke Micha fährt, dahinter Baldi und Demirel und Coach Katzurin, alle arbeiten und telefonieren. Die Spieler oben, kreuz und quer über die Sitze verteilt, Yassin Idbihi mittig zwischen Zeitungsseiten, Schaffartzik mit Buch, Jenkins ganz hinten auf der Rückbank, Rochestie summt vor sich hin. Alles ist wie immer und gleichzeitig ist alles anders.

Es ist ein perfekter Tag für eine letzte Busfahrt, klar und sauber, die Sonne über allem. Die Route ist wie immer: Siegessäule, Avus, Schkeuditzer Kreuz, Pause an der Autobahn, bergauf, bergab, Bamberg. Es liegt Melancholie in der Luft, aber das würde niemand zugeben. In der Früh haben ein paar Spieler ihre Schränke im Trainingszentrum geräumt, Duschgel und Kinderbilder, Amulette und löchrige Socken. Am Morgen hat Micha die Taschen eingeladen und jeden begrüßt. Das allerletzte Mal heute, hat er gesagt, danach fahre ich euch nirgendwo mehr hin.

Die Saison war lang, die längste Saison in der Geschichte von Alba Berlin. Seit August ist die Mannschaft zusammen, seit dem Trainingslager in Kranjska Gora saßen wir in Bussen, Flugzeugen, Umkleidekabinen, wir standen an spanischen Buffets, an Gepäckbändern in Moskau, wir saßen in Quakenbrücker Konferenzräumen, auf Hagener Kabinenbänken, wir checkten ein, wir checkten aus. Wir steckten im Schnee und in der Krise. Wir waren in hundert Autobahnraststätten, dreißig mitternächtlichen McDonald’s, Burger Kings und Subways. Die Mannschaft hat fast siebzig Spiele gespielt, in der Europaliga-Qualifikation, im Eurocup, im Pokal und der Bundesliga, es gab schlimme Niederlagen. Muli Katzurin hat Luka Pavicevic abgelöst, Spieler gingen, neue kamen. Es gab grandiose Siege. Jetzt ist der 18. Juni, und Alba Berlin ist immer noch dabei – viel länger, als viele geschrieben und die meisten vermutet haben (manchmal sogar die Mannschaft selbst). Der 18. Juni war monatelang ein abstraktes Datum, ein fast irrealer Tag in weiter Ferne: der allerletzte Spieltag der Saison. Um diesen Tag zu erreichen, mussten unwahrscheinliche und unglaubliche Dinge passieren: zwei Playoff-Serien mussten gewonnen werden, das Finale musste in die fünfte und entscheidende Runde gehen. Und nun dieser 18. Juni, jetzt kann Alba Berlin deutscher Meister werden. Diese Saison mag wie eine rasante Achterbahnfahrt klingen, aber sie fühlt sich an wie eine irrwitzig lange Busreise Richtung Bamberg.

Wenn zwanzig Männer zehn Monate lang im Bus sitzen, verliert gesprochene Sprache immer mehr an Bedeutung. Am Ende einer Saison kann ein Außenstehender den Unterhaltungen kaum mehr folgen. Eine professionelle Basketballmannschaft ist eine etwas eigentümliche Familie, in der alles gesagt ist, aber die trotzdem weiter redet. Es wird imitiert, drei Sprachen werden miteinander verquirlt, es wird gegrölt, anzitiert, uneigentlich gesprochen, gespottet, es wird in drei Sprachen geflucht, es wird grandios, albern, es wird lautpoetisch, NeinNeinNein, sagt Femerling, DochDochDoch, sagt Schultze. Wenn es drauf ankommt, versteht sich eine gute Basketballmannschaft ganz ohne Worte.

Zum Gegner ist zu diesem Zeitpunkt ebenfalls alles gesagt. Als Alba kurz vor Weihnachten das erste Mal gegen Bamberg spielte, lag knietiefer Schnee, Pavicevic war der Trainer, und die Mannschaft ging 52:103 in der Bamberger Arena unter. Für das erste Spiel hatte Pavicevic den Spielern ausdauernd Videos des kompletten Bamberger Angriffs- und Verteidigungsarsenals gezeigt. Alles war ausführlich besprochen worden, das wenigste davon wurde umgesetzt. Auf der Rückfahrt war das Schweigen im Bus betreten, verunsichert vielleicht, vielleicht zweifelnd.

