Die grün gewaschenen Spiele : Olympia in Sotschi - die reinste Umweltkatastrophe

„Wollen Sie noch eine richtige Katastrophe sehen?“ Davon kann der Umweltschützer Wladimir Kimajew so einige zeigen. Rund um Sotschi wird die Umwelt so stark zerstört wie wohl noch nie bei Olympia.

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Die Natur in und um Sotschi wird nach Olympia wohl nie mehr so blühen wie zuvor.
Die Natur in und um Sotschi wird nach Olympia wohl nie mehr so blühen wie zuvor.Foto: dpa

Wladimir Kimajew hat schon mehr als eine Stunde geredet. Über abgeholzte Bergwälder, illegale Mülldeponien und Baustellen in Biosphärenreservaten. Dann fragt der 54 Jahre alte Umweltschützer: „Wollen Sie noch eine richtige Katastrophe sehen?“ Er führt seine Besucher zu einem Steinbruch, die Baumaschinen in ein Naturschutzgebiet oberhalb von Sotschi geschlagen haben, auf halber Strecke zwischen dem Schwarzen Meer und den Gipfeln des Kaukasus. Unaufhörlich lärmen die Bagger, hier wird Material für die olympischen Baustellen gewonnen. Dahinter im Tal schlängelt sich der Fluss Msymta – oder was davon übrig ist – den Sportstätten an der Küste entgegen. „Das ist ein Thema für weitere Stunden“, sagt Kimajew seufzend. „Es ist ein Verbrechen, was mit diesem Fluss passiert ist.“

Ein Verbrechen, für das nie irgendjemand bestraft werden wird.

Seit Jahrzehnten hat das Internationale Olympische Komitee sich den Umweltschutz auf die Fahne mit den fünf Ringen geschrieben. Offiziell erfüllt auch Sotschi, wo heute in einer Woche das olympische Feuer entzündet wird, alle Umweltstandards und will „Grüne Spiele“ ausrichten. Wladimir Kimajew runzelt die Stirn, wenn er auf diesen Begriff angesprochen wird. „Grüne Spiele? Ich höre diesen Ausdruck immer wieder“, sagt er. „Ich weiß aber nicht, was er bedeuten soll.“

Mit seinen Mitstreitern von der Organisation Umweltwache Nordkaukasus hat Kimajew dokumentiert, wie die Natur unter den Vorbereitungen für Olympia gelitten hat. Vom Steinbruch aus ist nicht zu übersehen, was zum Beispiel aus der Msymta geworden ist. Früher war sie ein nahezu unberührter Gebirgsfluss, heute ist ihr Bett entstellt von den Trassen der Bahnstrecke und der Schnellstraße, die zu den neuen Skiorten und olympischen Pisten und Sprungschanzen in die Berge führen. „Der ursprüngliche Wald an den Flussufern ist nahezu komplett zerstört“, sagt Kimajew. „Das Wasser ist dreckig, es gibt viele Verschmutzungsquellen weiter oben.“ Unter dem teuersten Infrastrukturprojekt der Winterspiele werden laut Kimajew nicht nur Pflanzen und Tiere leiden: „Der Fluss liefert das Trinkwasser für halb Sotschi, die Wasserqualität ist 30 Prozent schlechter geworden.“

Es ist dieser Tage nicht ungefährlich, Themen wie diese anzusprechen. Der Ökologe Jewgeni Witischko, wie Kimajew bei der Umweltwache aktiv, wurde nach einem friedlichen Protest vor der Residenz des Gouverneurs der Region Krasnodar zu drei Jahren Straflager verurteilt. Auch Kimajew sollte eingeschüchtert werden, die Reifen seines Autos wurden zerstochen. Die Olympia-Organisatoren wollen alle Misstöne vermeiden – und ihre eigene Version von Nachhaltigkeit und Spielen im Einklang mit der Natur verbreiten.

Wer Fluss, Schnellstraße und Bahngleisen bergauf folgt, landet nach wenigen Kilometern an einer neuen Liftstation. Per Gondel werden Besucher und Sportler hoch zur Strecke der Biathleten und Langläufer transportiert. Das Stadion hat der russische Staatskonzern Gazprom errichtet. „Vor vier Jahren gab es hier nur Bäume und einen Hügel“, sagt Andrej Markow stolz. Markow ist als Pressesprecher für das Stadion zuständig, er lächelt alle Bedenken weg. „Baustellen in den Bergen sind immer schwierig. Natürlich tut es uns leid, dass wir Bäume fällen mussten“, sagt Markow. Aber man werde kleine Bäume pflanzen, „in zehn, 15 Jahren wird es hier wieder Wald geben“.

