Sport : Die Ruderkinder von Gaza

Der Sport sollte ihnen Hoffnung geben und ein wenig Normalität. Nun macht der Krieg das Projekt zunichte

Frank Bachner

Berlin - Die Brandsätze sind in die Räume im Erdgeschoss geflogen. In dem heruntergekommenen Gebäude stand zum Glück nicht viel – nur eine Tischtennisplatte, ein bisschen Kinderspielzeug und zehn Ergometer, Trockenruder-Maschinen aus Metall. Jetzt sind die Räume im Erdgeschoss schwarz vom Rauch, und die Maschinen und die Tischtennisplatte stehen im ersten Stock. Es ist jetzt alles ein bisschen gedrängter als ein Stockwerk tiefer, weil oben weniger Platz ist, aber das ist nicht das Problem. Es trainiert sowieso niemand an den Maschinen. Wer hier auftaucht, schwebt in Lebensgefahr.

Auf der einen Seite des Gebäudes liegt das Haus von Ismail Hanija, dem gerade abgesetzten Hamas-Regierungschef des Gaza-Streifens, auf der anderen liegt ein Gebäude des Geheimdienstes der Fatah-Bewegung. Das wichtigste Projekt des palästinensischen Ruderverbands, die sportliche Heimat für 30 Kinder und ihre Trainer, liegt im Zentrum des Bürgerkriegs. Fatah-Kämpfer haben Hanijas Haus mit Granaten beschossen, ein paar Splitter landeten auch in dem Nachbargebäude mit den schwarzen Wänden. „Eine Art Kollateralschaden“ nennt das Iradj El-Qalqili, der Direktor des palästinensischen Ruderverbands. Die Brandsätze flogen dagegen sehr gezielt ins Haus mit den Ergometern. Hamas-Kämpfer hatten sie geschleudert. „Der Klub galt als Fatah-treu“, sagt El-Qalqili. Das reichte schon als Grund. El-Qalqili hat jetzt nur noch ein Ziel: „Wir müssen unseren Kindern und Trainern neue Hoffnungszeichen geben. Die Eltern der Kinder schieben gerade Matratzen vor die Wände und verrammeln alle Türen.“ In Gaza wird geschossen und gemordet.

Vielleicht geht gerade ein hoffnungsvolles Projekt in den Wirren eines Bürgerkriegs zugrunde. Trockenrudern im Gaza-Streifen, das ist eben nicht bloß Sport. Die Ergometer stehen auch für ein wenig Hoffnung in einem trostlosen Alltag. Die Kinder sollen hier Spaß und Abwechslung haben, sie sollen Werte wie Teamwork, Leistungsdisziplin und Rücksichtnahme lernen. Und sie sollen andere Bilder sehen als rollende Panzer, Soldaten, Tote und Verwundete. Ein Hauch von Normalität im Flüchtlingslager Al Shaati sollte hergestellt werden – in einem Lager, in dem 60 000 Menschen leben und in dem es keine Parks und keine Wiesen und keine Schulhöfe gibt.

Es ist El-Qalqilis Projekt. Der 32-jährige Unternehmensberater arbeitete im UN-Auftrag als Berater des palästinensischen Ministeriums für Jugend und Sport. Er sah das Elend, wollte helfen. El-Qalqili hat einen deutschen Pass, aber sein Vater lebte viele Jahre lang im Westjordanland, viele seiner Onkel und Tanten leben noch im Gazastreifen. Er ist früher in der deutschen Nationalmannschaft gerudert. Da lag Trockenrudern als Hilfe für palästinensische Kinder nahe. 2003 baute er das Projekt mit Freunden im früheren Freizeitklub der UN auf. Inzwischen betreut er es von Bahrein aus, über E-Mail und Telefon hält er Kontakt. Ein Vorstandsmitglied des palästinensischen Ruderverbands, das ständig vor Ort ist, informiert ihn.

Es hatte immer Probleme gegeben, aber seit den Unruhen, die sich zum Bürgerkrieg entwickelten, ist alles noch schlimmer geworden. Im März kamen zum letzten Mal die Kinder und die Trainer, aber richtiges Training fand schon nicht mehr statt. Die Kinder kamen nur noch jeden zweiten Tag, sie zogen auch nicht mehr zielgerichtet an den Seilen der Maschinen. Früher veranstalteten die Trainer eine Ergometermeisterschaft. Jedes Kind erhielt Sportkleidung, bezahlt aus Spenden, und am Abend gingen Trainer, Kinder und Eltern im schönsten Hotel der Gegend essen. Doch zuletzt, sagt El-Qalqili, reduzierte sich das Training „auf betreutes Nachmittagsprogramm mit etwas Sport. Man traf sich zum Limonade trinken und zum Kekse essen.“ Manchmal redeten sie dabei auch von Mark Gerban.