Das zweite Spiel gegen Bamberg war ein Heimspiel und wurde nur knapp verloren. Muli Katzurin war jetzt der Coach der Mannschaft. Kotrainer Konstantin Lwowsky, Bobby Mitev und Mauro Parra sichten immer noch alle Spiele des Gegners und erstellen Videoclips der Angriffs- und Verteidigungssysteme, sämtliche Variationen, das gesamte Playbook. Zusätzlich erhält jeder Spieler zwanzig Seiten detaillierte Informationen zu jedem Akteur des Gegners, zu seinen Stärken und Schwächen, zu seinen Vorlieben. Dazu eine DVD mit Videosequenzen seines direkten Gegenspielers. Alles ist bekannt, alle Informationen sind da. Man weiß, dass Bamberg das Spiel mit zwei besonderen Spielzügen eröffnen wird, die Center Tibor Pleiß ins Spiel bringen sollen. Man weiß, dass Kyle Hines meist gefährlich über rechts attackiert. Man weiß, wann, wie und von wo Casey Jacobsen werfen wird. Und so weiter. Man weiß alles, und in den Play-offs wird dieses Wissen ständig aktualisiert und ergänzt.

Vor dem ersten Spiel der Finalserie gegen Bamberg hat Alba gerade erst gegen Frankfurt gewonnen. Für die taktische Umstellung ist sehr wenig Zeit, aber alles ist vorbereitet. Katzurin und die Coaches zeigen Videos und dozieren, die Mannschaft erfährt alles, aber macht aus diesem Wissen nicht viel, das Wissen bleibt Theorie, Bamberg geht 1:0 in Führung. Im zweiten Spiel läuft es besser, Alba gewinnt mit einer Energieleistung und Aufholjagd, man ist am Abgrund eines 2:0-Rückstandes entlangspaziert und nicht hineingefallen.

Es gibt weitere Gespräche und Videostudien, Bryce Taylor sieht sich das komplette Spiel in Zeitlupe an, um den Gegner besser zu verstehen. Vor dem dritten Playoff-Spiel nennt Coach Katzurin Jacobsen nur noch Casey. In einer Play-off-Serie lernt man den Gegner so gut kennen, dass man ihn ungefragt beim Vornamen nennen darf. Die Spieler können die Bewegungsabläufe ihrer Gegenspieler im Training nahezu perfekt imitieren: wie Anton Gavel wirft, wie Predrag Suput täuscht, wie Casey sich mit beiden Händen den Schweiß aus dem Gesicht streicht. Für Spiel drei ist Alba vorbereitet, aber der Sieg geht trotzdem an Bamberg. Die Halle ist brüllend laut, der Gegner ist besser und konkreter, es steht 2:1 für Bamberg. In Spiel vier dreht Alba dieses Missverhältnis um und gewinnt in eigener Halle, sehr handfest und beeindruckend, sagt der Busfahrer, mit Herz, Verstand und Mut. 2:2.

Zurück zum Schweigen: Es ist der 18. Juni und die deutsche Basketballmeisterschaft wird entschieden. Die Arena in Bamberg ist restlos voll, es werden Tausende bei der Liveübertragung auf dem Bamberger Max-Platz stehen. Es wird irre laut, schon deshalb muss Alba ohne Worte auskommen. In jedem Jahr kommt eine Basketballmannschaft an den Punkt, wo Worte an Bedeutung verlieren, wo alles formuliert ist, alles gesagt und alles geschrieben. Es ist die Stunde, in der wir alles voneinander wissen: Trainer über Spieler, Spieler über Trainer, Spieler über Spieler, und alle über das Spiel. Bamberg weiß alles über Alba und Alba weiß alles über Bamberg. Diese Saison ist fast vorbei, es muss eine Entscheidung her, ganz konkret, ganz physisch, es gibt nichts mehr zu sagen. Alles liegt jetzt in den Händen der Spieler. Großes Schweigen also im Bus, ein konzentriertes Schweigen, eine entschlossene Stille. Und auf der Rückfahrt eventuell Gesang.

Der Schriftsteller Thomas Pletzinger begleitet Albas Mannschaft seit dem Trainingsauftakt im vergangenen August. Sein Buch über seine Saison mit dem Team wird am 24. November 2011 unter dem Titel „Gentlemen, wir leben am Abgrund“ bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen.

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