IOC-Präsident Thomas Bach sagte kürzlich der „Frankfurt Allgemeinen Zeitung“, für jeden gefällten Baum würden mehr als drei neue gepflanzt. Eine Aussage, die Umweltschützer sofort bestritten. Wladimir Kimajew schüttelt über die Versprechungen von IOC und Olympia-Organisatoren nur seinen kahlen Kopf. „Man kann nicht von einer Kompensation sprechen, wenn für einen Bergwald an der Küste Palmen und Sträucher gepflanzt werden, die für unsere Landschaft überhaupt nicht typisch sind“, sagt er. Viele der kleinen Setzlinge seien zudem längst eingegangen. Die Organisatoren von Sotschi sprechen auch gerne über umweltfreundliche Baustandards und vergrößerte Naturschutzgebiete, Experten halten das für einen typischen Fall von Greenwashing, also eines reinen Umwelt-PR-Manövers ohne reelle Grundlage. Sotschi wirbt auch mit der geglückten Zucht von vier kleinen Schneeleoparden, die den Fortbestand der bedrohten Art sichern sollen.

Kimajew ist nicht der erste Umweltschützer, den Olympia verzweifeln lässt. Und Sotschi ist nicht der erste Austragungsort, den Winterspiele dauerhaft entstellen. Für die Skipisten der Spiele 1968 in Grenoble wurden 300 000 Kubikmeter Fels weggesprengt. Vier Jahre später protestierten in Sapporo Umweltschützer gegen Abfahrtsstrecken in einem Naturschutzgebiet am Vulkan Eniwa. 1992 wurde die Alpenlandschaft rund um Albertville ohne jede Rücksicht auf die Natur umgepflügt. Die Bob- und Rodelbahn kühlte man mithilfe von Ammoniak, an Anwohner der Bahn wurden vorsorglich Gasmasken ausgegeben. Selbst die bisher vermeintlich nachhaltigsten Spiele in Vancouver vor vier Jahren machten zuletzt negative Schlagzeilen: 20 mit Brennstoffzellen betriebene Busse werden im März ausgemustert und durch herkömmliche Dieselbusse ersetzt. Ständige Pannen und enorme Kosten hatten die Busse unrentabel gemacht, der Wasserstoff für den Antrieb musste mit Lkw quer durch Kanada angeliefert werden.

Wladimir Kimajew bedauert, dass die Bürger von Sotschi bei den Bauarbeiten und Olympia-Vorbereitungen nicht mitreden konnten. Es habe zwar eine öffentliche Versammlung gegeben, auf der über Bauarbeiten im Nationalpark beraten werden sollte. „Das war ziemlich frech“, erinnert sich Kimajew, das Umweltministerium habe die Zuständigkeit zuvor an die Stadtverwaltung abgetreten, „die Arbeiten hatten schon längst begonnen“.

Die Bürger von München, Graubünden und Stockholm durften zuletzt mitreden und sprachen sich gegen eine Bewerbung für die Winterspiele 2022 aus. Auch wegen der drohenden Umweltschäden. Angesichts der Größe der Veranstaltung und der dafür benötigten Infrastruktur – in Sotschi werden rund 13 000 Journalisten, 6000 Athleten und Betreuer, 25 000 freiwillige Helfer und zehntausende Zuschauer erwartet – wird es schonende Winterspiele auf absehbare Zeit kaum geben. In Pyeongchang, wo die Winterspiele 2018 stattfinden, gibt es bereits Proteste gegen die in einem Naturschutzgebiet geplanten Alpinstrecken.

Sotschi könnte eigentlich das abschreckende Beispiel werden, der Wendepunkt in der Entwicklung der Winterspiele. Wladimir Kimajew glaubt allerdings nicht, dass Katastrophen wie der Steinbruch zu einem Umdenken führen werden: „Die meisten Leute haben keine Ahnung, dass hier oben so etwas passiert.“

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