Früher war Gerban so etwas wie ein leuchtendes Vorbild. Der 27-Jährige ist das einzige Mitglied der palästinensischen Ruder-Nationalmannschaft. Er lebt und trainiert in Hamburg, aber er hat einen palästinensischen Vater – er steht für einen, der es geschafft hat. Bei der Weltmeisterschaft 2006 belegte er den 18. Platz, er wird auch am nächsten Wochenende in Amsterdam im Weltcup starten. El-Qalqili wird ihn dort betreuen wie schon im vergangenen Jahr bei der WM.

Vor dem Bürgerkrieg, da war Gerban jemand, dem die Kinder im alten UN-Gebäude nacheifern konnten. Er stand für einen Traum, der realisierbar erschien, wenn man sich nur anstrengte und hart trainierte. Gerban hat es bis aufs Wasser geschafft. Aber jetzt? „Jetzt erscheint er den Kindern doch wie einer von einem anderen Stern“, sagt El-Qalqili. „Vorher war er ein Symbol für mögliche Normalität.“ Die Kinder fragen jetzt: Warum ist diese Normalität bei uns nicht möglich? In dem Alltag, der in Gaza herrscht, geht es ums Überleben, und nicht darum, wie man bei einem Weltcup starten kann.

Gerban hätte im vergangenen Herbst gerne etwas mit den Kindern gemacht, sagt El-Qalqili. Aber schon damals ging das aus Sicherheitsgründen nicht. „Wir hatten nicht die Sicherheit, dass er wieder aus dem Gazastreifen rausgekommen wäre.“ Für die Kinder schreibt Gerban regelmäßig Tagebuch. Er schildert seine Wettkämpfe und seine Trainingslager; die Texte werden per E-Mail verschickt. So lebt Gerban als virtueller Held in der Phantasie der jungen Talente. Sie hörten von ihm im Fernsehen oder von ihren Trainern. Die lasen aus Gerbans Tagebuch vor oder zitierten seine Rennberichte in den Zeitungen. El-Qalqili oder seine Helfer hatten die Manuskripte an die Redaktionen geschickt.

Aber jetzt sitzen die Übungsleiter zu Hause. Das hat nicht bloß mit der unmittelbaren Gefahr auf den Straßen zu tun. Sie können schlichtweg nicht mehr auf die Hamas-nahe Universität. Das Geld fehlt. An der Uni erhielten sie eine tiefergehende Trainerausbildung sowie Computer- und Englisch-Kurse. Es war ein maßgeschneidertes Angebot. Zehn Trainer lernten an der Uni. Die Kosten für die Kurse übernahm das Projekt. Zwei Stiftungen, in der Schweiz und in den USA, sind neben privaten Sponsoren die Haupt-Einnahmequellen des Unternehmens Trockenrudern in Gaza. Mit UN-Geldern wurden im ersten Jahr vor allem die Trainer bezahlt. Aber aus rechtlichen Gründen fließt das Geld über einen US-Account auf die Banken in Gaza. Und diese Möglichkeit ist jetzt versperrt. Die Banken lehnen den Transfer ab. „Geld wäre noch ein bisschen da“, sagt El-Qalqili, „aber wir kommen da nicht heran.“ Im Moment lotet er gerade ein paar Winkelzüge aus, um doch noch ein wenig Hilfe nach Gaza zur transferieren.

El-Qalqili versucht gerade verzweifelt, das Projekt überhaupt am Leben zu erhalten. Dem 32-Jährigen schwebt eine Zusammenarbeit etwa mit dem SOS-Kinderdorf in Rafah vor, dem einzigen Kinderdorf im Gazastreifen. El-Qalqili würde gern die Ergometer nach Rafah transportieren. Das liegt zwar 15 Kilometer von Al Shaati entfernt, aber das würde El-Qalqili in Kauf nehmen. „Dann würden wenigstens andere Kinder etwas davon haben. Dann würde es wieder neue Perspektiven für die Kinder in Gaza geben.“

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